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Ein erfundener Bezirk

Die Ottakringer Realität ist endgültig im Kino angekommen. Soll heißen: Die Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung spiegelt sich zunehmend auch auf der Leinwand wider. Das trifft auf ernsthafte Reflexionen des Fremdseins wie „Macondo“ und „Risse im Beton“ zu - aber eben auch auf leichte Kost wie „Planet Ottakring“ von Regisseur Michi Riebl, der diese Woche in den heimischen Kinos anläuft.

Man nehme: Einen verstorbenen Ex-jugoslawischen Säulenheiligen, einen Wiener Urtypen, der dessen Geschäft mit Kleinkrediten übernimmt, einen Araber mit Shisha, eine alleinerziehende Mutter mit traurigen Augen, einen schwulen Araber, eine fidele Prostituierte, eine frustrierte Hotelbesitzerin, einen kauzigen Alten und noch viele weitere sympathisch-verschrobene Charaktere und inszeniere sie vor einer bunten, in warmes Licht getauchten, multikulturellen Stadtkulisse: So funktioniert das Prinzip Ottakring in diesem Film.

Die Hauptfigur ist Sammy, souverän gespielt von Michael Steinocher. Er muss ganz schön viel auf seinen Schultern tragen. Denn Sammy ist einerseits ein klassischer Wiener Strizzi mit Schmäh und überbordendem Selbstbewusstsein. Er dealt mit Gras und ist für jeden Flirt zu haben. Gleichzeitig studiert er nebenbei Wirtschaft, angestiftet von seinem Großvater, einem ehemaligen Buchhalter, der seinem Enkel die ökonomischen Tücken des Systems zu erklären versucht (Lukas Resetarits). Und der dritte Aspekt seines Charakters ist das viel zu gute Herz. So wird man kein ordentlicher Krimineller.

Frau Kredithai und ihr Goldketterlscherge

Vor allem dann nicht, wenn es im Umfeld schon ordentliche Kriminelle gibt, die einem das Leben schwermachen: den bösen Kredithai in der Person der Frau Jahn (furchterregend: Susi Stach) mit ihren finsteren Schergen Denis und Kevin (Wilhelm Iben, auf dem Bild ganz oben mit Hut und Goldketterl). Die terrorisieren den Bezirk. Damit ist das Setting zusammengefasst, auf das der Blick von außen trifft, den es in diesem Film braucht, um Grundsätzliches erklären zu können. Diesen Außenblick wirft die deutsche Wirtschaftsstudentin Valerie (Cornelia Gröschel) auf das System Ottakring.

Denn sie will eine Uniarbeit schreiben über „Schattenwirtschaft im Subproletariat“. Mit dem kommunistischen Opa (Resetarits) und der theoretisch versierten Valerie sind gleich zwei Figuren am Platz, die dem Zuschauer die Welt erklären. Der Kapitalismus ist grausam. Aber man ist ihm beileibe nicht schutzlos ausgesetzt. So kann man die Erkenntnisse von „Planet Ottakring“ zusammenfassen. Es kommt nur darauf an, dass man zusammenhält.

Ottakring, die Lieblingsprojektionsfläche

„Planet Ottakring“ ist nicht aus dem Nichts heraus entstanden. Ähnliche Geschichten wurden bereits in der TV-Serie „Cop Stories“ erzählt. Sammy-Darsteller Steinocher spielt dort einen der Polizisten, die sich ums Grätzel kümmern. Und „Planet Ottakring“ ist auch nicht weit entfernt von den Ottakring-Büchern Manfred Rebhandls. Dort ist es ein Privatdetektiv, der gemeinsam mit einem Psychologen und einem Pornokinobesitzer über das Leben philosophiert und dabei Kriminalfälle löst - auch auf höchst unterhaltsame Art (der dritte Band erscheint demnächst).

Ottakring dient als Projektionsfläche, wo das Nett-Schnoddrige am Urwienerischen auf die orientalische Romantik der Migrantenwelten trifft. Und beide brauchen einen Feind von außen, der sie eint.

Schöner bunt als in echt

„Planet Ottakring“ ist mit Sicherheit kein Film, den man unbedingt gesehen haben muss. Aber er ist ein Feel-good-Movie mit einer Extraportion Moral und ein paar guten Lachern, der nicht zuletzt vom Wiedererkennungswert lebt: Es macht Spaß, in einem Märchen, das mit der Ottakringer Lebensrealität überhaupt nichts zu tun hat, Ottakring als farbenfrohe Kulisse zu erleben. Und übrigens: Eine Liebesgeschichte ist „Planet Ottakring“ auch noch.

Simon Hadler, ORF.at

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