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„Was tut man nicht alles ...“

„Wir treten an, um den roten Teufel aus der Rathaushölle herauszutreiben und den blauen Himmel sichtbar zu machen.“ Mit diesen Worten hat FPÖ-Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache ein „Duell“ mit Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) ausgerufen. Im Jahr 2005. Und noch einmal 2010. Nun folgte die dritte Duellansage, die zum ersten Mal etwas bewirkt haben dürfte - nämlich Stimmen für die SPÖ.

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Auf der Seite der FPÖ unterschieden sich die Parolen von vor zehn oder fünf Jahren nicht von den heurigen. 2005 war „Duell um Wien“ der zentrale Plakatinhalt, 2010 wurde sogar in einem eigens aufgebauten Boxring wahlgekämpft. Heuer ging die FPÖ laut eigener Aussage mit mehr „Zuversicht“ denn je „in das Duell mit der Faymann-Häupl-SPÖ“. Dass die Freiheitlichen der Duellstrategie die Treue hielten, ist an sich schon erstaunlich: Ihre Erfolgsbilanz war schon die letzten beiden Male zumindest gemischt.

Was vor fünf und zehn Jahren anders war

Vor zehn Jahren - als sich die FPÖ wegen der schwarz-blauen Regierung schwerlich als Protestwählerangebot präsentieren konnten - fielen die Freiheitlichen bei der Wiener Gemeinderatswahl auf weniger als 15 Prozent. 2010 war die FPÖ wieder die Regierungsverantwortung los und konnte damit entsprechend befreiter wahlkämpfen. Ein Zuwachs von fast elf Prozentpunkten war die Folge. Nun kamen noch einmal sechs dazu.

Michael Häupl (SPÖ) vor Anhängern

ORF.at/Peter Pfeiffer

Häupl am Sonntagabend

Die SPÖ kratzte nach der Wahl 2005 mit deutlichen Zuwächsen an der absoluten Mehrheit: Sie konnte sich damals, obwohl in der Stadt eindeutig die tonangebende Kraft, als Gegenpol zu Schwarz-Blau positionieren. 2010 und jetzt verschlechterte sich das Ergebnis jeweils in Schritten von rund fünf Prozentpunkten und damit weniger als die Verluste der FPÖ in Wien, als die Partei zugleich Regierungsverantwortung hatte.

Duellansage zweimal verlacht

Angesichts der verbreiteten Unzufriedenheit mit der Bundesregierung ist es also nicht verwunderlich, dass sich die SPÖ mit einem Resultat von fast 40 Prozent vor Auszählung der Wahlkarten zufrieden zeigte. Dass die Übung gelang, schreibt man auch bei den Sozialdemokraten weniger den eigenen politischen Positionen, sondern vielmehr der Person Häupls zu. Der lieferte bei der heurigen Wahl ein taktisches Husarenstück, das sich bezahlt machte - gerade, weil er sich auf das Duell einließ.

Als die FPÖ es 2005 zum ersten Mal mit dem Schlagwort versuchte, konterte Häupl sarkastisch: „Mein Gott, was tut man nicht alles, um vielleicht doch noch im Gemeinderat zu bleiben.“ Zugleich hielt er fest, das Ausrufen eines Duellszenarios sei „ganz offensichtlich die Verbreitung von Unwahrheiten“. Fünf Jahre später nahm Häupl die FPÖ nur ein wenig ernster und versuchte vor allem mit inhaltlichen Unterschieden zwischen den Parteien zu punkten. Die Wähler belohnten das kaum.

Heuer nahm Häupl den Ball auf

Heuer nahm Häupl die Einladung zum Duell eilends auf und befeuerte das Szenario selbst zusätzlich. Schon im Herbst 2014 steckte er die Linie ab: Es werde eine „harte Auseinandersetzung“ mit Strache, bei der er vor allem an die Regierungsbilanzen der FPÖ etwa in Kärnten und unter Schwarz-Blau erinnern wolle. Wie sich herausstellen sollte, brauchte es gar nicht so viele Inhalte, neben der Zuspitzung auf die beiden Spitzenkandidaten und das Asylthema war sonst für kaum anderes Platz.

Heinz-Christian Strache (FPÖ) vor Anhängern

ORF.at/Roland Winkler

Strache am Sonntagabend

Irgendwann zwischen 2010 und 2014 dürften sich Häupl und die SPÖ eingehend den Wählerstromanalysen der letzten beiden Wahlen gewidmet haben: 2005 verlor die SPÖ 76.000 Wählerstimmen an das Lager der Nichtwähler, wie die Analyse des SORA-Instituts ergab. 2010 ging der größte Wählerstrom von 45.000 Stimmen in Richtung der FPÖ. Macht in Summe also rund 120.000 Stimmen oder fast ein Zehntel aller Wahlberechtigten, die an Desinteressierte, Frustrierte und Protestwähler verloren gingen.

Wie man Protestwähler verschüchtert

Häupls Taktik stellt sich damit retrospektiv als einleuchtend dar: Einem Gutteil der Desinteressierten wie der Protestwähler nimmt man den Wind aus den Segeln, wenn man ihnen vor Augen hält, dass ihre Wahlverweigerung oder ihre Wahlentscheidung Konsequenzen haben könnte. Laut der SORA-Wählerstromanalyse beeindruckte das heuer sogar 12.000 bisherige FPÖ-Wähler, die in einem Duellszenario mit ungewissem Ausgang lieber auf Häupl als auf Strache setzten.

Lukas Zimmer, ORF.at

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