Themenüberblick

Lesestoff für lange Urlaube

Klassische Strandlektüre findet sich heuer bei den Romanen - durchaus zum Lachen. Aber auch ernsthafte Romane finden sich unter den empfohlenen Titeln. Packend sind die Bücher allesamt.

Ehepartner: Bitte nicht lesen

Kann man dieses Buch mit ruhigem Gewissen empfehlen? Sibylle Berg zerschmettert mit unglaublicher Brutalität und völlig rücksichtslos jede Art von Selbstbetrug in Zusammenhang mit lange andauernden Paarbeziehungen - und auch in Bezug auf Lebensmodelle abseits der Festanstellung im „irgendwie künstlerischen“ Bereich. In „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ folgt sie aus wechselnder Perspektive Rasmus und Chloe beim Scheitern am Miteinander (mit überraschendem Ende). Ein Feuerwerk an Zitaten für die Facebook-Pinnwand: „Leider ist die irrsinnige Annahme, eine junge Person wäre an einer alten ohne Reichtum interessiert, nur Männern vorbehalten.“

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Hanser, 254 Seiten, 20,50 Euro.

Bücher

ORF.at/Thomas Hangweyrer

So eine Kreuzfahrt, die ist ... schräg

Ähnlich desillusionierend beginnt auch Martin Amanshausers „Der Fisch in der Streichholzschachtel“. Ein Mann, völlig fehl am Platz im eigenen Leben und in der eigenen Familie, begibt sich auf eine verhasste Kreuzfahrt, samt pubertierender Tochter, dem dauernd Essen in sich hinein stopfenden Sohn und seiner Gattin, die ungehalten Enthusiasmus von ihm einfordert. Aber es wäre nicht Amanshauser, müsste man sich dabei nicht vor Lachen schütteln. Und nach dem Twist mit den seltsamen Piraten und der Havarie hebt der Roman endgültig ab. Definitiv ein Buch für den Strand. Schon alleine wegen des schönen blauen Wellencovers.

Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel. Deuticke, 576 Seiten, 22,60 Euro.

Eine Frauenliebe in den 50er Jahren

Mit einer lesbischen Liebesgeschichte, zumal mit einer, die gut ausgeht, konnte man in den prüden 50er Jahren keine Lorbeeren ernten. Und so veröffentlichte Patricia Highsmith einen ihrer besten Romane 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst Jahrzehnte später räumte sie die Autorenschaft ein. Todd Haynes präsentierte heuer in Cannes seine Verfilmung von „Carol“. Die Titelrolle einer geschiedenen Mutter, die sich in eine junge Bühnenbildnerin verliebt, spielt die wunderbare Cate Blanchett. Der Diogenes Verlag legte die durchaus gelungene Übersetzung von Melanie Walz neu auf. Aber natürlich: Das englische Original (zum Beispiel von Bloomsbury) vermittelt den Zeitgeist und das Lebensgefühl der beiden verliebten New Yorkerinnen wesentlich besser.

Patricia Highsmith: Carol oder Salz und sein Preis. Diogenes, 464 Seiten, 13,40 Euro.

Erinnerungen eines Westberliner Punks

„Ich decke mich ein mit Wodka, Raki und vielen Stangen Lexington vom Kiosk am Grenzübergang Friedrichstraße. Beim Versuch, in alter Gewohnheit nachts aus dem Fenster zu pissen, falle ich fast hinunter.“ Oskar Roehler, Regisseur und Autor, war früher Punk. Sprachlich liebt er es ebenso so grell wie die Aufmachung des Hardcovers in Neonpink und Schwarzweiß. Aber Roehler kann. Nämlich mit Sprache umgehen. Sein autobiographischer Roman „Mein Leben als Affenarsch“ ist eine Art Schelmengeschichte in der Tradition von Brechts „Baal“: böse, finster, und doch hinter all den Drohgebärden und schmutzigen Sexgeschichten angetrieben von einer tiefen Liebe für das Leben.

