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Höchststand bei Grenzübertritten

Die Zahl der Menschen, die die Balkan-Route für ihre Flucht wählen, ist weiterhin hoch. Nicht zuletzt wegen der ab Dienstag schärferen Gesetzgebung gegen Flüchtlinge in Ungarn versuchen Tausende, noch vorher durch das Land Richtung Westen zu reisen. Allein am Samstag wurden nach Angaben der ungarischen Agentur MTI bei Röszke 4.079 Flüchtlinge, darunter 1.026 Kinder, aufgegriffen - eine neue Höchstzahl.

In ganz Ungarn wurden am Samstag 4.330 neue Schutzsuchende gezählt, in der Nacht auf Sonntag kamen rund 1.600 weitere über die Grenze. An der Grenze zu Serbien bei Röszke werden die Flüchtenden von Polizisten und Soldaten mit Maschinengewehren erwartet. Viele werden in das Sammellager bei Röszke gebracht. Aufgrund der verheerenden Zustände dort versuchen Schutzsuchende immer wieder, von dort zu fliehen - zuletzt versuchten das Hunderte am Samstagabend.

Warnung vor „untrainierten“ Soldaten

Die meisten wurden Medienberichten zufolge im Raum Röszke oder bei der südungarischen Stadt Szeged aufgegriffen. Der ungarische Oppositionspolitiker Attila Ara-Kovacs warnte vor Szenarien, wenn „untrainierte, aber bewaffnete Soldaten“ in der ungarisch-serbischen Grenzregion tätig werden: „Die Hölle könnte ausbrechen.“ Auch Zsuzsanna Zsohar von der Organisation Migration Aid fürchtet eine weitere Überforderung der Behörden. Schon jetzt müssten Polizisten lokalen Medienberichten zufolge 32-Stunden-Dienste absolvieren. Sie seien für den Grenzeinsatz nicht ausgebildet, völlig erschöpft und übermüdet, so Zsohar. Sie befürchtet zunehmende Spannungen zwischen den Einsatzkräften und den Flüchtlingen.

Soldaten beobachten Flüchtlinge

Reuters/Dado Ruvic

An der serbisch-ungarischen Grenze zu Ungarn treffen Flüchtlinge auf Soldaten mit Maschinengewehren

Aus Serbien werden weiterhin Tausende Nachkommende erwartet. Innerhalb von 24 Stunden erreichten bis Sonntagfrüh rund 3.000 Schutzsuchende die südserbische Stadt Presevo. Bis Montag werden weiter hohe Zahlen erwartet, bevor Ungarn ab Dienstag strengere Grenzkontrollen und Haftstrafen für illegal Einreisende einführt. Schon am Samstag begann Ungarn allerdings, das Bahngleis als letzten Durchlass an der Grenze zu Serbien mit einem Eisentor zu schließen.

Soldaten und Häftlinge bauen Grenzschutz

Schon seit Mitte August verkehren auf dieser Bahnverbindung keine Züge mehr. Der Zaun an dieser Stelle solle ein zehn Meter breites Tor haben, durch das später wieder Züge hindurchfahren könnten. Mit den Bauarbeiten hätten jetzt Strafgefangene unter Aufsicht von Gefängniswärtern begonnen, berichtete MTI. Ungarn versucht, mit verstärktem Einsatz der Armee die Fertigstellung des 175 Kilometer langen Zauns an der serbischen Grenze zu beschleunigen. Insgesamt 4.300 Soldaten seien zu den Bauarbeiten abkommandiert worden und damit 500 mehr als am Vortag, sagte Ungarns neuer Verteidigungsminister Istvan Smimicsko am Samstag.

