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Vanguard sorgt für Unruhe

Auf dem europäischen Festland und damit auch in Österreich mag Vanguard wenigen ein Begriff sein. Das 1975 gegründete US-Unternehmen ist aber zum weltweit größten Anbieter von Anlagefonds aufgestiegen und hat mittlerweile Assets in Höhe von drei Billionen Dollar. Mit seiner an die Vorgehensweise von Diskontern gemahnenden Politik bringt Vanguard die Wall Street zunehmend in Bedrängnis.

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Denn schon vor vier Jahrzehnten kam John Bogle die entscheidende Idee: Damals gründete er eine Fondsgesellschaft und erfand quasi im Vorbeigehen die sich zunehmender Beliebtheit erfreuenden Indexfonds. Anstatt sich auf einen Fondsmanager verlassen zu müssen, der sich auf die Suche nach den besten Aktien macht und die Auswahl entsprechender Wertpapiere über hat, ließ er den 500 Aktien der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfassenden Aktienindex von Standard & Poor’s nachbilden.

Größtes Fondshaus der Welt

Das hat den entscheidenden Vorteil, dass man als Kunde sozusagen in den ganzen Markt gleichzeitig investiert und sich gleichzeitig die Gebühren für den Fondsmanager erspart, der sonst die Zusammensetzung des Fonds beobachtet, überprüft und je nach Marktsituation anpasst. Da das sehr kostspielig werden kann, sind die laufenden Verwaltungskosten ob der geforderten und vor allem ständigen Aufmerksamkeit des Betreuers auf Dauer doch sehr hoch.

Bogles Überlegungen zufolge kann darüber hinaus kein Geldverwalter bessere Ergebnisse erzielen als der Markt in seiner Gesamtheit. Mit diesem Modell, den günstigen Indexfonds, wollte Bogle das größte Fondshaus der Welt errichten. Mitte 2015 ist das dem inzwischen 86-Jährigen gelungen: Vanguard verwaltet nun den größten Rentenfonds der Welt, den 117,3 Milliarden Dollar schweren Vanguard Total Bond Market Index Fund.

Wall Street verliert 20 Milliarden Dollar jährlich

Lediglich beim Gesamtvermögen muss man mit 3,1 Billionen Dollar der Konkurrenz von Blackrock den Vortritt lassen, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“). Was der Wall Street nun also besonders zusetzt, ist das spezielle Geschäftsmodell von Vanguard: Mit seiner Unmenge an Indexfonds kostet das Unternehmen die US-amerikanische Finanzmeile, unter dem Strich nichts anderes als ein Synonym für US-amerikanische Investmentbanken, der Agentur Bloomberg zufolge im Schnitt 20 Milliarden Dollar im Jahr.

Denn wer Interesse am Erwerb von Indexfonds hat, kauft diese ohne Mittelsmann, in diesem Fall ein Börsenbroker, der aufgrund fehlender Leistung seinerseits natürlich nicht bezahlt wird. Schließlich können für die passiv gemanagten Fonds keine oder lediglich geringe Gebühren verlangt werden. Besagte 20-Milliarden-Dollar-Lücke droht in Zukunft jedoch noch größer zu werden.

Ähnlichkeiten mit Diskonter

Um die erste Billion Dollar zu erreichen, brauchte Vanguard 32 Jahre, um die Dreibillionenmarke zu knacken, waren zuletzt aber nur noch drei Jahre nötig. So gesehen würde Vanguard der Wall Street im Jahre 2020 bereits 40 Milliarden Dollar abzapfen – 20 Prozent des heutigen Finanzvolumens. Und noch einen Spitzenwert kann Vanguard für sich verbuchen: Investoren pumpten 2015 die Rekordsumme von 236 Milliarden Dollar in das Unternehmen, so das „Wall Street Journal“.

All das sind die direkten Auswirkungen auf den US-Finanzsektor. Doch auch indirekt machen Vanguards Indexfonds der Wall Street zu schaffen. Wie bei einem Diskonter, der neue Filialen eröffnet und die Konkurrenz so zwingt, die Preise ihrer Produkte zu senken, verhält es sich auch hier: Sobald die Vanguard Group in einem neuen Investmentbereich tätig wird, nivellieren die jeweiligen Mitbewerber ihre Gebühren nach unten, um mithalten zu können.

Größte existenzielle Bedrohung

Bei all der günstigen und kundenfreundlichen Preisgestaltung stellt sich freilich die Fragte, wie Vanguard überhaupt Profit machen kann. Des Rätsels Lösung liegt in der besonderen Eigentümerstruktur, die der einer Genossenschaft ähnelt: Denn die Vanguard Group ist weder börsennotiert noch im Besitz einer kleinen Anzahl von Eigentümern, sondern gehört quasi den in den USA ansässigen Fonds. Und diese wiederum gehören den Anlegern, die in besagte Fonds investieren.

Noch ist kein Ende des Erfolgs der Vanguard Group abzusehen, ganz im Gegenteil: Der US-Finanzmarkt wird gegenwärtig gehörig durcheinander gewirbelt. Das Onlineportal Gawker betont dabei den besonderen Umstand, dass die größte existenzielle Bedrohung eines über Jahrzehnte perfektionierten und zusehends korrumpierten Geschäftsmodells wie jenes, das in der Wall Street praktiziert wird, von einem im Kern ähnlichen Geschäftsmodell ausgeht.

Der entscheidende Unterschied: Man hat sich entschieden, die Leute ein kleines bisschen weniger auszunehmen.

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