Oskar Roehler: Mein Leben als Affenarsch. Ullstein, 221 Seiten, 18,50 Euro.

Der Tod als stilles Geschenk

Die Geschichte von Karl, dem von Geburt an nur die Stille Glückseligkeit verschafft, der wegen seiner Andersartigkeit verstoßen wird, schließlich aus seinem Heimatdorf flieht, sich auf eine Reise mit der Suche nach Antworten und der ersehnten Ruhe begibt und dabei den Tod als Geschenk mitbringt, ist von Anfang an die Geschichte einer Heimsuchung. Thomas Raab schildert in „Still. Chronik eines Mörders“ eine düstere Welt, die gleichwohl Trost spendet und hoffen lässt. Eindringliche Schilderungen und eine bildhafte Sprache sind es, die den Leser in ihren Bann ziehen. Der sollte sich dabei allerdings eher nicht in einer einsam gelegenen Waldhütte nahe einem Weiher befinden, denn dann könnte es ein schauriger Aufenthalt werden.

Thomas Raab: Still. Chronik eines Mörders. Droemer, 368 Seiten, 20,60 Euro.

Thomas Mann bei Kerzenlicht

„Alles war gut. Hätte man mich in diesem Augenblick getötet, wäre ich in einem vollkommen geheilten Zustand zum lieben Gott gekommen (...)“ So beschreibt der Hamburger Autor Andreas Maier die erste Umarmung zwischen ihm – oder genauer gesagt dem Icherzähler des Romans „Der Ort“, der ebenfalls Andreas heißt – und seiner Flamme Katja. „Der Ort“ ist das Manifest eines Romantikers: Der junge Held, Gymnasiast im hessischen Städtchen Friedberg, liest bei Kerzenlicht Thomas Mann. Und nicht nur das, er imitiert die Mahlzeiten der Sanatoriumsgäste des „Zauberbergs“, ihre Gewohnheiten, ja letztlich sogar ihre Sehnsucht nach Krankheit und Tod, und geht so auf Abstand zu den kleinbürgerlichen Ritualen der eigenen Familie. „Der Ort“ ist eine stilistisch gelungene Momentaufnahme, die Geschichte einer Ich-Werdung, die unwillkürlich eigene Erinnerungen an Pathos und Melancholie der Teenagerjahre heraufbeschwört.

Andreas Maier: Der Ort. Suhrkamp, 153 Seiten, 18,50 Euro.

Dabeisein im Soho der 70er Jahre

Rachel Kushners „Flammenwerfer“ gilt als literarische Sensation, obwohl - oder gerade weil - ihrem Buch jede Sensationsgier abgeht. Kushner berichtet über eine junge Frau im Umfeld der Kunstszene im New Yorker Soho während der 70er Jahre. Ihre Typenbeschreibungen sind so dicht und plastisch, dass man meint, selbst dabeizusitzen und den Joint weiterzugeben. Ihre Heldin Reno ist auch Motorradrennfahrerin - und mit ihrem neuen Freund, dem Erben einer Motorraddynastie, verschlägt es sie nach Italien. Eine Wende im Leben Renos und auch eine entscheidende Wende in Kushners Roman. Das Buch ist stilistisch und inhaltlich vollkommen aus der Zeit gefallen, im besten Sinne.

Rachel Kushner: Flammenwerfer. Rowohlt, 559 Seiten, 23,60 Euro.

Ein Duo Infernal gegen die „Holocaust-Verwertung“

Als Dramatiker und Essayist bereits ein Phänomen auf dem literarischen Parkett, hat Richard Schuberth nun seinen ersten Roman vorgelegt. In „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ verbünden sich ein 70-jähriger Philosoph und eine freche 17-Jährige, um energisch einen Erfolgsschriftsteller daran zu hindern, einen Roman über eine Holocaust-Überlebende zu schreiben, die mit jenem ein dunkles Geheimnis verbindet. Dem Duo Infernal ist dabei jedes Mittel recht – und so entspinnt sich vor dem inneren Auge des Lesers ein mit sprühender Chuzpe und Erotik gespickter Plot, der ein scharfsinniges Gesellschaftsporträt enthüllt.

Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung. 480 Seiten, Zsolnay, 23,60 Euro.

Wie sich der Weltuntergang anfühlt

Das Datum des Weltuntergangs ist bekannt, die Menschheit erlebt bewusst ihre letzten Tage, es herrschen Chaos und Verzweiflung. Anton Winter züchtet in einem Hochhaus Vögel und denkt zurück an seine glückliche Kindheit im Garten seiner Großfamilie. Mit seiner Geliebten Frederike will er an den Sehnsuchtsort „Winters Garten“ zurückkehren. Für Dystopien untypisch, ist es weniger die zerfallende Außenwelt, die die junge, zu Recht hochgelobte Autorin interessiert, ebenso wenig wie der Grund für den Weltuntergang: Valerie Fritsch geht es um das Innenleben, die Gefühle der letzten Menschen. Sie beschreibt mit bilderreicher, kraftvoller Sprache und höchst ergreifend.

Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp, 154 Seiten, 17,50 Euro.

Frauenleben im Doppelporträt

Zwei Frauen, zwei Generationen im bürgerlichen Milieu: Elisabeth schmeißt eine Party zum Pensionsantritt ihres Mannes, nebenbei muss sie unauffällig die greise Schwiegermutter trockenlegen. Der Kampf gegen das eigene Altern und die Langeweile eines Lebens im Überfluss, aber ohne wirkliche Aufgabe bestimmt ihre Tage. Ihre Tochter Franziska schlägt sich im Gegenteil mit dem Alltag mit Kleinkind herum, der es ihr schwer macht, ihre Dissertation zu beenden – während ihr Ehemann schon auf das nächste Kind drängt. Eine kleine Affäre geht sich aber trotzdem aus. Mit Witz und Sarkasmus schafft es Gertraud Klemm, ein Doppelporträt heutigen Frauenlebens zu zeichnen, das schonungslos und bitter und dabei auch überaus unterhaltsam ausfällt.

Gertraud Klemm: Aberland. Droschl, 184 Seiten, 19 Euro.

Bücher

ORF.at/Thomas Hangweyrer

Prekäre Verhältnisse

Liebe, Sex und Paare unter erschwerten Bedingungen: Das sind die Themen, die die schottische Autorin A. L. Kennedy in ihren Romanen und Erzählungen behandelt. Meistens sind es schwierige, zerrissene Menschen, die sich in ihren Geschichten finden, gegenseitig quälen (gerne auch physisch), verlassen, zerstören. Getrieben von ihren Zwängen und Gelüsten, suchen sie doch vor allem nach Trost und Frieden. Kennedy hat die Fähigkeit, mit selten gelesener Leichtigkeit eine schwebende Atmosphäre zu schaffen, in der gelegentlich auch Humor aufblitzt - nur um dann mit einem halben Satz eine vernichtende Kehrtwende zu vollziehen.

A. L. Kennedy: Der letzte Schrei. Erzählungen. Hanser, 208 Seiten, 20,50 Euro.

Der Mensch, das seltsame Wesen

Keine Wieder-, eigentlich eine Neuentdeckung ist der nun erstmals auf Deutsch übersetzte Erzählband „Die jungen Leute“ von Literatur-Superstar J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“). Lakonisch, ruhig, fast wie im Vorbeigehen erzählt er in seinen drei kurzen Geschichten von den Absonderlichkeiten und, im rechten Licht betrachtet, völlig abnormalen Normalitäten des amerikanischen Alltags. Dreimal geht es um die Kommunikation jeweils zweier Paare. Schüchtern, fordernd, bittend, liebend: Menschen sind seltsame Wesen, und manchmal ist es besser zu beobachten als zu psychologisieren - das vermittelt Salinger hier.

J. D. Salinger: Die jungen Leute. Drei Stories. Piper, 62 Seiten, 15,50 Euro.

Im Kopf eines Manisch-Depressiven

Mit „Die Erfindung der RAF durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ legt Frank Witzel einen ziemlichen Ziegel als Roman vor - inhaltlich wie formal. Das teilweise als Tagebuch, Anmerkungen, Essays und einigen in der Zeit hin und herhüpfenden Handlungssträngen verfasste Buch will das Zeitklima, das die RAF möglich gemacht hat, die muffigen deutschen Nachkriegsjahre mit ihrer Schuldverdrängung einfangen. Witzel gelingt es, in den Kopf des psychisch kranken Erzählers einzusteigen und aus dieser Warte die Ereignisse bis hin zum Deutschen Herbst und danach zu erzählen - nicht als erzählerisches Geschichtswerk, sondern als Geschichtenwerk, mit katholischer Exegese von Beatles-Songs inklusive.

Frank Witzel: Die Erfindung der RAF durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969. Roman. Matthes & Seitz Berlin, 817 Seiten, 30,80 Euro.

Kindliche Denkwelt in der Heilanstalt

In ihrem Ende 1945 entstandenen Debüt, der Erzählung „Das Kind“, setzt Lavant ihrem ehemaligen Arzt und Gönner als gottgleichen „Primariusdoktor“ Adolf Purtscher ein Denkmal. Gleichzeitig aber lässt sie das Kind von seinen Ängsten und Nöten in einer poetischen Sprache und Eindringlichkeit erzählen, die unter die Haut geht. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der großen Kärntner Autorin ist Klaus Amann und dem Wallstein Verlag für diese Neuausgabe zu danken, der die Originalhandschrift der Autorin zugrunde liegt. Das Nachwort von Amann geht auf Entstehungsgeschichte, Autobiografisches ein und zeigt die Anpassungen der Editierung auf.

Christine Lavant: Das Kind. Wallstein, 88 Seiten, 17,40 Euro.

Spätes Glück

Als Giovanna im Sommer 1945 eine Art Bikini am Strand von San Cataldo trägt, ist das eine Sensation. Ezio verliebt sich in die ungestüme junge Frau, die weiß, was sie will. Sie werden ein Paar, doch als er von Heirat spricht, will sie nichts davon wissen. Ezio ist tief gekränkt. Ohne Abschied zu nehmen flüchtet er und findet fern seiner Liebe Arbeit als Apfelpflücker. Er verlässt die Geliebte, doch trägt er sie immer in seinem Herzen. Ein Jahre später an sie gerichteter Brief bleibt vorerst ohne Antwort. Erst nach sechzig Jahren erreicht ihn ein Schreiben, in welchem ihn seine Jugendliebe bittet, zu ihr zu kommen. Auf weniger als hundert Seiten schafft es der in Bombay geborene Ernest van der Kwast eindringlich, die (verhinderte) Liebesgeschichte anhand von Erinnerungen und Weggabelungen zu erzählen und trotz Happy End nicht kitschig zu werden.

Ernest van der Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer. Mare, 96 Seiten, 18,50 Euro.

Der Tod eines Lehrers

Vor Jahren ist dem alternden Romancier Herman M. ein Bestseller gelungen, der vom mysteriösen Verschwinden des Geschichtslehrers Jan Landzaat handelte. Der Verdacht fiel auf eine Gymnasiastin, die ein intimes Verhältnis mit dem Lehrer unterhalten hatte, und ihren neuen Freund. Der Fall, den der Autor nach der wahren Begebenheit konstruierte, wurde nie aufgeklärt. Jahre später erhält M. einen anonymen Leserbrief mit drohendem Unterton. Koch versteht es, Spannung aufzubauen und mittels Perspektivenwechsel eine neue Fährte zu legen. Ein Roman mit Thrillerpotenzial.

Herman Koch: Sehr geehrter Herr M. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 20,60 Euro.

