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Einordnung eines überraschenden Wahlabends

„Häupls Coup des Lebens“, die Leihstimmenfrage und die bundespolitischen Auswirkungen der Wien-Wahl haben die Kommentatoren der heimischen Tageszeitungen beschäftigt. Alle einte die Verwunderung darüber, wie klar der Abstand zwischen SPÖ und FPÖ ausfiel.

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Für die SPÖ könnten „Leihstimmen“ vor allem aus dem Lager der Grünen den Unterschied gemacht und ein „totales Debakel verhindert“ haben, schreibt Alexandra Föderl-Schmid im „Standard“. Im Duell Häupl gegen Strache habe die Formel „Er oder ich“ wählermobilisierend gewirkt. Häupl habe das Flüchtlingsthema außerdem „mit klaren Ansagen verbunden“.

„Für oder gegen Flüchtlinge“ habe es in der Auseinandersetzung mit Strache geheißen. Im Gegensatz zu Hans Niessl (SPÖ) im Burgenland und Josef Pühringer (ÖVP) in Oberösterreich habe sich Häupl in Bezug auf die FPÖ „für Abgrenzung statt Anbiederung entschieden“. Doch: „Auch wenn die SPÖ Platz eins verteidigen konnte, kann das nicht über das Ausmaß der Stimmenverluste hinwegtäuschen.“ Für beide Regierungsparteien im Bund sei das Wiener Wahlergebnis einmal mehr „ein Weckruf und ein Denkzettel“.

„Presse“: Häupl und der Coup des Lebens

„Wiens Bürgermeister ist der Coup seines Lebens gelungen“, leitet Rainer Nowak seinen Leitartikel in der „Presse“ ein. Häupl und die SPÖ seien von Wienern gewählt worden, die „mit der Sozialdemokratie und ihrer speziellen Wiener Variante so viel zu tun haben wie Heinz-Christian Strache mit der Caritas“ - sie wollten um jeden Preis verhindern, dass Strache auf Platz eins landet. Die Wahl sei auch „eine Wien-Abstimmung über den Umgang mit Flüchtlingen“ gewesen. Trotz der Jubelstimmung habe die Sozialdemokratie aber ein ernstes Existenzproblem: Die SPÖ habe den frustrierten und zornigen Verlierern und Nichtgewinnern von Wirtschaftskrise und städtischem Boom „nichts bis wenig zu bieten“.

„Österreich“: „Angst vor Strache hat gesiegt“

„Die Angst vor Strache hat gesiegt“, schreibt Wolfgang Fellner („Österreich“), der einen „unerwartet klaren Triumph für Michael Häupl“ ausmacht. Viele FPÖ-Wähler und Unentschlossene hätten „Angst vor der eigenen Courage“ bekommen: „Eine Proteststimme für die FPÖ ist eine Sache - aber Strache als Bürgermeister war den meisten ein viel zu hohes Risiko.“ Häupl habe viele neue Sympathien bei Grünen und frustrierten SPÖ-Wählern gesammelt: „Er ist in der Flüchtlingsfrage gezielt auf Toleranz und Menschlichkeit geblieben und hat sich jeden Populismus erspart.“ Das Duell mit Strache habe Häupl auf die Formel „Profi gegen Populist“ zugespitzt.

„Kurier“: FPÖ wird sich entscheiden müssen

„Letztlich hat die SPÖ gerettet, dass einige Bürgerliche, denen vor den FPÖ-Sprüchen zum Thema Flüchtlinge graust, Bürgermeister Häupl wählen“, so Helmut Brandstätter im „Kurier“. Die FPÖ habe nicht nur stark zugelegt, sondern auch die SPÖ in ehemaligen Bastionen bedrängt. Das bringe der FPÖ auf Dauer noch nichts: „Sie wird weiter gewinnen, sich als Opfer der Ausgrenzung gerieren.“ Sie werde auch im Bund keine absolute Mehrheit erreichen: „Irgendwann werden die Strategen in der FPÖ entscheiden müssen, ob sie eine parlamentarische Mehrheit erreichen oder ewig die radikale Opposition spielen wollen.“

„Kleine“: „Wattierte Abstrafung“ dank „Stützstimmen“

„Stützstimmen von bürgerlichen Wählern wie auch von Grün-Sympathisanten wattierten die Abstrafung der SPÖ“, kommentiert Hubert Patterer das Wahlergebnis in der „Kleinen Zeitung“. Die Wiener Boulevardmedien hätten ein Duell inszeniert, das es nie gegeben habe: „Es war eine konstruierte Kulisse, die wie schweres, düsteres Gewölk über der Stadt hing.“ Eine bizarre Pointe macht Patterer aus: „Ausgerechnet jene FPÖ, die mit moralischer Unbekümmertheit auf Ängste setzt, wurde diesmal selbst Opfer einer künstlichen Schreckvision.“

„Wiener Zeitung“: Populismus zahlt sich nicht aus

Das Ergebnis der Wien-Wahl habe für die Bundespolitik eine deutliche Botschaft, so Reinhard Göweil in der „Wiener Zeitung“: „Populismus von Regierungsparteien zahlt sich nicht aus.“ Häupl habe in der Flüchtlingsfrage eine klare Haltung gezeigt. Trotz des Stimmenverlusts sei das Ergebnis ein Erfolg für die Wiener SPÖ und für Häupl. Die ÖVP habe „eine Watsch’n“ erhalten, „wohl auch, weil sie sich rund um die Oberösterreich-Wahl dem Populismus hingegeben hat“.

„Kronen Zeitung“: Häupl bestätigt seinen Ruf

Claus Pandi konstatiert Häupl in der „Kronen Zeitung“, dem Ruf als „unverwüstliches Wahlkampf-Schlachtross“ gerecht geworden zu sein: „Angesichts der politischen Großwetterlage ist das eine besondere Leistung.“ Die FPÖ habe aus der Flüchtlingskrise zwar einiges an Kapital schlagen können. „Aber dass Heinz-Christian Strache eine Großstadt von internationalem Rang regiert, wollten die Wiener dann offenbar doch nicht.“ Die ÖVP sei in Wien zu einer Kleinpartei geschrumpft, zwischen den Grünen und NEOS zu liegen sei ein „historisches Desaster“. Und: „Haltung, wie sie die SPÖ in der Flüchtlingsfrage gezeigt hat, wird honoriert, auch wenn sie nicht populär ist.“

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