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Headbangen in der Pianobar

Faith No More, 1982 gegründet, galten mit ihrem Cross-over aus Metal und Rap in den 90er Jahren als Kultband. Nun melden sie sich nach langer Pause mit einem neuen Album zurück: „Sol Invictus“.

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Seit der Auflösung von Faith No More im Jahr 1998 rechneten selbst eingefleischte Fans nicht mehr damit, die Band noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Zu groß schienen die Egos der Bandmitglieder zu sein, die als Pioniere des Cross-over gelten und denen selbst dieser Begriff noch zu eng war. 2009 sollte es dann doch unerwartet anders kommen. Faith No More rauften sich noch einmal für ein paar Liveauftritte zusammen - und überraschen jetzt mit einem neuen Album.

Überraschend auch deshalb, weil besonders Sänger Mike Patton mit seinen diversen Projekten wie Tomahawk, Peeping Tom und Fantomas sowie seinem eigenen Plattenlabel Ipecac mehr als ausgelastet schien. Skepsis im Vorfeld war zudem angebracht, weil Faith No More Gerüchte über neue Musik immer wieder dementierten. Es schien, als würden sie es ähnlich handhaben wie Rage Against The Machine und System of a Down. Deren Comebacks beschränken sich bis heute auf Liveauftritte mit altem Material bei Sommerfestivals.

Man erwarte das Unerwartete

Aber bei Faith No More kam es anders. Ende letzten Jahres tauchte mehr oder weniger aus dem Nichts die hymnische Single „Motherfucker“ auf - samt Albumankündigung. Nachdem die gemeinsamen Auftritte sich offensichtlich für die einzelnen Bandmitglieder gut angefühlt hatten, wurde in den letzten zwei Jahren heimlich am neuen Album „Sol Invictus“ gefeilt.

Mit 18 Jahren seit der letzten Veröffentlichung - „Album of the Year“ - brechen Faith No More jene rekordverdächtigen 15 Jahre, die zwischen den letzten beiden Alben von Blur liegen. Auch die Briten meldeten sich kürzlich mit ihrem Album „The Magical Whip“ zurück, das von vielen Seiten hoch gelobt wurde.

"Faith No More"-Sänger Mike Patton

APA/EPA/Adam Warzawa

Mike Patton: Ja, er ist anders gestylt als in den 90er Jahren.

Sie waren nicht nett zueinander

Die überraschende Rückkehr nach langer Zeit scheint nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Bands zu sein. Ähnlich wie bei den früher zerstrittenen Blur-Masterminds Graham Coxon und Damon Albarn ging es wohl auch bei Faith No More vor knapp 20 Jahren eher ruppig zu.

So sagte Keyboarder Roddy Bottum vor Kurzem in einem Interview im YouTube-Kanal „Music Feeds“, dass heute zwischen den Musikern innerhalb der Band ein Level an Respekt herrsche, der vorher mit Sicherheit nicht dagewesen sei. „We were real fuckers to each other“, formulierte Bottum es pointiert.

Musikalische Achterbahnfahrt

All die Harmonie und gegenseitigen Respektsbekundungen wären mangels vermeintlicher Reibungspunkte eigentlich die besten Voraussetzungen dafür gewesen, eine langweilige Rockplatte reifer Herren um die 50 abzuliefern. Langeweile kommt allerdings bei „Sol Invictus“ nicht auf, selbst wenn der einleitende Titelsong relativ ruhig und zurückgelehnt auf das Kommende einstimmt. Dezentes Pianospiel, sanft gespielter Trommelmarsch und dazu ein zurückhaltender Patton, der seinen Flüstergesang über wabernde Soundgebilde legt.

Was danach folgt, ist eine furiose Achterbahnfahrt musikalischer Gefühle und ein Amalgam der Stile - von Metal, Punk und Funk über vermeintliche Kinderliedmelodien bis hin zu Easy-Listening-Anklängen. Nach wie vor lassen sich Faith No More nicht auf einen Stil beschränken und verweben immer noch gekonnt ihre Einflüsse von Frank Sinatra bis Slayer. Dabei gelingt es ihnen, einen - mitunter fast unerträglichen - Spannungsbogen innerhalb einzelner Songs aufzubauen. „Cone of Shame“ ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Song zunächst mit einer wie zufällig dahingeklimperten Gitarrenstimme am Ende zu einer regelrecht ekstatischen Lärmorgie gesteigert wird. Headbangen ist erlaubt, sich entspannt zurückzulehnen ebenso.

Headbangen in der Pianobar

Die Spannung erhalten Faith No More über das gesamte Album aufrecht. Freundlich laden sie zum Spaziergang in ihre musikalische Welt ein, peitschen zwischendurch zum Punksprint an, rasen weiter im Headbanger-Modus dahin, gehen aber auch zwischendurch runter vom Gas oder legen gleich eine Vollbremsung hin. Bei all ihrer Liebe zu harten Klängen bleibt zwischendurch immer genug Raum zum Durchatmen, man findet sich von einem Moment zum nächsten mit Patton in einer Pianobar wieder.

Egal, ob in leisen oder lauten Momenten, „Sol Invictus“ klingt nicht überladen. Und fremde Hilfe bei der Produktion ließ man genauso wenig zu wie beim Vertrieb des Albums. Um unnötigen Druck zu vermeiden, suchte man sich bewusst kein Major-Label, sondern überlässt den Vertrieb Pattons Plattenfirma Ipecac. Nur für den abschließenden Mix holte sich die Band Unterstützung beim früheren Stammproduzenten Matt Walace und legte dabei Wert darauf, die Produktion nicht zu sehr „aufzublasen“. „Sol Invictus“ wurde ein auf angenehme Weise entschlacktes Album, das dementsprechend unangestrengt durchhörbar ist.

Cover des Albums "Sol Inviction" von Faith No More

Reclamation/Ipecac Recordings

„Sol Invictus“: Das neue Album

Ein Album als Statement

„Sol Invictus“ kann man durchaus als Statement zur Verteidigung des klassischen Albums verstehen, einer Kunstgattung, die von manchen vermutlich, dank der längst üblichen, digitalen Onlineveröffentlichung, als eine Art „Playlist mit Cover“ angesehen wird. Als Faith No More sich vor 18 Jahren auflösten, gab es diese Art der rein digitalen Musikverbreitung - mit Fokus auf einzelne Songs statt auf ein Gesamtkunstwerk - noch gar nicht, und dennoch fügt sich „Sol Invictus“ nahtlos in das Gesamtwerk der Band ein. Das mag auch daran liegen, dass alte Klassiker wie „Angel Dust“, „King for a Day ...“ und „Album of the Year“ genauso zeitlos wirken wie die neuen Songs.

Ein Haufen 50-Jähriger klingt anders

Bassist Billy Gould merkte kürzlich im Magazin „Rolling Stone“ scherzhaft an, dass er hoffe, „Sol Invictus“ würde nicht nach dem Haufen 50-Jähriger klingen, der sie schlussendlich sind. Auch wenn er es sicher nicht ganz ernst meinte: Diese Sorge ist unberechtigt. Faith No More ist sogar noch in zehn Jahren ein weiteres reifes und gleichzeitig durch und durch spannungsvolles Album zuzutrauen.

Christian Holzmann, ORF.at

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