Rilke als Störenfried

Im niedersächsischen Worpswerde zu Beginn des 20. Jahrhunderts treffen der Dichter Rainer Maria Rilke und der vielseitig begabte Künstler, Architekt, Grafiker und Designer Heinrich Vogeler aufeinander. Der Autor wirft in seinem Künstlerroman die Frage auf: Um welchen Preis darf Kunst entstehen? Moralische Defizite im Alltagsleben werden deutlich, wenn Rilke seine Frau vom gemeinsamen Kind trennt, da es ihm lästig fällt. Der erfolgreiche Vogeler als strahlender Vertreter des Jugendstils kämpft gegen die Macht der Mäzene ebenso an wie gegen das sich langsam einschleichende Gefühl der Unruhe, während sich Rilke als immer höflich bleibender Störenfried entpuppt und schließlich aus Bild und Leben retuschiert wird.

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 18,50 Euro.

Heilssuche im Waldviertel

Sophie wurde mit einer tödlichen Diagnose aus dem Krankenhaus entlassen. Sterben will sie nicht, sondern den aussichtslosen Kampf gegen den Krebs gewinnen. Dass es beim Überleben jedoch um etwas ganz anderes geht als kämpfen, lernt sie bei der eigenbrötlerischen Heilerin Lisbeth, die als Einsiedlerin in einem Wohnwagen im Wald lebt. Die Alte ist die Sippenälteste aus dem Volk der Jenischen und unterzieht Sophie seltsamer Rituale. Humorvoll und angenehm unesoterisch beschreibt Sautner diese reinigende Heilssuche, die den Leser an einem heißen Sommertag ins kühle Waldviertel mitnimmt und an einen erfrischend kalten Moorteich.

Thomas Sautner: Die Älteste. Picus, 144 Seiten, 16,90 Euro.

Bücher

ORF.at/Thomas Hangweyrer

Dystopie oder Utopie?

Wir schreiben das Jahr 2025. Cathy, Caren und Jack, Kinder gut situierter Eltern, leben in der Hauptstadt eines Unionsstaates. Ihr in unterschiedliche soziale Segmente geteiltes Umfeld funktioniert nahezu friktionsfrei, doch bald werden erste kleine Risse bemerkbar, es blättert da und dort der Lack ab. Parallel dazu versucht Franzer, vormaliger Professor und jetziger Ministeriumsbeamter, seine Lieblingsstudentin für sein Projekt zu gewinnen: den Cyberpeuten, eine Art künstliche Intelligenz, die hilfesuchende Menschen mit Lehrfabeln beschäftigt. Ironisch und in schräg sachlichem Stil zeichnet Raab eine von unbekannten Mächten und Kräften gesteuerte Welt, deren Bild zur heutigen durchaus Parallelen aufweist.

Thomas Raab: Die Netzwerk-Orange. Luftschacht, 336 Seiten, 24,90 Euro.

Bücher und Sex

Der chilenische Autor Alejandro Zambra (Jahrgang 1975) hat es in seiner Heimat gleich mit diesem, seinem ersten Buch zu literarischer Berühmtheit gebracht: dem gerade einmal 90 Seiten starken „Bonsai“. Ein junges Pärchen trifft sich immer nur zum gemeinsam Lesen und zum Sex. Das Kuscheln ergibt sich dabei direkt aus der Lektüre - jeder Aufhänger ist recht. Doch dann lesen die beiden das falsche Buch, und die Beziehung ist beendet. Aber Zambras „Bonsai“ wächst weiter. Eine wundervolle Story, die sprachlich auch in der Übersetzung von Susanne Lange ihre poetische Prägnanz entfaltet.

Alejandro Zambra: Bonsai. Suhrkamp, 90 Seiten, 12,40 Euro.

