Themenüberblick

Berlin: „Land trotz Schuld aufgefangen“

In vielen Ländern haben anlässlich des Weltkriegsgedenkens Gedenkfeiern stattgefunden. Im deutschen Bundestag fand eine Feierstunde statt. Parlamentspräsident Norbert Lammert würdigte die Soldaten der westlichen Alliierten und der Roten Armee.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Der 8. Mai sei für den ganzen Kontinent ein Tag der Befreiung gewesen, sagte Lammert. „Er war aber kein Tag der deutschen Selbstbefreiung“, fügte er hinzu. Die gescheiterten Versuche mutiger Deutscher im Widerstand dürften nicht vergessen werden. Doch Gedanken und Respekt gelten laut Lammert vor allem denen, „die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben“.

Lammert sagte: „Wir gedenken heute der Millionen Opfer eines beispiellosen Vernichtungsfeldzugs gegen andere Nationen und Völker, gegen Slawen, gegen die europäischen Juden.“ Er würdigte die Bereitschaft der Nachbarn Deutschlands zur Versöhnung als historisch beispiellos. „Diese Bereitschaft unserer Nachbarn zur Versöhnung ist historisch ebenso beispiellos wie die Katastrophe, die ihr vorausgegangen war“, sagte Lammert. Der Fall der Deutschen habe politisch, ökonomisch und moralisch nicht tiefer sein können. Umso erstaunlicher sei es, „dass unser Land trotz der Schuld aufgefangen wurde“.

„Sieg eines Ideals über totalitäre Ideologie“

Auch Frankreich gedachte feierlich des Endes des Zweiten Weltkriegs. Präsident Francois Hollande legte zunächst Blumen am Fuß der Statue von General Charles de Gaulle nieder, der die französischen Truppen gegen die Wehrmacht angeführt hatte. Neben Ministerpräsident Manuel Valls und den Präsidenten von Senat und Nationalversammlung nahmen auch Mitglieder von De Gaulles Familie teil. Anschließend fuhr Hollande im Auto, flankiert von Soldaten der Nationalgarde zu Pferde, die Prachtstraße Champs-Elysee hinauf.

Während die französische Nationalhymne, die Marseillaise, erklang, nahm der Staatschef im Beisein von Valls und Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Arc de Triomphe eine Truppenparade ab. Anschließend legte er einen Kranz aus blauen, weißen und roten Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten nieder, das die französischen Opfer der beiden Weltkriege ehrt, und entfachte die ewige Flamme neu. In Anwesenheit einiger Veteranen des Widerstands gegen die Nationalsozialisten wurde das Lied der Partisanen angestimmt.

In seiner Ansprache im Elyseepalast erinnerte Hollande an die französische Widerstandsbewegung: „Der Sieg am 8. Mai war kein Sieg einer Nation über eine andere. Es war der Sieg eines Ideals über eine totalitäre Ideologie.“ Auch heute müsse Intoleranz bekämpft werden, fügte Hollande hinzu. „Die Geschichte ist nicht Nostalgie, sie ist eine Lehre für die Zukunft.“

Gedenkfeiern auf der Westerplatte

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski erinnerte an das Schicksal der Staaten Ostmitteleuropas nach 1945. „Nicht allen hat das Ende des Krieges die Freiheit gegeben“, sagte er in der Nacht auf Freitag auf der Westerplatte bei Gdansk. An dem Ort, an dem die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs fielen, ging es nicht nur darum, aller Opfer des Krieges zu gedenken und alle zu ehren, die gegen das Nazi-Regime kämpften, sondern auch der Verletzung von Souveränität und Selbstbestimmung nach 1945 zu gedenken.

Vor Staatschefs aus Ostmittel- und Südosteuropa sowie dem Baltikum betonte Komorowski, der schrecklichste Konflikt des 20. Jahrhunderts habe mit der Partnerschaft zweier Diktaturen begonnen - des nationalsozialistischen Deutschlands und der stalinistischen Sowjetunion.

Komorowski würdigte die europäische Einigung und Versöhnung einstiger Gegner als Lehre aus der Tragödie des Krieges und dem Leid, das er über alle Völker Europas brachte. Gleichzeitig sprach er vom Freiheitswunsch der Menschen auf der „falschen Seite des Eisernen Vorhangs“, wo unter sowjetischer Vorherrschaft die Rechte von Bürgern und Nationen verletzt worden seien. Wenn 70 Jahre nach dem Ende des Krieges aller seiner Opfer gedacht werde, müsse auch daran erinnert werden, dass nationale Souveränität auch heute noch verletzt werde, sagte er mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine.

Jazenjuk wirft Russland Verbrechen vor

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk warf indessen Russland eine verbrecherische Politik vor. Russland beanspruche nicht nur den Sieg gegen Hitler für sich allein, kritisierte der Politiker am Freitag. Das Nachbarland führe zudem im Donbass heute einen Krieg gegen die Ukraine.

Das sei ein „historisches Verbrechen“, sagte Jazenjuk. Die Ex-Sowjetrepublik gedachte erstmals am 8. Mai des Kriegsendes von 1945. Am 9. Mai wird auch der Tag des Sieges über Hitler gefeiert. „Der Sieg über den Nationalsozialismus brachte auch unserem Volk keine Freiheit“, sagte Jazenjuk. Wie ganz Osteuropa habe die Ukraine unter „sowjetischer Okkupation, Totalitarismus“ gelitten. Darüber, dass die sowjetische Führung zu großen Teilen auch aus Ukrainern bestand, sagte der Regierungschef nichts. Gedenken gab es unterdessen auch in der Schweiz, der Slowakei, Lettland, Serbien und Georgien.

Obama: „Niemals vergessen, niemals wieder“

Auch US-Präsident Barack Obama erinnerte an den Sieg der Alliierten. „Nach der Kapitulation der Nazis sind Menschen in London und Paris und Moskau auf die Straße gestürmt.“ Die „Wolke der Angst“ sei endlich vorübergezogen, in den USA hätten Menschen auf den Straße getanzt, sagte Obama in seiner wöchentlichen Videobotschaft.

Obama erinnerte an die Kämpfe, die Europa in Trümmer legten, sowie an den Holocaust: „Mütter, Väter, Kinder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Als die Waffen in Europa schwiegen, hatten etwa 40 Millionen Menschen auf dem Kontinent ihr Leben verloren.“

Obama gedachte der US-Soldaten, die in Europa ihr Leben gelassen hatten. „Das war die Generation, die ganz wörtlich die Welt gerettet hat.“ Heute müssten die Verbündeten für gemeinsame Werte zusammenstehen - Freiheit, Sicherheit, Demokratie, Menschenrechte und Herrschaft des Gesetzes. Zugleich müsse jeder Form von Hass und Bigotterie eine Absage erteilt werden. „Niemals vergessen, niemals wieder.“

Weltkriegsflugzeuge am Himmel über Washington

Amerikanische B-25 Mitchell Bomber

AP/Manuel Balce Ceneta

Flugzeuge umkreisen das Washington Monument

In Washington flogen Dutzende Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg im Tiefflug über die Innenstadt - zum Gedenken an den Sieg der Alliierten vor 70 Jahren in Europa. Zehntausende Menschen verfolgten das Spektakel, über 50 Maschinen überflogen die National Mall in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses sowie das World War II Memorial, an dem Veteranen versammelt waren.

Links: