Themenüberblick

Zum Mitredenkönnen - mit mehr Ahnung

Die Sachbücher der Saison dienen zur Vertiefung aktueller Debatten - aber nicht nur. Auch grundsätzliche Fragen werden gestellt. Historisch, politisch, wirtschaftlich - national und international: Zahlreiche Themen werden in diesen Büchern abgehandelt.

Die Bibel für Areligiöse

Es gibt Sachbücher, die kauft man, weil man aktuellen Debatten besser folgen können möchte. Die werden dann ein paar Jahre später, wenn sie nicht mehr aktuell sind, Hilfsorganisationen „gespendet“. Und es gibt Sachbücher, die stellt man in die Bibliothek und zieht sie immer und immer wieder heraus, jahrzehntelang. So ein Buch ist die neue, fulminante Lukrez-Übersetzung von Klaus Binder: „Über die Natur der Dinge“. Dieses Buch als Bibel der Menschheit - und es gäbe weder Krieg noch Kapitalismus. Ein poetischer Gesang, Religion für Areligiöse: „Schmachvoll, so konnten es alle sehen, lag das Leben, lagen die Menschen im Staub, niedergedrückt unter der Last des Aberglaubens, der aus erhaben himmlischen Religionen das Haupt herabreckt und mit schreckender Fratze den Sterblichen droht.“

Lukrez: Über die Natur der Dinge. Galiani Berlin, 405 Seiten, 41,20 Euro.

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Das Buch zur Stunde: Gegen Vorurteile

Die Journalisten Nina Horaczek und Sebastian Wiese haben das Buch zur Stunde geschrieben: „Gegen Vorurteile. Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst.“ Sie rücken zu unterschiedlichen aktuellen Debatten die Fakten ins rechte Licht. Zahlen, Daten, Zusammenhänge - zu Themen wie Asyl, Islam, Nazis („es war nicht alles schlecht“), Sozialmissbrauch, Frauen („eh längst gleichberechtigt“). Ein Buch zum immer Dabeihaben, zumindest im Kopf: Man könnte es täglich Dutzende Male zitieren, ganz besonders in Sozialen Medien.

Nina Horaczek und Sebastian Wiese: Gegen Vorurteile. Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst. Czernin, 190 Seiten, 17,90 Euro.

Über die „Asylschwemme“ in Europa

Livia Klingel hat im Jahr 2000 den Staatspreis für „publizistische Leistungen im Interesse der Geistigen Landesverteidigung“ erhalten. Und sie kämpft weiter an vorderster Front, auch wenn es momentan ein Rückzugsgefecht ist. Ihr jüngstes Buch „Wir können doch nicht alle nehmen“ beschäftigt sich mit Asylwerbern. Mit deren gefährlicher Reise in vermeintlich „sichere Länder“, in denen ihnen bürokratische Hürden jede Sicherheit rauben. Und sie lässt Zahlen sprechen. Europa wird von Flüchtlingen „überschwemmt“? Asylsuchende machen weniger als 0,1 Prozent der EU-Bevölkerung aus.

Livia Klingl: Wir können doch nicht alle nehmen! Europa zwischen „Das Boot ist voll“ und „Wir sterben aus“. Kremayr & Scheriau, 190 Seiten, 22 Euro.

Appell: Sexuelle Revolution in der islamischen Welt

Mangelnden Mut kann ihr niemand vorwerfen: Die ägyptisch-amerikanische, preisgekrönte „Guardian“- und „New York Times“-Journalistin Mona Eltahawy ruft die Frauen der islamischen Welt zur sexuellen Revolution auf: gegen Verschleierung, gegen Genitalverstümmelung, gegen Diskriminierung, gegen Gewalt. Ihr Appell: „Für die Mädchen in Nahost und Nordafrika. Seid unanständig, seid rebellisch, übt keinen Gehorsam, und wisst, dass ihr es verdient habt, frei zu sein.“ Für ihr Buch „Warum hasst ihr uns so“ hat sie zahlreiche Länder bereist und überall mit Frauen gesprochen, die sich als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen.

Mona Eltahawy: Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt. Piper, 203 Seiten, 17,50 Euro.

