Themenüberblick

Stars hinter dem Mikro

50/50 ist das Verhältnis der empfohlenen Hörbücher der Saison. Die eine Hälfte verspricht prickelnde Krimi- und Thrillerspannung - die andere Hälfte feine literarische Hörerlebnisse. Beiden ist eines gemeinsam: große Stars hinter dem Mikro.

Lars Eidinger auf Tofranil

Manche Hörbücher sind für sich selbst ein Ereignis. So ist das etwa, wenn Lars Eidinger eine frühe Erzählung des schwer depressiven David Foster Wallace liest. Das Antidepressivum des Ich-Erzählers ist Tofranil. Das Medikament entfernt ihn von der Erde und bringt ihn auf den Planeten Trillaphon. Dort ist das Leben langsamer und gedämpfter als auf der Erde. Man ist auch schneller müde dort. Aber man kann es sich irgendwie einrichten. Relationen im Leben des Ich-Erzählers verschieben sich - Suizidversuche tut er als lächerliche Vorfälle ab. Selbstmord sei eine reine Formsache, folgert er. Umso bedrückender, als sich Wallace später tatsächlich selbst getötet hat. Eidinger liest all das so, wie man ihn auch von der Bühne und aus Filmen kennt: ohne Kompromisse, selbst auf Tofranil.

David Foster Wallace: Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache. Tacheles, 43 Minuten, 16,99 Euro.

Bücher

ORF.at/Thomas Hangweyrer

Siri Hustvedts „gleißende Welt“

Siri Hustvedt ist nicht nur eine erfolgreiche Autorin, sondern auch eine, die von ihren zahlreichen Fans regelrecht verehrt wird. Die werden auch ihr neues Buch „Die gleißende Welt“ lieben, obwohl es etwas sperrig ist. In der Hörbuchfassung verliert es einiges von dieser Sperrigkeit. Es geht um eine Künstlerin, die als feministisches Kunstprojekt drei Männer ihre Kunst unter deren Namen präsentieren lässt. Darüber berichten im Buch wechselnde Personen in schriftlichen Dokumenten. In wechselnden Rollen wird auch gelesen, was im Vergleich zur Buchversion ein deutlicher Gewinn ist. Die Künstlerin selbst wird von Corinna Harfouch gelesen.

Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Argon Edition, zehn Stunden und sechs Minuten, 33,99 Euro.

Robert De Niro liest Amos Oz

Judas hat Jesus nicht verraten, vielmehr war er der erste, ja vielleicht der einzige Christ: Das glaubt der junge Student Schmuel Asch in Amos Oz’ „Judas“. Von seiner Verlobten verlassen und pleite, scheitert an seiner Dissertation über Judas und zieht im Winter 1959/60 als Gesellschafter bei einem alten, kranken Intellektuellen ein. Schmuel verliebt sich dessen verwitwete Schwiegertochter Atalja und versucht, die Geheimnisse ihrer Familie rund um Verrat, Tod und Verlust zu ergründen. In die schlichte, liebevoll gearbeitete Geschichte dieser drei vom Leben Beschädigten fließen scheinbar mühelos religionstheoretische Überlegungen zur Figur des Judas und der Geburt des Staates Israel ein. Vorgelesen wird das Buch von Robert De Niro - also seinem Synchronsprecher Christian Brückner.

Amos Oz: Judas. Suhrkamp, Parlando, zehn Stunden und 58 Minuten, 22,99 Euro.

Die DNA als Verbrechensopfer

Der Promi der Stunde im Hörbuchbereich ist der neue Frankfurter Tatortkomissar Wolfram Koch. Und er ist erfahrener Vorleser in Sachen Arne Dahl. Dessen Krimis rund um eine Polizeitruppe in Schweden (samt internationalen Kontakten) sorgen seit 17 Jahren für höchste Spannung. Diesmal geht es der Opcop-Gruppe selbst an den Kragen. Aber der brandgefährliche Gegner will mehr, als die Ermittler töten. Ihm geht es um nicht weniger als die Manipulation der menschlichen DNA.

Arne Dahl: Hass. Osterwold, ca. 600 Minuten, 15,99 Euro.

„Polizeiruf“ trifft „Kommissarin Lund“

Qualität, auf die man sich verlassen kann: Zuerst war bereits die TV-Serie rund um Kommissarin Lund ein riesiger Erfolg. Und auch die ersten beiden von David Hewson adaptierten Drehbücher Soren Sveistrups lieferten Spannung auf hohem Niveau. Nun ist bei Zsolnay der dritte Teil erschienen: „Das Verbrechen“. Auch diesmal ermittelt die Kommissarin trotz privater Troubles und Absprungtendenzen wieder ohne Rücksicht auf Verluste im Umfeld von Politik und Wirtschaft. Drei Männer werden gefoltert und ermordet, ein Kind wird entführt. Eine alte Schuld will beglichen werden.

David Hewson: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 3. Fall. Random House Audio, 16 Stunden und 43 Minuten, 28,99 Euro.

Thrill - ohne Effekthascherei

Wer die „Sopranos“ und/oder „Borgen“ liebt, der kennt ihn: Synchronsprecher Jürgen Holdorf. Dass er Krimihörbüchern extra Spannung verleihen kann, hat er bereits dutzendfach bewiesen, auch diesmal, im Fall von Sandrone Dazieris „In der Finsternis“. Das Ermittlerduo ist denkbar ungewöhnlich, beide schleppen Packerl auf dem Rücken mit, die es mit jenen des Psycho-Entführers aufnehmen können, dem sie auf der Spur ist. Das Buch ist denkbar düster - und der Thrill ergibt sich nicht aus billiger Effekthascherei.

Sandrone Dazieri: In der Finsternis. Osterwold Audio, ca. 18 Stunden und 30 Minuten, 22,99 Euro.

Simon Hadler, Johanna Grillmayer, beide ORF.at

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