Burgtheater: Grandioser Gorki auf unsicherem Terrain

Mit Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“ hat Andreas Kriegenburg gestern Abend nach rund 15-jähriger Absenz sein Comeback am Wiener Burgtheater gefeiert. Christiane von Poelnitz glänzte dabei als Unternehmerin und Oberhaupt einer völlig dysfunktionalen Familie.

Ihre missratenen Söhne (Martin Vischer und Tino Hillebrand) sowie der lüsterne Onkel (Peter Knaack) hat sie ebenso im Griff wie die Schwiegertöchter (Frida-Lovisa Hamann und Aenne Schwarz). Einzig Tochter Anna (Andrea Wenzl), deren spätes Auftauchen das Gefüge schlagartig verändert, scheint der Muttermacht ebenbürtig zu sein.

Wo Hysterie und Langeweile funktionieren

Lustvoll lässt Kriegenburg so Gorkis Verwicklungen und Intrigen aufgehen, Hysterie und Langeweile, im Theater nur schwer zu vermitteln, greifen hier mühelos ineinander. Das Ergebnis ist ein hochkomplexer Krimi, dessen Motive keine Gegenwartsbezüge benötigen, um als heutig deutlich zu werden. Das äußerst stimmige Kostümbild, in Weißtönen gehalten, ist dementsprechend im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt.

Die Verunsicherung und Umbrüche der Gesellschaft versinnbildlicht hingegen die multifunktionale Bühne von Harald B. Thor auf deutlichste Weise - ein beeindruckendes Plankenkonstrukt, das schaukelt und schwebt, sich neigt und hebt: Wer hier bestehen will, muss guten Halt haben.

Szene aus der Burgtheateraufführung von Maxim Gorkis "Wassa Schelesnowa"

APA/Robert Jäger

Gorki hatte das Stück 1910 nach dem Scheitern der ersten russischen Revolution geschrieben - eine Abrechnung mit der Verkommenheit des kapitalistischen Systems. Von den zwei existierenden Fassungen entschied sich Kriegenburg für die frühere: Die Frauen übernehmen die Führung, die Männer rutschen - auf der schiefen Bühne im wahrsten Sinne des Wortes - ab.

Gorki hatte seine Urfassung selbst später als „äußerst misslungen“ bezeichnet. Für den gut zweieinhalbstündigen Burgtheater-Abend gilt - sowohl ästhetisch als auch darstellerisch - genau das Gegenteil. (sofe, ORF.at)