Das Wien der Nazi-Zeit

Es ist wohl nicht das Buch für den klassischen Wien-Touristen, aber ein Muss für jeden Wiener und alle, die diese Stadt - und gerade auch ihre Abgründe - verstehen wollen: Mit dem Reiseführer durch das braune Wien wird der Gang durch die Stadt zu einer Zeitreise, die das Grauen, die Bedrohung, die Zerstörung und die geistige Enge der NS-Herrschaft unmittelbarer spürbar machen als viele Ausstellungen. Sachkundig geschrieben und reich bebildert, erschließt sich dem gehenden Leser eine Welt, die weniger weit zurückliegt, als das oft scheint.

Eva Maria Bachinger, Gerald Lehner: Im Schatten der Ringstraße. Reiseführer durch die braune Topografie von Wien. Czernin, 322 Seiten, 23,90 Euro.

Schmerzensfrau ohne Selbstmitleid

Hilary Mantel hat es nicht leicht gehabt. Die zweifache Booker-Preisträgerin beschreibt in ihrer Autobiografie die Geschichte eines klugen, ungewöhnlichen Mädchens, das von Kindheit an mit Problemen fertigwerden muss, an denen andere zerbrochen wären. Aus einfachen Verhältnissen stammend, muss sie sich ihre Ausbildung hart erarbeiten. Dann wird bei der jungen Frau, die seit ihrer Kindheit unter Schmerzen litt, eine zerstörerische Krankheit diagnostiziert. Das Leiden, vor allem aber die Ignoranz der Ärzte, die sie falsch behandeln, nehmen ihr alles: die Freiheit, die Gesundheit, die Figur und das ersehnte Kind. Es tut weh, Mantels Buch zu lesen, obwohl sie in keinem Moment ins Selbstmitleid abgleitet, sondern wie aus der Ferne Sätze zu diktieren scheint, die treffen.

Hilary Mantel: Von Geist und Geistern. Dumont, 240 Seiten, 20,60 Euro.

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Ein Kind im Krieg erzählt seine Geschichte

Erschütternd ist kein Adjektiv, das Polina Scherebzowas Tagebuch auch nur annähernd zu beschreiben imstande ist. Die Autorin und Journalistin schreibt Tagebuch, seit sie ein Kind war - eine kleine Halbrussin in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny. Alle hassten dieses Kind. Draußen tobte der Krieg, drinnen die Mutter, von der sie grün und blau geschlagen wurde. In der Schule musste Polina buchstäblich um ihre Existenz kämpfen. Scherebzowa überlebte Jahre des Kriegs, des Hungers und des Gequältwerdens - mit 16 Granatsplittern in den Beinen. Am Leben hielt sie ihr Stolz. 571 Seiten, die für sich stehen.

Polina Scherebzowa: Polinas Tagebuch. Rowohlt Berlin, 571 Seiten, 23,60 Euro.

Kampf den „E-Nummern“

Mit einem Kochbuch der besonderen Art zeigt die gelernte Köchin und Permakultur-Praktikerin Judith Anger, wie Ernährung fernab von „E-Nummern“ und Geschmacksverstärkern aussehen kann. Schon die Kochbasics wie Suppenwürze, Öl und Essig können erstaunlich einfach selbst hergestellt werden. Und auch Vor-, Haupt- und Nachspeisen lassen sich nahezu ausschließlich mit Zutaten aus eigenem Anbau und Wildpflanzen kreieren. Da aber nur wenigen Menschen das Glück eines eigenen Gartens oder ein kurzer Weg in unberührte Natur beschieden ist, hält die Autorin auch eine Händlerliste und einige Tipps für bewusstes und nachhaltiges Einkaufen bereit. Ein Kochbuch, das in jedem Küchenregal seinen Platz haben sollte.

Judith Anger: Leb wohl, Supermarkt: Unabhängig und nachhaltig leben, Selbstversorgung - Einkauf - Vorratshaltung, Kneipp, 132 Seiten, 17,99 Euro.

„Exodus“: Moses und der eifersüchtige Gott

Dass der Bund der Israeliten mit ihrem Gott ein besonderer ist, begründet der Kulturwissenschaftler Jan Assmann mit dem Liebesbund zwischen Moses, dem Volk und Gott. Das knapp 500 Seiten starke „Exodus. Die Revolution der Alten Welt“ verhandelt die Themen Auszug aus Ägypten, Moses’ Herkunft, die Teilung des Roten Meeres, die Irrwege durch die Wüste und den Empfang der Gesetzestafeln, den Tanz um das Goldene Kalb und die Errichtung eines Zeltheiligtums. Dabei ist Assmann weniger eine historische „Wirklichkeit“ wichtig, vielmehr eine Verortung der Exodus-Geschichte im „kulturellen Gedächtnis“ der Welt.

Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. C. H. Beck, 493 Seiten, 30,80 Euro.

Europäischer Blick auf Österreich

Die heimische Politik hat nach dem EU-Beitritt Fehler gemacht und so die Chance vertan, eine wichtigere Rolle in der Union zu übernehmen. Davon ist jedenfalls der langjährige EU-Korrespondent des „Standard“, Thomas Mayer, überzeugt. Bis heute fehle der Republik zudem eine klare Vorstellung von ihrer Rolle im Konzert der europäischen Nationen. Mit dem Blick des Journalisten, der seit Jahren hinter die Kulissen schaut, zeigt Mayer, dass die heimische Politik auch 20 Jahre nach dem EU-Beitritt ein ähnlich ambivalentes Verhältnis zu diesem Projekt pflegt wie die Bevölkerung.

Thomas Mayer: Frei in Europa. Österreich rückt ins Zentrum eines turbulenten Kontinents. Styria, 221 Seiten, 24,99 Euro.

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Der Putin vom Bosporus

Die politischen Verhältnisse in der Türkei zu verstehen fällt nicht leicht, wenn man die tagesaktuellen Medien verfolgt: Proteste im Gezi-Park, Wahlerfolge für Erdogan; zuerst Annäherung an Europa, dann wieder brüske Distanzierung. Cigdem Akyol leistet in seinem Buch „Generation Erdogan: Die Türkei - ein zerrissenes Land im 21. Jahrhundert“ einen wichtigen Beitrag zur Einordnung dieser Meldungen. Er entwirft ein Porträt der modernen Türkei - und ein Porträt von Recep Tayyip Erdogan, der seinen autoritären Kurs immer unerbittlicher verfolgt.

Cigdem Akyol: Generation Erdogan: Die Türkei - ein zerrissenes Land im 21. Jahrhundert. Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, 22 Euro.

Ethik toppt Religionen

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Das ist die Kernbotschaft eines neuen Buches mit Aussagen des Dalai Lama. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter äußert darin revolutionär anmutende Thesen. In dem von dem deutschen Journalisten Franz Alt zusammengestellten „Appell des Dalai Lama an die Welt“ vertritt der für Tibeter heilige Mann die Ansicht, dass „alle Religionen und alle Heiligen Schriften ein Gewaltpotenzial“ in sich bergen. Eine neue, säkulare Ethik sei daher notwendig.

Dalai Lama und Franz Alt (Hg.): Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als Religion. Benevento, 56 Seiten, 4,99 Euro.

Hitler als „Dämonenkönig“

„Wenn du in Delhi aus dem Flugzeug steigst, siehst du dort die Vögel. Sie haben auf dich gewartet. Einer von ihnen fällt dir ins Auge. Das ist Hitler.“ So beginnt „Braunau am Ganges“ des Theologen Adolf Holl, und es ist von vornherein klar: Das ist kein wissenschaftlich-theologischer Text, hier wird es keine Fußnoten geben. Eine poetische Sammlung von Gedanken und Assoziationen umrahmt historische Fakten aus der religiösen und politischen Geschichte Indiens, aber auch der Beziehung der Europäer - etwa des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse - zum hinduistischen Subkontinent.

Adolf Holl: Braunau am Ganges. Residenz Verlag, 144 Seite, 17,90 Euro.

China begreifen, ein gutes Buch lesen

Nach Jahrzehnten im Hintergrund hat sie nun wieder Hochkonjunktur: die breit ausgewalzte Reportage zur Einbettung von Fakten, um ein Gesamtbild zu vermitteln. Zuerst George Packers „Die Abwicklung“ (USA), dann Rana Dasguptas „Delhi“ - und nun ist Evan Osnos „Große Ambitionen: Chinas grenzenloser Traum“ ein neuer Höhepunkt. Der langjährige Korrespondent von US-Medien porträtiert politische Führer und Künstler, zieht mit Menschen durch die Straßen und zeichnet ein vielgestaltiges Bild von China, zwischen einem neuen Erwachen von Spiritualität, Turbokapitalismus, Repression, Korruption und mittendrin einem an Überraschungen reichen Alltag: packend, berührend, umfassend und mitunter herrlich komisch.

Evan Osnos: Große Ambitionen. Suhrkamp, 535 Seiten, 25,70 Euro.

