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Abrechnung mit einer Diktatur

Der Literaturnobelpreis 2015 ist am Donnerstag an Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch verliehen worden. Die weißrussische Dissidentin hatte bereits 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Die Preisträgerin verlieh ihrer Freude Ausdruck: „Das ist ganz groß.“

Seit mehr als 30 Jahren widmet sich Alexijewitsch tragischen menschlichen Schicksalen - als Chronistin traumatischer Erlebnisse und Kritikerin menschenverachtender Systeme. Sie lebt in Minsk in einer kleinen Wohnung. In ihrer Heimat, die Präsident Alexander Lukaschenko als Diktator regiert, wird die Dissidentin kaum beachtet.

Bücher von Swetlana Alexijewitsch

APA/AFP/Jonathan Nackstrand

Bücher von Swetlana Alexijewitsch

Heute wie zu Sowjetzeiten greift die ehemalige Journalistin mit dokumentarischer Präzision auf, woran Menschen leiden - und oft zerbrechen: Katastrophen, Krieg und Diktatur. Ihr „Roman in Stimmen“ ist eine literarische Gattung, die sie selbst entwickelt hat. Die Autorin gibt ihren Gesprächspartnern Formulierungshilfen und verdichtet ihre Schicksale so zu dramaturgisch packenden Monologen. Ihre Bücher berühren - etwa in jüngerer Zeit das Monumentalwerk „Secondhand-Zeit“.

„Beschmutzerin“ des Sowjetandenkens

Geboren wurde Alexijewitsch als Tochter eines Journalisten und einer Lehrerin am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk). Nach dem Journalistikstudium arbeitete sie zunächst bei einer Lokalzeitung und als Lehrerin, geriet aber auch damals schon mit den Sowjetbehörden in Konflikt. Ihre Arbeit als Journalistin verlor sie, als sie in den 1980ern in dem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ mit dramatischen Erinnerungen von Frauen angeblich das Andenken an den heldenhaften Sieg der Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg „beschmutzte“. Der Hanser-Verlag Berlin brachte das Buch auf Deutsch heraus.

Gespräch mit ORF-Literaturexpertin Gasser

ORF-Literaturexpertin Katja Gasser unterstrich die Bedeutung des Literaturnobelpreises. Mit Alexijewitsch werde auch die Gattung der literarischen Reportage gewürdigt.

Brechen ließ sich die auch für Drehbücher, Theaterstücke und durch Fernseh- und Rundfunksendungen bekannte Autorin aber nie. Ihr Erfolg im Ausland liege vor allem an ihrer großen Kunst, journalistische Beobachtungsgabe mit einer eindringlichen Prosa zu verbinden und so die Herzen zu berühren, sagte unlängst die Politologin Maryna Rakhlei.

In der Heimat ungehört

Alexijewitsch setzte nicht nur dem Afghanistan-Krieg der Sowjetunion ein literarisches Zeugnis mit dem Buch „Zinkjungen“ (1989). Sie war selbst dort als Autorin. Sie gab auch Strahlenopfern nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl von 1986 eine Stimme. „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ heißt das Werk, das 2011 mit einem neuen Vorwort von ihr erschien. Anlass war die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima, das sie besuchte. Dass der als letzter Diktator Europas kritisierte Lukaschenko jetzt trotzdem mit russischer Hilfe ein Kernkraftwerk an der Grenze zur EU bauen will, lehnt sie kategorisch ab.

Doch ihre Appelle finden in den staatlich kontrollierten Medien kein Gehör. „Die Machthaber tun so, als ob es mich nicht gibt, lassen mich nirgends auftreten, nicht im Fernsehen, nicht im Radio, nicht in Schulen oder Universitäten“, sagt die Autorin. Niemand verlege in Weißrussland ihre Werke. Nach mehr als zehn Jahren im Ausland - in Italien, Schweden und allein drei Jahre in Deutschland - lebt sie nun wieder dauerhaft in ihrer Heimat: nahe ihrer Tochter - einer Lehrerin - und der Enkelin. Außerdem sei die Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen.

