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Nur die Spitze des Eisbergs?

Gleich mehrere Sonderkommissionen der britischen Behörden gehen derzeit Hinweisen nach, wonach in den 70er und 80er Jahren ein oder mehrere Pädophilenringe systematisch Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen. Höchste Kreise, inklusive Politiker, sollen darin verwickelt gewesen sein. Nach mysteriösem Aktenschwund und vielen Sackgassen taucht nun ein Name immer wieder auf: Edward Heath, konservativer Premier von 1970 bis 1974.

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Britische Medien berichten, hinter vorgehaltener Hand habe es schon seit Jahren Spekulationen über den bereits 2005 verstorbenen Politiker gegeben. Der Labour-Parlamentarier Tom Watson, der als eine Art Opferanwalt agiert, hat bereits seit 2012 auf Vorwürfe gegen Heath hingewiesen - lange ohne Ergebnis. Heath hielt sein Privatleben zeitlebens bedeckt, er blieb bis zu seinem Tod unverheiratet.

Eingestellte Ermittlungen in den 90ern?

Dass jetzt öffentlich über seine Rolle diskutiert wird, ist der unabhängigen Polizeibeschwerdestelle (IPCC) zu verdanken, die vor wenigen Tagen nach einem Hinweis eines pensionierten Polizisten die Untersuchung eines Falles aus den 90er Jahren eingeleitet hatte.

Demnach wird vermutet, die Polizei in der südenglischen Grafschaft Wiltshire habe damals Ermittlungen eingestellt, weil eine Verdächtige gedroht haben soll, Heath als Pädophilen zu outen. Britische Medien identifizierten mittlerweile die Frau, die in Salisbury, ganz in der Nähe von Heaths Wohnsitz, ein Bordell mit minderjährigen Prostituierten betrieben hatte. Die Frau bestritt am Mittwoch allerdings den Vorwurf, den Namen Heath in diesem Zusammenhang genannt zu haben.

Angebliches Opfer aus den 60er Jahren

Der Name des ehemaligen Premierministers sei in Verbindung mit Verbrechen gegen Kinder genannt worden, bestätigte allerdings die Polizei von Wiltshire. Sie sucht nun nach Zeitzeugen, die bei der Aufklärung helfen könnten. Schon am Dienstag seien „eine Reihe von Anrufen“ eingegangen.

Bei den Medien meldete sich umgehend ein Mann, der angab, bereits Anfang der 60er Jahre in Kent von Heath missbraucht worden zu sein. Er sei als Zwölfjähriger beim Autostoppen von Heath mitgenommen und vergewaltigt worden, so der Mann. Erst Jahre später habe er ihn in Medien wiedererkannt. Die Polizei von Kent bestätigte Ermittlungen.

In Skandal auf Jersey verwickelt?

Mittlerweile wurde auch bekannt, dass Heath auch bei zwei großangelegten Untersuchungen ein Thema ist. „Operation Whistle“ untersucht Missbrauchsfälle in einem Waisenhaus auf der Kanalinsel Jersey. Seit Anfang der 60er Jahre sollen im ehemalige Kinderheim „Haut de la Garenne“ Heimmitarbeiter zahlreiche Kinder systematisch missbraucht und schwer misshandelt haben. Sogar von Morden war die Rede, diese Theorie wurde aber danach widerlegt.

Auch der postum des hundertfachen Kindesmissbrauchs überführte TV-Star Jimmy Savile besuchte das Heim - und der begeisterte Segler Heath soll ebenfalls häufig Törns dorthin unternommen haben. Savile und Heath kannten einander. Auch vom Missbrauch von Buben auf Segelbooten ist schon länger die Rede. Die Polizei auf Jersey bestätigte, dass der Ex-Premier in ihren Ermittlungen eine Rolle spielt.

Edward Heath und Jimmy Savile

picturedesk.com/PA

Savile und Heath bei einer TV-Show

Auch Mordfälle werden untersucht

Und laut BBC taucht sein Name auch in der „Operation Midland“ auf, die einem angeblichen Pädophilenring in höchsten Kreisen in den 70er und 80er Jahren in London nachgeht. Offizielle Bestätigung der Behörden gibt es dafür aber nicht. 2012 begannen erste Untersuchungen als „Operation Fairbank“, es folgte die „Operation Fernbridge“ als erste volle polizeiliche Ermittlung. Seit 2014 läuft die „Operation Midland“, da mittlerweile auch von Mordfällen ausgegangen wird. Zudem bestätigte indes die Polizei in Hampshire, dass Heath ebenfalls Teil von Ermittlungen sei.

260 Prominente überprüft

Alle Fäden der Einzelermittlungen laufen bei der „Operation Hydrant“ zusammen. Die Ausmaße sämtlicher Skandale wurden bereits im Mai durch eine Veröffentlichung der Behörden deutlich. Gegen mehr als 1.400 Männer werde ermittelt, rund 260 davon seien in der Öffentlichkeit bekannte Personen, darunter 76 Politiker, 43 Männer aus der Musik und 135 aus der Film- und Medienbranche.

Doch die Aufarbeitung gestaltet sich schwierig. In völlig neuem Licht erscheinen nun Aussagen des mittlerweile verstorbenen Ex-Tory-Fraktionschefs Tim Fortescue. Der hatte 1995 zur BBC gemeint, er und andere hätten immer versucht, prominente Politiker aus den Schlagzeilen zu halten, sei es - wörtlich - wegen „Schulden oder Skandalen mit kleinen Buben“. Man habe gleichzeitig aber Buch geführt und die Politiker damit in der Hand gehabt, sollten sie politisch nicht spuren.

Langwierige Aufklärungsarbeit

Das System der Vertuschung scheint noch immer zu funktionieren. Unter dem früheren Innenminister Leon Brittan verschwand ein Dossier bis heute spurlos, das unter anderem Auskunft über eine Art Kinderbordell im Elm Guest House im Regierungsviertel Westminster geben sollte. Gegen Brittan selbst, der im Jänner starb, wurden postum Vorwürfe des Kindesmissbrauchs erhoben.

Der Parlamentarier Geoffrey Dickens, der das Dossier übergeben hatte und im Parlament 1985 darüber gesprochen hatte, starb 1995. Der Verbleib des Dossiers ist bis heute unbekannt. Unter dem Druck der Öffentlichkeit hatte Premier David Cameron bereits im Vorjahr die restlose Aufklärung versprochen. „Kein Stein bleibt auf dem anderen“, erklärte er, alles werde unter die Lupe genommen.

Nachdem zwei britische Richterinnen als Vorsitzende der Kommission wegen Befangenheitsvorwürfen ihren Hut nehmen mussten, sitzt jetzt mit Lowell Goddard eine Neuseeländerin der Untersuchung vor. Es wird vermutet, dass die Untersuchung bis 2020 dauern wird.

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