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25 Millionen für das Versteck Bin Ladens

Die US-Version der Vorgänge vom 2. Mai 2011 ist klar und eindeutig: Soldaten der Navy Seals drangen in das Haus von Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad ein und erschossen den Terroristen. Das Weiße Haus jubelte und inszenierte die Aktion als rein amerikanische Heldentat gegen „das Böse“. Diese Darstellung ist gelogen, behauptet nun der Journalist Seymor Hersh.

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Der Pulitzer-Preisträger Hersh erhebt in der „London Review of Books“ schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung. Die Aktion rund um die Tötung Bin Ladens sei keinesfalls ein amerikanischer Alleingang gewesen. Pakistans Armee und Geheimdienst hätten eine viel stärkere Rolle gespielt als bisher bekannt.

Bin Laden sei nicht durch minutiöse Geheimdienstarbeit der CIA, sondern vielmehr durch Bestechung aufgespürt worden. Washington habe einem pakistanischen Geheimdienstmitarbeiter 25 Millionen Dollar gezahlt, worauf dieser Bin Ladens Versteck preisgegeben habe. Der Tod des meistgesuchten Terroristen Bin Laden habe bei der Wiederwahl Obamas 2012 eine entscheidende Rolle gespielt, mutmaßt Hersh.

Weißes Haus dementiert

Das Weiße Haus wies die Behauptungen Hershs entschieden zurück: „Das war durch und durch ein US-Einsatz“, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats von Präsident Obama, Edward Price. Jede andere Darstellung sei „schlicht falsch“.

Haus in Pakistan, wo Osama Bin Laden am 2. Mai 2011 getötet wurde

Reuters/Faisal Mahmood

Bin Ladens mittlerweile abgerissenes Versteck in Abbottabad

Seit 2006 unter Arrest

Hersh ist ein berühmter amerikanischer Enthüllungsjournalist. Bekannt wurde Hersh bereits 1969, als er während des Vietnam-Krieges das Massaker von My Lai aufdeckte. Dafür erhielt er 1970 den Pulitzer-Preis. Er berichtete 2004 als Erster über den Misshandlungs- und Folterskandal im US-Militärgefängnis von Abu Ghraib bei Bagdad.

Hersh beruft sich auf einen nicht namentlich genannten hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter, der mittlerweile pensioniert ist, und Quellen aus Pakistan, wie den früheren General Asad Durrani. Diesen zufolge sei Bin Laden schon seit 2006 unter Hausarrest des pakistanischen Geheimdienstes ISI gestanden.

In der Zwickmühle

In unmittelbarer Nähe zu Bin Ladens Unterschlupf befanden sich eine Militärakademie und ein Kommandostützpunkt der pakistanischen Armee sowie eine Geheimdienstbasis. Das sei auch der Grund für Bin Ladens Unterbringung in Abbottabad gewesen: So habe ihn der ISI unter „permanenter Beobachtung“ behalten können, erläuterte Hersh.

Der ISI habe sich aber in einem Dilemma befunden. Nach einer öffentlichen Auslieferung des meistgesuchten Terroristen der Welt habe man Unruhen befürchtet - denn unter vielen konservativen Pakistanern gilt Bin Laden bis heute als Held. Das enge militärische Bündnis mit den USA zu riskieren wäre jedoch auch nicht infrage gekommen.

Laut Hersh trafen die USA und Pakistan deshalb folgende Übereinkunft: Die USA sollen Bin Laden gefangen nehmen und im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan töten. Als Legitimation für den Einsatz von Drohnen sollte er offiziell in einem Drohnenangriff ums Leben kommen. Also verließen die pakistanischen Wächter am 2. Mai 2011 ihre Posten bei Bin Ladens Haus, als sie die nahenden amerikanischen Hubschrauber hörten. Zum Pech der Amerikaner stürzte einer der Helikopter des Einsatzkommandos ab. Da sie gewusst hätten, dass es nicht gelingen würde, den Unfall zu vertuschen, gingen die Spezialkräfte in Bin Ladens Haus und exekutierten den unbewaffneten Al-Kaida-Führer ohne auf Gegenwehr zu stoßen.

Gesundheitlich angeschlagen

Bin Laden soll sich in äußerst schlechtem gesundheitlichen Zustand befunden haben. Laut Hersh war seine Tötung schon vor dem Einsatz beschlossene Sache und wurde in einem regelrechten Kugelhagel vollzogen. Physiologisch wäre es Bin Laden nicht mehr möglich gewesen, sich zu wehren, Hersh spricht von einem „verkrüppelten“ Bin Laden. In der offiziellen Version hieß es, dass sich ein Sturmgewehr und eine Pistole in seiner Reichweite befunden hätten und er keine Anzeichen gegeben habe, dass er sich ergebe. Daraufhin sei er erschossen worden.

Außerdem soll es die Seebestattung Bin Ladens an Bord der „USS Carl Vinson“ im Arabischen Meer nie gegeben haben. Die Leiche sei „in Teile geschossen“ worden, bevor man sie in einen Leichensack gesteckt und auf dem Rückflug aus dem Helikopter geworfen habe.

Keine konkreten Beweise

Kritiker bemängeln an Hershs Ausführungen, dass er sich im Wesentlichen auf den einen anonymen Geheimdienstmitarbeiter beruft. Namentlich in Hershs Text genannte Quellen widersprechen der Version zwar nicht, legen aber auch keine konkreten Beweise vor, die sie stützen.

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