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Lkw-Untersuchung soll Antworten liefern

Nach dem Fund von 71 vermutlich erstickten toten Flüchtlingen in einem Kühltransporter auf der A4 im Burgenland ist in der Nacht auf Sonntag in Ungarn ein fünfter Verdächtiger festgenommen worden. Dabei handelt es sich um einen Bulgaren, berichtete die ungarische Polizei am Sonntag.

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Der Mann sei wegen des Verdachts der Schlepperei festgenommen worden, so die Polizei. Ob und auf welche Weise der Verdächtige in Verbindung zu den vier zuvor verhafteten Männern steht, ließen die Behörden offen. Diese vier - drei Bulgaren und ein Afghane - waren bereits am Donnerstag in Ungarn festgenommen worden. Über sie wurde am Samstag vom Kreisgericht der südungarischen Stadt Kecskemet Untersuchungshaft verhängt. Wie Gerichtspräsident Ferenc Biscskei erklärte, werden die Männer bis 29. September in U-Haft bleiben, wenn nicht schon vorher ein Verfahren stattfindet.

Zeuge will Schlepper gesehen haben

Unterdessen hat sich ein ungarischer Fernfahrer gemeldet, der den Kühltransporter bereits am Mittwochvormittag auf der A4 gesehen haben will. Er habe auch den Schlepper gesehen, sagte er gegenüber dem Internetportal Index.hu. Er sei aus Deutschland kommend nach Ungarn unterwegs gewesen, als er bei Parndorf den parkenden Lkw auf der Gegenfahrbahn gesehen habe. Dabei habe er am Mittwoch gegen 9.45 Uhr einen Mann gesehen, der die Hintertür des Lasters zuschlug. Dann sei dieser Mann panikartig zur Beifahrerseite eines vor dem Lkw abgestellten Autos gelaufen und sei davongefahren - mehr dazu in burgenland.ORF.at.

Obduktionen laufen

Die ungarischen Behörden sehen es als erwiesen an, dass der Lkw im mittelostungarischen Kecskemet, etwa 15 Kilometer südlich von Budapest, losfuhr. Noch immer nicht geklärt ist jedoch, wann die 71 Menschen ums Leben kamen. Bisher wurden 26 der 71 Leichen obduziert. Laut Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil verdichten sich die Hinweise auf einen Erstickungstod.

Das sei allerdings noch kein endgültiges Ergebnis, Gewebeproben müssten noch abgewartet werden, so Doskozil im Interview mit dem ORF Burgenland am Sonntagabend - mehr dazu in burgenland.ORF.at.

Lkw „Millimeter für Millimeter“ untersucht

Neben der Obduktion der Leichen untersuchen die Behörden derzeit auch den Lkw. Das Schlepperfahrzeug werde im burgenländischen Nickelsdorf „Millimeter für Millimeter“ untersucht, erklärte Polizeisprecher Helmut Marban am Samstagabend. Im Fokus der technischen Untersuchungen steht insbesondere die Kühlanlage und die Frage, ob diese vielleicht präpariert worden sei, um eine Luftzufuhr zu ermöglichen, sagte Doskozil gegenüber der APA.

Die Ermittler versuchen weiters herauszufinden, wie luftdicht der Laderaum des Lkws war. Diese Auswertung sei ein Faktor, um ein Weg-Zeit-Diagramm erstellen zu können, um eventuell auch den Todeszeitpunkt zu klären, sagte Doskozil. Man müsse schauen, wie weit dieser eingeengt werden könne. Dadurch ließe sich eine Aussage darüber treffen, wo höchstwahrscheinlich der Tod eingetreten ist - in Österreich oder noch vor der Grenzüberfahrt in Ungarn.

Frage der Zuständigkeit

Das dürfte auch für die Zuständigkeit der Behörden der beiden Länder interessant sein. Die Staatsanwaltschaft des Komitats Bacs-Kiskun hatte die Zuständigkeit für ihre Ermittlungen bisher damit begründet, dass der Lkw in Kecskemet losgefahren sei. Die ungarischen Ankläger sind auch für die Hausdurchsuchungen zuständig, bei denen am Freitag nicht näher bezeichnetes Beweismaterial beschlagnahmt wurde. Offensichtlich halten sie sich aber nicht nur für die Ermittlungen, sondern allenfalls auch für die Anklageerhebung zuständig.

Aber auch die Staatsanwaltschaft Eisenstadt fühlt sich zuständig. Sprecherin Verena Strnad hielt am Sonntag gegenüber der APA allerdings fest: „Es ist zu betonen, dass es keinen Streit über die Zuständigkeit gibt. Es ist wichtig, den Beschuldigten vor Augen zu führen, mit welchen strengen Sanktionen sie rechnen müssen.“ Die zentrale Aufgabe sei die Aufklärung des Falles, sagte Strnad und betonte einmal mehr die gute Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden. Man stehe auch seitens der Staatsanwaltschaften in engem Kontakt. Ob die vier Verdächtigen nach Österreich ausgeliefert werde, hänge „untrennbar“ mit der Frage der Zuständigkeit zusammen. Dazu werde es Gespräche geben.

Österreichische Ermittler in Ungarn

Von der burgenländischen Polizei wurde am Samstag ein Ermittlungsteam nach Ungarn geschickt. Wie lange die Beamten aus Österreich dort bleiben werden, hänge damit zusammen, was die Gespräche mit der Führung des Polizeikomitats ergeben, erläuterte Doskozil. Jedenfalls werde mit dem Direktor abgeklärt, was erforderlich sei. „Um den Informationsfluss auch entsprechend aufrechtzuerhalten, wird der eine oder andere Beamte sicherlich dort bleiben.“ Vernehmungen können die österreichischen Ermittler allerdings keine durchführen.

Spezialteam soll Identität klären

Seit Sonntag ist auch ein Spezialteam zur Identifizierung der Opfer im Einsatz. Dabei handelt es sich laut Doskozil um ein DVI-Team (Desaster Victim Identification), wie er gegenüber der APA am Samstagabend im Interview mitteilte. „Ab morgen beginnt ein etwa zwanzigköpfiges Team, das sich damit auseinandersetzt, wie die Identifikation stattfinden soll beziehungsweise das bemüht ist, die Personen zu identifizieren“, erläuterte Doskozil.

Hotline

Die Polizei bittet um Hinweise und hat dafür eine Hotline mit der Nummer 05 9133 103 333 eingerichtet.

Die Mitglieder seien speziell ausgebildete Kollegen, die zu Krisensituationen oder Katastrophenfällen - etwa auch bei der Tsunami-Katastrophe 2004 - ausrücken. Sie seien vor allem in der dauerhaften Sicherung von DNA-Proben ausgebildet. Weiters geht es vor allem um den Versuch, die Hinterbliebenen der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder informieren zu können, damit sie nicht namenlose Gräber bekommen müssen.

Polizeisprecher Marban hatte am Samstagabend bestätigt, dass die Untersuchung von Behältnissen und Kleidung abgesehen von einem syrischen Pass wenige Spuren ergeben habe. Man konzentriere sich nun auf die Handys der Opfer, „vielleicht führt uns das zur Identität der Leute“. Bei der Identifikation der Opfer sei die Polizei darüber hinaus auch auf Hinweise von Angehörigen und Freunden angewiesen, so Doskozil. Die burgenländische Polizei richtete deshalb eine Hotline ein, die rund um die Uhr besetzt ist - seit Sonntag auch mit Dolmetschern.

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