Würdigungen von allen Seiten

Die Überraschung war diesmal zwar nicht so groß wie im Vorjahr beim französischen Schriftsteller Patrick Modiano, umso einhelliger fielen allerdings die Reaktionen aus. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels etwa würdigte die neue Literaturnobelpreisträgerin als große Erzählerin und Chronistin.

„Sie setzt in ihrem Werk auf das Wort und die Freiheit und nutzt ihre schriftstellerische Kraft selbstlos und mutig, um den stumm gemachten und vergessenen Menschen eine Stimme zu geben“, so der Vorsteher des Dachverbands der Buchbranche, Heinrich Riethmüller.

Der Literaturkritiker Volker Weidemann nannte ihre Kür „eine ideale Wahl“, Denis Scheck nannte sie eine „Jägerin des verlorenen O-Tons der Geschichte“. Das Internationale Auschwitz Komitee würdigte sie als „herzliche und mutige Kämpferin für die Menschen, die autoritäre Regime hinter sich zurücklassen“. Ex-Hanser-Chef Michael Krüger fasste zusammen: „Sie wird eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden.“

Alexijewitsch: „Das ist ganz groß“

Alexijewitsch selbst freute sich über die große Ehre: „Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen“, sagte sie dem schwedischen Fernsehsender SVT nach der Bekanntgabe. Sie ist die 14. Frau, die den seit 1901 vergebenen Preis, der diesmal mit acht Mio. schwedischen Kronen (rund 860.000 Euro) dotiert ist, in Empfang nehmen darf.

Frau an der Spitze der Akademie

Unterdessen gab es bei der Verleihung des Literaturnobelpreises ein Novum. Die Schwedische Akademie, die den Preis vergibt, hat mit der 53-jährigen Sara Danius heuer zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Frau an ihrer Spitze. Deshalb verkündete in diesem Jahr auch zum ersten Mal eine Frau den Preisträger der berühmten Auszeichnung. Danius sagte im Vorfeld, dass sie keineswegs nervös sei - nur ein bisschen angespannt. Sie hat sich nicht nur als Literaturkritikerin einen Namen gemacht, sondern auch Bücher über Kochen und Keramik geschrieben.

Sara Danius, Präsidentin der Schwedischen Akademie

APA/EPA/Fredrik Sandberg

Sara Danius, Präsidentin der schwedischen Akademie

Außerdem arbeitete die heutige Professorin für Literaturwissenschaft an der Uni Stockholm schon als Croupiere in einem Casino. Ob die oft wegen Sexismus kritisierte Jury der Akademie nun verstärkt nach nobelpreiswürdigen Frauen Ausschau hält, beantwortete Danius so: „Es gibt eigentlich nur ein Kriterium: Qualität. Das ist alles. Aber wenn man sich die Nobelpreisträger der letzten 25 Jahre ansieht, kann man eine Tendenz sehen, dass es viel mehr Frauen gibt, ja, fast 30 Prozent sind Frauen.“

Als wichtiges Zeichen sieht Danius ihre Ernennung zur Präsidentin jedenfalls: „Es war ja auch sehr wichtig, als Angela Merkel gewählt wurde. Auch in Schweden gibt es seit etwa zehn, 15 Jahren viele Frauen in wichtigen Positionen in der Gesellschaft - Wirtschaft, Banken, Industrie, Kultur und so weiter. Es gibt eine Bewegung.“

Warten auf Friedensnobelpreis

Seit Anfang der Woche haben Jurys in Stockholm schon die Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie verkündet. Am Freitag gibt das Osloer Nobelkomitee den diesjährigen Friedensnobelpreisträger bekannt. Wegen ihres Engagements in der Flüchtlingsfrage könnte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nach Einschätzung von Friedensforschern den prestigeträchtigen Preis bekommen. Wie die anderen Auszeichnungen ist der Literaturnobelpreis mit acht Millionen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotiert. Alle Preise werden am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, verliehen.

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