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Die Rache eines „Beamten“

Es sei seine „Pflicht“ als Historiker gewesen, rechtfertigt Geir Lundestad sein neues Buch „Fredens sekretaer“ („Friedenssekretär“), in dem er detailliert über die letzten 25 Jahre im innersten Zirkel des norwegischen Friedensnobelpreiskomitees berichtet. Das Buch erschien kurz vor der Bekanntgabe der heurigen Nobelpreise und stellt das Komitee und dessen Arbeit in denkbar schlechtes Licht.

Die „Pflicht“, auf die sich Lundestad beruft, nimmt im Buch nur wenig Raum ein und deckt sich außerdem mit bekannten Kritikpunkten an dem Komitee, das vom norwegischen Parlament beschickt wird und damit von Politproporz geprägt ist. Abgesehen von diesem grundsätzlichen Vorwurf wird in „Friedenssekretär“ vor allem Schmutzwäsche gewaschen. Ex-Premier Thorbjörn Jagland, von 2009 bis 2014 Komiteevorsitzender und immer noch eines der fünf Mitglieder, bekommt dabei am meisten Fett ab.

Die Schwache, der Trottel und der Ahnungslose

Jagland sei „desorganisiert“, habe „überraschende Lücken in der Allgemeinbildung“, gebe aus lauter Eitelkeit Journalisten immer wieder vorab Tipps über mögliche künftige Preisträger und habe zudem noch keine einzige Preisrede selbst geschrieben, sondern sich dafür immer auf Lundestad verlassen. Nicht viel besser kommen Jaglands Vorgänger Ole Danbolt Mjös (2003 bis 2008) und seine Nachfolgerin Kaci Kullmann Five (Mitglied seit 2003, Vorsitzende seit heuer) bei Lundestad weg.

Thorbjorn Jagland und Geir Lundestad

APA/Scanpix Norway/Hakon Mosvold Larsen

Geir Lundestad und Thorbjörn Jagland bei einer Pressekonferenz 2010

Am besten fasste vielleicht Jagland selbst Lundestads Charakterisierung der Komiteespitze in einem wütenden Interview gegenüber dem norwegischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk NRK zusammen: „Ich bin nicht sicher, ob es für den Ruf (des Komitees, Anm.) gut ist, wenn er schreibt, dass die jetzige Vorsitzende schwach ist, der vorige eigentlich ein Trottel war und der davor keinen Tau von Außenpolitik hatte.“

Für Komitee „klarer Vertrauensbruch“

In einem Zeitungskommentar für die Osloer „Aftenposten“ wies Jagland Lundestads Vorwürfe, er verrate Kandidatennamen an die Presse und könne selbst keine Reden schreiben, als „schockierend“ und „verleumderisch“ zurück. Zudem konterte Jagland seinerseits ziemlich untergriffig, Lundestad solle nicht vergessen, dass er bloß ein „Beamter“ des Komitees sei und nicht „das sechste Kommissionsmitglied“. Auch das Komitee selbst reagierte entgegen den sonstigen Gepflogenheiten mit einer Aussendung.

In dem Pressestatement der Komiteevorsitzenden Kullmann Five heißt es, Lundestads Buch sei „ein klarer Vertrauensbruch gegenüber den Komiteemitgliedern und -führern, die mit ihm und in seiner Gegenwart über den Friedensnobelpreis diskutiert haben“. Die Regeln des Komitees schreiben vor, dass Interna allenfalls erst nach 50 Jahren publik gemacht werden dürfen. Auch Lundestad unterschrieb die Vereinbarung bei seiner Aufnahme in das Direktorium des Komitees.

Einige Preise bloß „Betriebsunfälle“

Durch Lundestads Indiskretion erfährt man aber immerhin, dass einige der umstrittensten Entscheidungen des Komitees dort auch umkämpft oder überhaupt „Betriebsunfälle“ waren - wie etwa der Preis für den Dissidenten Liu Xiaobo, der 2010 zu wütenden Reaktionen Chinas führte. Laut Lundestad bekam auch das Komitee Angst vor der eigenen Courage und wollte Liu den Preis doch nicht zusprechen. Dann soll es allerdings Interventionen des damaligen Außenministers Jonas Gahr Störe gegeben haben.

Mohamed ElBaradei und Ole Danbolt Mjoes

Reuters/Alex Grimm

Ole Danbolt Mjös, die Zeremonie 2005 und Preisträger Mohamed ElBaradei

Störe soll damals dem chinesischen Botschafter in Norwegen versichert haben, dass Liu den Preis ohnehin nicht bekommen würde. Das Gerücht über den Umfaller im Komitee habe die Runde gemacht, und so habe es sich zur Wahrung ihres Rufs gezwungen gesehen, doch Liu den Preis zu geben, schreibt Lundestad. Anders war es dafür offenbar bei Hans Blix, der 2004 zum UNO-„Kronzeugen“ dafür wurde, dass der irakische Machthaber Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen besessen habe.

Blix nein, Obama ja

Laut Lundestad war der Preis für Blix im Jahr 2005 schon beschlossene Sache, als man doch wegen des befürchteten Zorns der USA zurückruderte und als Ausweichmanöver die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und deren Direktor Mohamed ElBaradei auszeichnete. 2011 sei der Preis für Umweltschutzbemühungen des Ex-US-Vizepräsidenten Al Gore wiederum Kommissionsmitglied Inger-Marie Ytterhorn zu proamerikanisch gewesen, sie habe ihren Sitz deshalb beinahe aufgegeben.

Thorbjorn Jagland und Barack Obama

Reuters/John McConnico

Thorbjörn Jagland übergibt Barack Obama 2009 den Friedensnobelpreis

Keine US-Sympathien, sondern blanke Selbstüberschätzung des Komitees sollen für den Preis an US-Präsident Barack Obama 2009 verantwortlich gewesen sein. Die Preisrichter glaubten laut Lundestad, dass der Nobelpreis Obama für die beabsichtigten Reformen in den USA innenpolitisch alle Wege ebnen würde. Wie dessen Amtszeit zeigte - von Guantanamo über Abrüstung und Einwanderung bis zur Gesundheitsreform -, ließ sich die republikanische US-Opposition davon jedoch nicht beeindrucken.

Und ein Papst schon überhaupt nicht

Ohnehin waren laut dem Buch die Preisträger über Jahre hinweg eigentlich nur die zweite Wahl. Seit 1994 soll das Komitee Jahr für Jahr mit dem fixen Vorhaben zusammengetreten sein, den Preis an Papst Johannes Paul II. für seine Rolle bei der Beendigung des Ostblock-Kommunismus zu verleihen. Und Jahr für Jahr soll der Plan am „Njet“ von Kommissionsmitglied Gunnar Stalsett (1994 bis 2002, 2012 bis heute) gescheitert sein, der nicht nur konservativer Politiker und Preisrichter, sondern auch lutherischer Altbischof ist.

Auch Stalsett bekundete seine „tiefe Enttäuschung“ über Lundestads gebrochenes Schweigen. Persönlich werden die beiden nicht mehr viel miteinander zu tun haben: Der „Friedenssekretär“ bekam unmittelbar nach der Veröffentlichung des Buches die Aufforderung, sein Büro im Haus des Nobelpreiskomitees zu räumen. Inhaltliche Dementi gibt es allerdings nicht: Man halte sich schließlich selbst an das Schweigegelübde, rechtfertigen sich die Komiteemitglieder.

Lukas Zimmer, ORF.at

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