Häftlinge helfen bei der Errichtungen des Grenzzaunes

Reuters/David Balogh

Bei der Errichtung des Grenzzauns kommen auch Häftlinge zum Einsatz

Der Zaun war offiziell schon am 31. August für fertiggestellt erklärt worden, jedoch entsprach das nicht den Tatsachen. In seiner ursprünglich geplanten Form - vier Meter hoch, aus Maschendraht und NATO-Draht - steht der Zaun auf kurzen Abschnitten. Auf weiten Strecken wurden lediglich mehrere Rollen NATO-Draht übereinander gezogen.

Sanitäreinrichtungen im Lager Röszke fehlen

Die Lage am Grenzübergang von Serbien nach Ungarn bei Röszke ist seit Tagen angespannt. Das dortige Sammellager sorgte angesichts der Zustände für erhebliche Kritik. Ärzte warnten vor einer Ausbreitung von Krankheiten im Lager: „Wenn es kein fließendes Wasser und keine Waschmöglichkeiten gibt und Menschen mit ansteckenden Krankheiten ankommen, dann ist das ein Problem“, sagte Teresa Sancristobal vom lokalen Team der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

Es kämen zwar viele Kleider- und Lebensmittelspenden an, aber es fehle an sanitären Einrichtungen und medizinischer Ausrüstung. Schwangeren Frauen, die völlig erschöpft seien nach wochenlangen Fußmärschen, könne man nur Magnesium und kleine Dosen Schnaps geben, um die Krämpfe zu lindern, erzählt eine medizinische Helferin aus Österreich.

NGO: Freiwillige verhindern Katastrophe in Röszke

Zuletzt sorgte ein Video aus dem Auffanglager für Aufregung, das zeigte, wie Polizisten mit Atemmasken Sackerln mit Semmeln wahllos in eine wartende Menge warfen. Laut einem Bericht der ungarischen Nachrichtenagentur MTI vom Freitag wird dieser Vorfall nun von der Polizei überprüft. „Selbst Tiere behandelt man besser als uns. Das ist hier wie Guantanamo“, sagte ein syrischer Flüchtling gegenüber der Agentur AFP aus dem Lager. Ärztliche Hilfe gebe es kaum. Die zur Verfügung gestellten Lebensmittel reichten nicht aus, so der Syrer aus Kobane.

Flüchtlinge warten bei einem Sammelpunkt in Röszke auf den Bus

Reuters/Laszlo Balogh

Flüchtlinge warten auf eine Weiterfahrt aus dem Sammellager Röszke

Rund um das durch vier Meter hohe und mit Stacheldraht versehene Zäune gesicherte Lager wachen Polizisten mit Schäferhunden. Bisher habe nur das Engagement von Freiwilligen eine Katastrophe im Flüchtlingslager Röszke an der serbischen Grenze verhindert, sagte der Koordinator des Flüchtlingsprogramms beim ungarischen Helsinki-Komitee, Gabor Gyulai.

„Das Rote Kreuz in Ungarn ist von Mitteln der Regierung abhängig und hält sich deswegen fern“, ergänzte die Leiterin des Helsinki-Komitees in Ungarn, Marta Pardavi. Wenn ab kommendem Dienstag die Überquerung des Zauns an der Grenze zu Serbien strafbar werde, sei zudem mit der Inhaftierung und schnellen Abschiebung von zahllosen Flüchtlingen zu rechnen, so Pardavi. Damit entstehe eine schwierige Lage für Serbien, deren Folgen noch nicht absehbar seien.

Hilfe für Polizisten

Offenbar gibt es inzwischen auch Verpflegungsengpässe bei den Polizisten im Lager Röszke. Eine neu gegründete Facebook-Gruppe namens „Zsaruellato“ („Kieberer-Versorger“) startete am frühen Sonntagnachmittag eine Sammelaktion in Budapest, um die Einsatzkräfte nahe der serbischen Grenze mit Essen und Getränken zu versorgen. Die Initiatoren reagierten damit auf einen Bericht des Nachrichtenportals Index. Darin beklagten Polizisten, dass sie während des Einsatzes keine Verpflegung erhielten. Der Bericht wurde allerdings vonseiten eines Polizeisprechers dementiert.

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