Stille Wasser sind tief

Penthousewohnungen in Manhattan, Sommerhäuser in Maine, der Besuch altehrwürdiger Schulen und Mitgliedschaften in exklusiven Segelclubs – das alles gehört zum Alltag des 18-jährigen Jason Prosper, der Ende der 80er Jahre in Neuengland aufwächst. Den Zwängen seiner Kreise entzieht sich der Teenager am liebsten, indem er jede freie Minute mit seinem besten Freund Cal auf dem Segelboot verbringt. Als Cal sich das Leben nimmt, gerät Jasons Welt aus den Fugen, bis er die eigenwillige Außenseiterin Aidan kennenlernt. Sie gibt ihm neue Lebenskraft, aber nur bis zur nächsten Katastrophe. Ruhig wie ein sanft schaukelndes Boot beginnt „In guten Kreisen“, der Debütroman der US-Amerikanerin Amber Dermont. Mit klarer, kluger und durchaus humorvoller Sprache navigiert sie einen durch diese Coming-of-Age-Geschichte, in der so mancher Sturm aufkommt, der den Leser aufwühlt und nicht mehr loslässt.

Amber Dermont: In guten Kreisen. mare Verlag, 448 Seiten, 22,62 Euro.

Familiengeschichten von Anne Tyler

Die US-amerikanische Bestsellerautorin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Tyler überzeugt auch in ihrem neuen Roman mit einer wunderbar gezeichneten Familiengeschichte. Man ist sofort Teil der Whitshanks, Teil der Eigenheiten, Schrullen, des Ärgers und auch der Liebe füreinander. Ein wenig erinnert Tylers „Der leuchtend blaue Faden“ an die von Netflix produzierte Serie „Bloodline“: ein großes Haus, ein älter gewordenes Paar, vier Kinder, ein Sorgenkind namens Denny und eine überraschende Wendung am Ende. Ein wirkliches Lesevergnügen, allein schon wegen Tylers Sprache, voller Witz und Empathie für ihre Protagonisten. Ein Buch wie für einen Sommerurlaub geschrieben. Auch mit der Familie im Gepäck.

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden. Kein & Aber, 448 Seiten, 23,60 Euro.

Für Neugierige

Einen Verlag in statu nascendi zu erleben gibt es auch nicht alle Tage. Heuer wurde der Wiener Verlag Wortreich gegründet. Wer Lust hat, literarische Stimmen kennenzulernen, die er oder sie wahrscheinlich noch nicht kennt, wird hier fündig werden. Was auf den ersten Blick auffällt, sind die schönen Cover und die feine Haptik der Bücher. Neuer Verlag ja, „selbstgestrickt“ - von wegen.

Magda Woitzuck: Über allem war Licht. Wortreich, 261 Seiten, 19,90 Euro.

Patricia Brooks: Die Grammatik der Zeit. Wortreich, 274 Seiten, 19,90 Euro.

Christoph Bochdansky: Anmerkungen zur Umgebung. Wortreich, 196 Seiten, 19,90 Euro.

Die Wuchteln fliegen tief am bulgarischen Strand

Und ganz am Ende, um wenigstens ein zweites Mal dem Strandmotto wirklich gerecht zu werden, sei auf Marc Carnal und Max Horejs Roman „Unglaublich Glücklich“ verwiesen. Zwei Männer in der All-inclusive-Hölle Bulgariens, ein Tagebuch. Wer folgendes Zitat übersteht, der darf getrost das ganze Buch lesen: „Ein wichtiger Bestandteil des Vergnügens ist nicht zuletzt das Fleischliche: Pute, Lamm, Rind und Frauen. Doch wo sind die Girls?!“ Das darf ungestraft nur der des Machoiden unverdächtige Milena Verlag, außerdem gefördert von der Stadt Wien. Ein Angriff auf die Lachmuskeln - bei dem die Wuchteln auch einmal tiefer fliegen dürfen.

Marc Carnal und Max Horejs: Unglaublich glücklich. Milena, 237 Seiten, 18,90 Euro.

Simon Hadler, Johanna Grillmayer, Peter Bauer, Maya McKechneay, Carola Leitner, Sonia Neufeld, Lena Eich, Armin Sattler, alle ORF.at

Links: