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Flusstal so groß wie Österreich

Seveso, Bhopal, Kolontar: Die Ortsnamen stehen für Industrieunfälle der vergangenen Jahrzehnte, die ganze Landstriche verseucht haben. In ihren Reihen könnte sich ein neuer Name finden: Minas Gerais. In dem brasilianischen Bundesstaat brachen vor drei Wochen zwei Dämme des Abraumteichs einer Eisenmine und lösten eine Schlammlawine aus - eine hochgiftige Lawine, wie nun auch die UNO bestätigte.

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Das Büro des UNO-Hochkommissars für Menschenrechte (UNHCHR) verwies auf „neue Erkenntnisse“. Diese machten deutlich, dass der Schlamm hohe Konzentrationen an giftigen Schwermetallen und anderen Chemikalien enthalte, so die UNO-Behörde. Das UNHCHR ließ bisher offen, auf welche Studien es seine jüngsten Erkenntnisse stützt. Die Aussagen der UNO gehen aber mit den Einschätzungen von Biologen, Umweltschützern und letztlich auch den brasilianischen Behörden konform.

Zerstlörtes Dorf

APA/AP/Felipe Dana

Vom Bergwerksdorf Bento Rodriguez blieben nur verschlammte Ruinen über

Insgesamt 62 Millionen Kubikmeter eines Gemischs aus Arsen, Aluminium, Blei, Kupfer und Quecksilber ergossen sich Anfang November in die Landschaft. Mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben, als die Schlammlawine das Dorf Bento Rodriguez verschüttete. Laut Augenzeugen könnte die Zahl noch um einiges höher sein. Dutzende Menschen verloren ihre Häuser und Habseligkeiten.

Fluss gilt als zerstört

Doch das Ausmaß der Umweltkatastrophe geht weit über das Bergarbeiterdorf hinaus. Die rotbraune Brühe fand schnell ihren Weg in einen der größten Flüsse Brasiliens. Die Fluten des Rio Doce transportierten den Schlamm in den folgenden Tagen Hunderte Kilometer weit bis zum Atlantik.

Karte zeigt Bento Rodriguez in Brasilien

Grafik: APA/ORF.at

Auf seinem Weg färbte der Schlamm nicht nur Wasser und Ufer rostrot, er hinterließ auch eine Spur des Todes. Auf den über 600 Kilometern von Bento Rodriguez bis zum Meer gilt der Rio Doce mittlerweile als zerstört. Tote Fische trieben an seiner Oberfläche, Wasservögel dümpelten mit braun verklebtem Gefieder auf dem Wasser. Der Schlamm arbeitete sich an den Rand zahlreicher Dörfer am Ufer des Flusses vor. Die Ortschaften wurden von der Wasserversorgung abgeschnitten und müssen seitdem mit Tankwagen versorgt werden.

Minenbetreiber beharren auf Harmlosigkeit

Die offensichtlichen Folgen konnte auch die Minengesellschaft Samarco nicht leugnen. Doch der Minenbetreiber und seine Muttergesellschaften - der brasilianische Konzern Vale und der britisch-australische Bergbauriese BHP Billiton - halten nach wie vor daran fest, dass der Schlamm in dem Klärbecken ungiftig sei.

Schlamm bahnt sich den Weg durch den Wald

APA/AFP/Christophe Simon

Laut Samarco ist der Schlamm weder für Menschen gefährlich noch verseucht er das Wasser. Noch am Dienstag erklärte BHP, die Bestandteile seien „chemisch stabil“. „Sie werden die chemische Zusammensetzung des Wassers nicht verändern und sich in der Umwelt wie normales Sediment im Einzugsgebiet des Flusses verhalten“, so der Bergbaukonzern. Für den Tod der Fische hatte BHP eine einfache Erklärung: Sie seien vor allem an der „schieren Menge des Sediments“ erstickt, das ihre Kiemen verstopft habe. Die chemische Zusammensetzung habe damit nichts zu tun.

Folgeschäden in Milliardenhöhe

Umweltschützer wollten das von Anfang an nicht glauben. Selbst die die brasilianischen Behörden wiesen in Tests mittlerweile Quecksilber, Blei und Arsen nach. Am Mittwoch bekamen sie nun auch die Bestätigung der UNO. Das könnte vor allem für die weitere Aufarbeitung des Unglücks von Bedeutung sein. Die Bergwerksbetreiber versuchten bisher nicht nur, den Schlamm als ungefährlich darzustellen. Sie argumentierten auch damit, das Ganze als Folge höhere Gewalt zu betrachten. Möglicherweise habe ein Erdbeben dazu geführt, dass die Dämme brachen, so die Minengesellschaft.

Das Ziel hinter dieser Argumentation ist unschwer zu erraten. Gelingt es Samarco und seinen Muttergesellschaften, die Schuld von sich zu weisen, wird es schwierig, sie für die Folgekosten aufzukommen zu lassen. Bisher sicherte Samarco eine Hilfe von rund 250 Mio. Euro zu - in Anbetracht des Ausmaßes der Katastrophe ein Tropfen auf den heißen Stein. Experten rechnen mit Kosten in mehrfacher Milliardenhöhe. Das gesamte Tal des Rio Doce hat etwa die Fläche Österreichs - rund 80.000 Quadratkilometer, die jetzt direkt und indirekt vom giftigen Schlamm betroffen sind. Noch ist nicht abzuschätzen, welche Folgen die Verseuchung für die Tierwelt hat und manche Tierarten sind nur in der Region heimisch.

Meer färbt sich rot

Fraglich sind nach wie vor auch die Auswirkungen auf die Meeresküste. Mittlerweile erreichte der Giftschlamm die Atlantikmündung. Samarco ließ dort Sandbänke abtragen, damit das Flusswasser mitsamt der Schlacke schneller in den Ozean abfließen kann. Zugleich begannen die Behörden bereits vor dem vergangenen Wochenende, Auffangbecken zu öffnen, um die Strömung des Flusses zu erhöhen. Im Meer, so die Hoffnung, würde sich der Schlamm schnell auflösen.

Braungefärbtes Meer

Reuters/Ricardo Moraes

Auch der Atlantik nahm an der Küste eine rostrote Färbung an

Zu Beginn bildete die Schlacke aber erst einmal einen roten Film der Küste entlang - und schien damit die Ängste der lokalen Fischer zu bestätigen. Sie protestierten gegen die Maßnahmen von Samarco und der Behörden, da sie um die Fischbestände an der Küste fürchteten. Auch Umweltschützer äußerten Bedenken dagegen, den Schlamm einfach ins Meer abzuleiten.

Auch in Mariana, der nächstgrößeren Stadt neben der Eisenmine, gingen die Menschen auf die Straße. Zehn Prozent der Einwohner sind dort bei Samarco beschäftigt. Ihre Proteste richteten sich nicht gegen die Minenbetreiber oder die befürchtete Umweltverschmutzung. Die Demonstranten in Mariana forderten die schnelle Wiederöffnung der nach dem Betrieb geschlossenen Mine.

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