Themenüberblick

Warnhinweise ähnlich wie auf Zigaretten

Alkohol und die Probleme, die er verursacht, sind derzeit großes EU-Thema. Die Kommission will automatische Sperren in Fahrzeugen durchsetzen, das EU-Parlament will Warnhinweise, ähnlich wie man sie von Zigarettenschachteln kennt. Außerdem sollen die Verbraucher künftig wissen, welche Inhaltsstoffe und wie viele Kalorien in alkoholischen Getränken stecken.

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Ende April war die Initiative Thema im Europaparlament in Straßburg. „Risiken und Nebenwirkungen“ betreffend fordert das Parlament eine EU-weit einheitliche Etikettierung, über die Konsumenten vor den Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft und hinter dem Steuer gewarnt werden sollen. Die EU-Kommission wird in einer am Mittwoch verabschiedeten Entschließung aufgefordert, eine entsprechende Strategie bzw. einen Gesetzesvorschlag bis 2016 vorzulegen.

Grundlage für die aktuelle Debatte ist ein Entwurf des Gesundheitsausschusses. Darin fordern die Abgeordneten die EU-Kommission auf, unverzüglich mit den Arbeiten an der neuen EU-Strategie gegen Alkoholmissbrauch zu beginnen. Mit der Strategie 2016 bis 2022 sollen die Regierungen der EU-Staaten beim Kampf gegen Alkoholmissbrauch und seine Folgen unterstützt werden. Dem EU-Parlament geht es vor allem darum, den Alkoholkonsum unter Minderjährigen zu verringern. Bindend ist die Resolution für die Mitgliedsstaaten nicht.

Brauer treten Flucht nach vorne an

Eine weitere Forderung betrifft die Angabe von Inhaltsstoffen und Nährwertangaben, die künftig ebenfalls auf das Etikett sollen. Hier traten die Getränkehersteller schon etwas die Flucht nach vorne an. Ende März kündigten die vier weltweit größten Bierbrauer - Anheuser-Busch InBev (AB-InBev) aus Belgien, SAB Miller aus Großbritannien, Heineken aus den Niederlanden und Carlsberg aus Dänemark - an, ihre Kunden über Nährwerte und Zutaten zu informieren. Angaben sollen sich entweder direkt auf den Etiketten oder online finden, teilte der Branchenverband Brewers of Europe mit.

Pflicht zur Information

Die Nährwertkennzeichnung gemäß Lebensmittel-Informationsverordnung (LMV) gilt ab Ende 2016 in der EU verpflichtend für alle Lebensmittel. Ausgenommen sind vorerst Getränke mit einem Alkoholgehalt von über 1,2 Volumenprozent und etwa auch Mineralwasser. Ansonsten sind Angaben über Brennwert, Fett, Zucker und Co. pro 100 Gramm oder 100 Milliliter Pflicht.

Mit der freiwilligen Vereinbarung wollten die Brauer nicht nur transparenter werden, sondern auch gegen den Ruf von Bier als Dickmacher ankämpfen. „Wir möchten, dass die Konsumenten in Europa die Bierzutaten kennen und erfahren, wie sie in einen ausgewogenen Lebensstil passen“, sagte der Generalsekretär des Dachverbandes, Pierre-Olivier Bergeron. Bisher wird auf dem Etikett nur der Alkoholgehalt in Volumenprozent (% vol.) angegeben. Einen Zeitplan für die Ausweitung der Kennzeichnung nannte der Brauerverband damals nicht.

Der Druck wird größer

Vor der Bestätigung durch den Dachverband hatte das „Wall Street Journal“ von entsprechenden Plänen berichtet. Laut Einschätzung der Zeitung kommt der Schritt aber nicht ganz freiwillig. Auch die Hersteller alkoholischer Getränke kämen nämlich langsam unter Druck, es der Lebensmittelindustrie gleichzutun und die Konsumenten mit mehr Informationen über ihr Angebot zu versorgen. Insbesondere gelte das für die westlichen Industriestaaten, wo das Thema gesunde Ernährung eine immer größere Rolle spielt. Man wolle damit außerdem den EU-Regulierungsbehörden - deren Kampagne gegen stark zucker- und fetthaltige Lebensmittel im Hinterkopf - zuvorkommen.

Bierflaschen „keine Milchpackungen“

Nicht alle können der Kennzeichnungsinitiative gleich viel abgewinnen. Die deutschen Brauer verwiesen auf bereits gängige Angaben, eine Bierflasche sei aber keine Milchpackung. Von der österreichischen Heineken-Tochter Brau Union hieß es damals, es sei derzeit keine gesonderte Initiative in diese Richtung geplant – auch der Verband der Brauereien plane keine diesbezüglichen Aktivitäten.

Bei alkoholreduziertem und alkoholfreiem Bier sei die Kennzeichnung gemäß einer EU-Verordnung bereits gängige Praxis. Natürlich stehe es aber jeder Brauerei frei, mehr Daten als vorgeschrieben auf ihre Etiketten zu drucken.

Ruf nach Wegfahrsperren

Die Forderung der EU-Kommission nach Alkolocksystemen in Fahrzeugen, die Alkoholsierte an der Inbetriebnahme hindern, stoßen wiederum bei den Autokonzernen auf Skepsis. „Der flächendeckende Einbau von atemalkoholgesteuerten Wegfahrsperren wäre mit erheblichen Kosten verbunden“, hieß es zuletzt vom deutschen Verband der Automobilindustrie (VDA).

Diese Kosten müsste die Mehrheit der Autofahrer tragen, die sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Sinnvoller sei eine Technik für diejenigen, die wegen Alkohol am Steuer auffällig geworden seien. In EU-Staaten wie Belgien, Schweden und den Niederlanden sind die Messgeräte für Alkoholsünder bereits vorgeschrieben.

Die EU-Kommission hatte am Montag eine Initiative zum Einbau der Alkosperren vorgelegt. Ähnlich wie bei einer Polizeikontrolle muss der Fahrer dabei in ein Gerät blasen, um Rückschlüsse auf den Alkoholgehalt im Blut zu erhalten. Hat der Fahrer zu viel getrunken, startet der Motor nicht. Nach Angaben der EU-Kommission ist rund ein Viertel der Verkehrstoten auf Europas Straßen auf Alkoholkonsum zurückzuführen.

Fast sechs Prozent aller Todesfälle durch Alkohol

Die rechtliche Umsetzung der Vorschläge aus Brüssel ist aber den EU-Mitgliedsstaaten überlassen. Deutschland testet eine solche Wegfahrsperre derzeit für Alkoholsünder, die ihren Führerschein verloren haben und ihn wiederbekommen wollen. In Österreich hatte zuletzt das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) erklärt, dass sich rund 4.000 Lenker jährlich wieder betrunken ans Steuer setzen, obwohl ihnen der Führerschein wegen Alkohols am Steuer entzogen wurde. Mit Wegfahrsperren könnte hier Abhilfe geschaffen werden.

Nach Schätzungen aus Brüssel sind 5,9 Prozent aller Todesfälle weltweit auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen, vor allem durch Unfälle, Gewalt und Krankheitsfolgen. Bei 20- bis 39-Jährigen ist es etwa ein Viertel der Todesfälle.

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