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Österreicher „verzichten“ auf 72 Millionen

Ob Verspätung, Überbuchung oder ein fehlgeschlagener Anschlussflug: Gemäß der Fluggastrechteverordnung der EU steht Passagieren in Fällen wie diesen häufig eine Entschädigung zu. Eine Zahlung ist laut Arbeiterkammer Oberösterreich (AKOÖ) dennoch eher die Ausnahme als die Regel. Der genannte Grund: „Neun von zehn Passagieren kennen ihre Rechte nicht.“

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Konkret „verzichten“ allein in Österreich Passagiere auf 72 Millionen Euro an Entschädigungszahlungen, wie die AKOÖ am Montag per Aussendung mitteilte. Es wenden sich auch nur zehn Prozent der anspruchsberechtigten Passagiere mit ihren Forderungen an die zuständigen Airlines, so die AK mit Verweis auf Zahlen der auf Fluggastrechte spezialisierten Plattform Fairplane. Damit nicht genug: Den Vorwürfen zufolge ist es auch mit einer erfolgten Forderung nach einer Ausgleichszahlung noch lange nicht getan.

„Große Unwissenheit“

Laut Andreas Sernetz von Fairplane sorgen Airlines mit „ihrer absichtlichen Verschleierungstaktik“ jedenfalls nicht nur für „große Unwissenheit“. Gemeinsam mit der AK wirft Sernetz den Fluggesellschaften auch eine gezielte Abwehrstrategie vor, weswegen unterm Strich nur bei der Hälfte der eingebrachten Forderungen auch eine Entschädigungszahlung erfolge.

Hintergrund sei ein bei nahezu allen Airlines beobachtetes Prozedere: Die erste Forderung nach einer Ausgleichszahlung werde nach langer Wartezeit mit einem standardisierten Ablehnungsschreiben abgeblockt. Erst wenn die Betroffenen vor Gericht zögen, zahlten die Airlines. In den meisten Fällen sei die Rechtslage aber von Anfang an klar, eine Klage wäre nicht nötig.

Zwischen 250 und 600 Euro

Verstärkte Aufmerksamkeit erlangte das Thema im deutschsprachigem Raum durch eine Anfang dieses Jahres vom WDR ausgestrahlten Reportage über „die geheimen Tricks“ einer großen deutschen Airline. Von der deutschen „Wirtschaftswoche“ („WIWO“) war im Anschluss von einem „nicht gerade fehlerfreien“ Beitrag die Rede.

„Wohl kein Unternehmen zahlt Kunden an einem Schalter oder nach einem Telefonanruf mehrere hundert Euro aus, ohne sich vorher Dokumente zeigen zu lassen“, wurde unter anderem als Gegenargument genannt. Im Kern sei die Kritik dennoch mehr als berechtigt, und „der Geiz der Airlines hat Methode“, so die „WIWO“ mit Verweis auf die „oft hilflose bis unverschämte“ Reaktion der Airlines bei größeren Pannen.

Außer Frage steht: Verzichten Passagiere auf ihr Recht auf Entschädigung, sparen sich die Airlines viel Geld, denn die Höhe der Ausgleichszahlung kann pro Passagier bis zu 600 Euro betragen - und das unabhängig vom Ticketpreis. Konkret stehen Passagieren, deren Flug sich über drei Stunden verspätet oder gestrichen wird, je nach Flugstrecke 250 Euro (bis 1.500 km), 400 Euro (1.501 bis 3.500 km) oder 600 Euro (ab 3.501 km) an Entschädigungszahlung zu. Ausnahmen gibt es nur bei „höherer Gewalt“, also Streiks, Unwetter, Vulkanausbrüchen oder Terroranschlägen bzw. politischen Unruhen.

„Es ist Schwachsinn“

Von Fairplane ist in diesem Zusammenhang von einem beispiellos hohen Schutzniveau und einem Umstand die Rede, „der nirgendwo auf der Welt sonst so fluggastfreundlich reglementiert ist“: Allerdings „braucht es immer noch juristischen Beistand, weil die wenigsten Airlines Ausgleichszahlungen freiwillig leisten“. Zu den schärfsten bzw. lautstärksten Kritikern der EU-Vorgaben zählt unterdessen Ryanair-Chef Michael O’Leary. Ihm zufolge sei es schlichtweg „Schwachsinn, wenn eine Entschädigung höher sein kann als der Schaden“.

Ansprüche von Flugpassagieren bleiben in Europa aber auch auf politischer Ebene weiter umstritten. Zuletzt diskutierten die EU-Verkehrsminister bei ihrem Treffen in Luxemburg über das Thema - eine gemeinsame Position der EU-Staaten über eine anstehende Reform steht aber noch aus. Besonders umstritten ist die Frage, ab wie vielen Stunden Verspätung Reisende eine Entschädigung verlangen können.

Als nicht ausgeschlossen gilt Medienberichten zufolge eine spürbare Beschneidung der aktuellen Fluggastrechte. Im Februar war etwa von einem kolportierten Kompromisspapier die Rede, wonach Passagiere bei Flügen innerhalb der EU künftig erst ab einer Wartezeit von mehr als fünf Stunden einen Anspruch auf eine Entschädigung von 250 Euro haben sollen.

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