Asien und seine wirtschaftliche Macht

Ein Buch mit sehr umfassendem Anspruch hat Thomas Seifert über „Die pazifische Epoche“ geschrieben - und er löst diesen Anspruch ein. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass China 2014 die USA als größte Wirtschaftsmacht abgelöst hat. Dahinter stehen aktuelle internationale Strukturen - aber auch Entwicklungen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Und es reicht nicht, die wirtschaftliche und politische Makroebene zu betrachten. Denn es sind die Menschen, vor allem die neue, aufstrebende Mittelschicht, die den Asienboom tragen. Seifert liefert eine profunde Analyse des Aufstiegs asiatischer Staaten und stellt die entscheidende Frage - wie Europa damit umgehen soll.

Thomas Seifert: Die pazifische Epoche. Wie Europa gegen die neue Weltmacht Asien bestehen kann. Deuticke, 303 Seiten, 22,60 Euro.

„Muslimin sein“: Die Rolle der Frau im Islam

„Bin ich als Muslimin auf die Rolle als Hausfrau festgelegt? Gilt ein Bub mehr als ein Mädchen? Dürfen muslimische Männer Frauen schlagen?“ Fragen wie diese erörtert Carla Amina Baghajati in ihrem Buch „Muslimin sein“. Die Medienreferentin und Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich will in ihrem kürzlich erschienenen Buch nicht „ultimative Antworten“ geben, sondern zum Denken anregen.

Carla Amina Baghajati: Muslimin sein. 25 Fragen - 25 Orientierungen. Tyrolia Verlag, 224 Seiten, 17,95 Euro.

Nutzloses Wissen und Poplyrics

Schon seit Jahren boomen die Enzyklopädien nutzlosen Wissens ebenso wie Bücher über Poplyrics: Evelyn Peternel und Andreas R. Peternell haben den logischen Schritt vollzogen und beide Trends vereint. In „Who the fuck is Alice“ geben sie Antworten auf die 101 „drängendsten Fragen der Popmusik“. So wird unter anderen zu „How much ist the fish?“, „Why do birds sing?“ und „Should I stay or should I go?“ recht frei assoziiert. Von Ohrwurmerklärungen bis zur Weltkäseproduktionsstatistik ist so ziemlich alles dabei, mit dem man beim Small Talk Eindruck schinden kann.

Evelyn Peternel und Andreas R. Peternell: Who the fuck is Alice. Rogner & Bernhard, 204 Seiten, 19,95 Euro.

Von der WG in die Kunstszene

Kleine Büchlein für die Manteltasche sollten es sein: Nein, nicht Reclam, sondern der in Berlin gegründete Merve-Verlag ist gemeint. Philipp Felsch beschäftigt sich in „Der lange Sommer der Theorie“ mit der Geschichte des Verlages von den selbstzerfleischenden und - enthüllenden Gruppensitzungen in den Westberliner WGs Ende der 60er Jahre über den Wegbereiter der Postmoderne in Deutschland bis zum Andocken an die Kunstszene. Nebenbei ist das Buch voll von Historien über den theoriewegbereitenden Suhrkamp-Verlag mit seinen lustfeindlichen „Testwüsten“ wie den Adorno-Gesamtausgaben und das Berliner Nachtleben vor und nach dem Kater der Wiedervereinigung.

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie - Geschichte einer Revolte 1960 - 1990, C. H. Beck, 327 Seiten, 25,70 Euro.

Vom ewigen Kreislauf des Hergestellten

Wolfgang Schivelbusch, einer der bedeutendsten deutsche Kulturwissenschaftler, hat nach gut einem Jahrzehnt wieder ein neues Buch vorgelegt. In „Das verzehrende Leben der Dinge“ beschäftigt sich der mittlerweile 73-Jährige mit den historischen Änderungen im ewigen Kreis von Schöpfung, Gebrauch, Konsum und Zerstörung zwischen Mensch und Ding und dockt dabei an Karl Marx an. Schivelbusch greift wieder auf seine offenbar umfangreiche Recherche und Materialsammlung zurück. Erklärt wird etwa, warum eine Stecknadel im 18. Jahrhundert ausgerechnet 18 Arbeitsschritte brauchte.

Wolfgang Schivelbusch: Das verzehrende Leben der Dinge: Versuch über die Konsumtion, Carl Hanser Verlag, 192 Seiten, 20,50 Euro.

