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IS-Hochburg nach Anschlägen bombardiert

Der Terrorangriff auf Paris könnte auf den direkten Befehl von Abu Bakr al-Bagdadi, den Anführer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), zurückgehen. Zumindest geht der irakische Geheimdienst davon aus, der entsprechende Informationen aus dem IS abgefangen haben will. Der französische Ministerpräsident Manuel Valls bestätigte am Montag, dass die Attentatsserie in Syrien geplant worden sei.

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Frankreich soll einen Tag vor den Anschlägen von Paris vor der Gefahr bevorstehender Attacken informiert worden sein. Valls bestätigte am Montag ebenfalls eine dahingehende Warnung. Sie war laut der US-Nachrichtenagentur AP, die Einblick in das Geheimdienstmemo nehmen konnte, allerdings reichlich unbestimmt. Sie betraf „Bombenanschläge, Tötungen und Geiselnahmen in den kommenden Tagen“, die sich in allen Mitgliedsstaaten der US-geführten Koalition im Kampf gegen den IS ereignen könnten, möglicherweise aber auch im Iran und in Russland. Seitens des französischen Innenministeriums habe es geheißen, solche Warnungen bekomme man „Tag für Tag, die ganze Zeit“.

Angeblich 24 Beteiligte

Angesichts der eintreffenden Warnungen über bevorstehende Anschläge frage sich der französische Geheimdienstchef an jedem ereignislosen Tag beim Zubettgehen „Warum nicht heute?“, zitierte AP eine anonyme Quelle aus dem französischen Sicherheitsapparat. Auch wurde auf die Unzuverlässigkeit des irakischen Geheimdiensts verwiesen, der etwa schon vermeldete, Bagdadi sei bei Angriffen in der IS-Hochburg al-Rakka zumindest schwer verletzt worden und das später wieder dementierte.

Gedenkfeieren in Paris

APA/EPA/Julien Warnand

Zeichen der Trauer am Place der Republique in Paris

Im Nachhinein wirken die abgefangenen Informationen allerdings glaubhaft: Laut dem irakischen Geheimdienstmemo wurden die Anschläge auch in Rakka vorbereitet. Mindestens 24 Menschen seien daran beteiligt gewesen: 19 Angreifer und fünf andere mit „Planung und Logistik Betraute“. Auch in Frankreich mehren sich die Indizien dafür, dass mehr als die acht getöteten Angreifer an den Anschlägen vom Freitag beteiligt waren.

Attentäter den Geheimdiensten „nicht bekannt“

Die Attentäter sollen in Rakka selbst für die Attentate „trainiert“ worden sein, heißt es in dem Memo. In Frankreich wartete demnach eine Schläferzelle auf sie, um mit ihnen gemeinsam die Anschläge durchzuführen. Auch der französische Innenminister Bernard Cazeneuve sagte am Sonntag nach einem Treffen mit seinem belgischen Kollegen Jan Jambon ohne Angabe weiterer Details, die Attentäter seien im Ausland vorbereitet worden und „den französischen Diensten nicht bekannt“ gewesen.

Bernard Cazeneuve und Jan Jambon

APA/EPA/Christoophe Petit Tesson

Jambon und Cazeneuve am Sonntag

Zu der Darstellung des irakischen Geheimdiensts würden die bisherigen Ermittlungsergebnisse passen, wonach zumindest manche der Attentäter erst vor Kurzem nach Europa einreisten und andere bereits den Behörden in Frankreich und Belgien im Zusammenhang mit Islamismus aufgefallen waren.

Französischer Luftangriff auf Rakka

Rakka war auch das Ziel großangelegter Luftschläge des französischen Militärs am Sonntagabend. Bei den „massiven“ Angriffen auf die IS-Hochburg Rakka hätten zehn französische Kampfflugzeuge insgesamt 20 Bomben abgeworfen, teilte das Verteidigungsministerium in Paris am Sonntagabend mit. Die Ziele seien ein „Terrortrainingslager“ und ein Camp gewesen, das den Dschihadisten als Kommandozentrale, Rekrutierungszentrum und Waffenlager gedient habe. Beide Ziele seien zerstört worden.

Der IS hatte sich zu den schwersten Anschlägen in der französischen Geschichte bekannt. Frankreichs Staatschef Francois Hollande sprach von einem „Kriegsakt“ einer „terroristischen Armee“. Das Land ist weiterhin im behördlichen Ausnahmezustand, der der Exekutive weitestgehende Befugnisse über das normale Maß hinaus in die Hand gibt. Der britische Premierminister David Cameron forderte unterdessen vom Parlament Unterstützung für die Beteiligung seines Landes an Luftangriffen in Syrien. „Wir müssen das Parlament überzeugen“, sagte er in der BBC.

Über 100 Tanklaster zerstört

Amerikanische Kampfjets bomardierten in Syrien IS-Stellungen und zerstörten dabei mindestens 116 Tanklaster der Extremisten. Die Angriffe seien in der Nähe von Deir al-Sur im Osten Syriens geflogen worden, einer Region, die von den Islamisten beherrscht werde, berichtete die „New York Times“ am Montag unter Berufung auf amerikanische Behördensprecher.

Die Miliz habe die Lastwagen genutzt, um Rohöl zu schmuggeln, hieß es. Der Einsatz sei schon länger geplant gewesen und stehe nicht in Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris vom vergangenen Freitag. Mit ihm solle vor allem eine Haupteinnahmequelle des IS zerstört werden, der sich auch aus Ölverkäufen finanziert.

„Großer Anschlag“ auch in Istanbul verhindert?

Die Türkei stützte ebenfalls die These eines koordinierten Terrorgroßangriffs. Am Freitag sei auch in Istanbul ein „großer“ Anschlag verhindert worden, teilte ein Regierungsvertreter am Sonntagabend mit. Fünf Verdächtige seien festgenommen worden, darunter auch ein Vertrauter des britischen IS-Kämpfers „Jihadi John“. Es sei auch denkbar, dass die Verdächtigen einen Anschlag in Europa geplant hätten. Man stehe im Kontakt mit der französischen Polizei.

Die Türkei fahndet seit dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara am 10. Oktober mit 102 Toten verstärkt nach Dschihadisten. Der türkischen Regierung war lange Untätigkeit gegenüber den IS-Dschihadisten vorgeworfen worden. Kritiker beschuldigten Ankara unter anderem, die Dschihadisten mit Waffen zu versorgen und nichts zu unternehmen, um IS-Kämpfer am Grenzübertritt zu hindern.

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