Töten ist „leider geil“

Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit hat mit seinem Buch „Das Lachen der Täter: Breivik u.a.“ ein „Psychogramm der Tötungslust“ verfasst. Theweleit würde es niemals so vereinfacht und nicht in dieser Terminologie ausdrücken, aber seine These läuft darauf hinaus, dass das Töten zum Erhalt des eigenen Lebens ein Urtrieb ist, der im „ekstatisch agierenden Killer“ durchkommt. Er betont dabei die sexuelle Komponente. Erst jüngst äußerte sich der deutsche Soziologe und Philosoph Jan Philipp Reemtsma ähnlich. Der Sukkus der aktuellen Debatte: Töten ist „leider geil“, zumindest für manche.

Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust. Residenz Verlag, 246 Seiten, 22,90 Euro.

Die vielen Namen der Fliegen

Warum heißt wissenschaftlich welches Lebewesen wie? Dieser Frage geht Michael Ohl in seinem Buch „Die Kunst der Bennung“ nach. Er zeigt dabei die Irrwege der wissenschaftlichen Taxinomien auf. Doch auch volkstümliche Bezeichnungen finden sich wieder. Wissens- und anekdotenreich nimmt sich Ohl der oberflächlich auf Exaktheit beharrenden Wissenschaft an, denn so einige Namen gehörten bereits seit Längerem geändert - doch man bleibt wider besseres Wissen bei den bereits eingeführten Bezeichnung. Und auch das hat so seine Gründe.

Michael Ohl: Die Kunst der Benennung. Matthes & Seitz Berlin, 317 Seiten, 30,80 Euro.

Ein Leben an der Front

Mit gerade einmal 40 hat die US-amerikanische Fotojournalistin Lynsey Addario bereits ihre Autobiografie geschrieben. Erlebt hat die Pulitzer-Preisträgerin dafür allerdings auch genug: Seit 9/11 war Addario fast überall, wo Geschichte geschrieben wurde – sie dokumentierte das Leben von afghanischen Frauen unter dem Regime der Taliban, überlebte Entführungen im Irak und in Libyen und hielt - selbst im fünften Monat schwanger - das Leid von Flüchtlingen in Somalia fotografisch fest. „It’s What I do. A Photographer’s Life of Love and War“ ist eine packende Chronik unserer Zeit - und gleichzeitig die ganz persönliche Geschichte einer der wenigen Frauen in einer von Männern dominierten Branche.

Lynsey Addario: It’s What I Do. A Photographer’s Life of Love and War. Penguin Press, 357 Seiten, 30,99 Euro.

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Die Nürnberger Prozesse

Der Jurist und langjährige „Spiegel“-Journalist Thomas Darnstädt hat für den Piper Verlag die Geschichte der Nürnberger Prozesse aufgearbeitet. Im ernsthaften und dennoch leicht lesbaren „Spiegel“-Stil berichtet er über die Ungeheuerlicheiten, die zutage traten - und über die Alltäglichkeiten eines Prozesses, bei dem die größten Verbrecher der Menschheit vor dem Richter standen. Und Darnstädt erklärt, warum die Prozesse eine Zäsur im internationalen Völkerverbund bedeuteten.

Thomas Darnstädt: Nürnberg. Menschheitsverbrechen vor Gericht 1945. Piper, 416 Seiten, 25,70 Euro.

Leben und Leiden der Edith Tudor-Hart

Peter Stephan Jungk hat sich auf die Spur seiner Großtante begeben. Das ist in diesem Fall nun nicht irgendeine Großtante, sondern Edith Tudor-Hart, KGB-Agentin, Fotografin und alleinerziehende Mutter. Jungk führt den Leser auf 320 Seiten durch das bewegte Leben dieser 1908 geborenen, bemerkenswerten Frau. Ihre Spionagetätigkeiten als Agentin, ihre sozialkritische Arbeit als Reportage- und Pressefotografin und ihre ganz privaten Lebensumstände als Künstlerin, Frau und Mutter werden in „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens“ detailliert und spannend nachgezeichnet. Ein wunderbares, aber auch trauriges Buch, an dessen Ende man sich für Tudor-Hart wünscht, ihr eigenes wäre weniger kummervoll gewesen.

Peter Stephan Jungk: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens. S. Fischer, 320 Seiten, 23,70 Euro.

Simon Hadler, Peter Bauer, Johanna Grillmayer, Guido Tiefenthaler, Christian Körber, Elisabeth Nikhbakhsh, Romana Beer, Clara Akinyosoye, Lena Eich, alle ORF.at

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