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„Können Lücke nicht kompensieren“

Mehr Gehalt, weniger Arbeitszeit - 48 statt bis zu 72 Stunden pro Woche - und dafür ausgeruhte Ärzte: Eigentlich könnte die Anfang 2015 in Kraft getretene neue Arbeitszeitregelung eine Win-win-Situation für Ärzte und Patienten sein. In der Umsetzung zeigen sich aber einige Schönheitsfehler mit Konsequenzen für beide Seiten.

Die Umsetzung der geforderten Arbeitszeitregelung war längst überfällig, meint nicht nur Patientenanwalt Gerald Bachinger gegenüber ORF.at vor allem im Hinblick auf die Patientensicherheit. Sie sei auch eine langjährige Forderung der Ärztekammer gewesen. Vor Beginn der neuen, von der EU geforderten Arbeitszeit wurden Leistungseinbußen und Engpässe in den Spitälern befürchtet - insbesondere wenn sich die bisherige Organisation nicht ändert. Dieser Strukturwandel lässt aber noch auf sich warten.

„Die Abläufe im Spitalsalltag sind wie vor drei Jahren - organisatorisch wie bürokratisch. Nur haben wir jetzt weniger Zeit dafür“, sagt Georg M. (Name der Redaktion bekannt), Oberarzt eines großen Spitals des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV). Harald Mayer, Bundeskurienobmann der Österreichischen Ärztekammer, bestätigt gegenüber ORF.at diese Entwicklung: „Die Arbeitszeit wurde zwar verkürzt, aber es ist noch nicht gelungen, das System daran anzupassen. Es gibt eine gewaltige Arbeitsverdichtung in den 48 Stunden, die Belastung der Spitalsärzte wurde noch erhöht.“

„Leistungsreduktion noch nicht sichtbar“

Beim KAV zeigt man sich ein Jahr nach Inkrafttreten und ein halbes Jahr nach Ende der Übergangsphase „im Großen und Ganzen zufrieden“, weil das neue Arbeitszeitgesetz „umgesetzt und eingehalten“ werde. „Allerdings ist das eine enorme Umstellung, die nicht von heute auf morgen funktioniert“, betont KAV-Projektkoordinator Michael Felli gegenüber ORF.at. „Leistungen mussten keine zurückgefahren werden.“ Probleme gebe es insbesondere mit dem - im gesamten deutschsprachigen Raum herrschenden - Ärztemangel vor allem im Bereich der Psychiatrie und bei der Anästhesie.

„Die neue Ärztearbeitszeit hat zu einer Leistungsreduktion geführt, die durch den Einsatz der Ärzte für die Patienten aber noch nicht sichtbar geworden ist“, analysiert Mayer. „Die Leistungseinbußen werden aber in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren je nach Standort des Spitals spürbar werden.“ Schon jetzt hätten sich die Wartezeiten bei Wahleingriffen um mehrere Tage bis Wochen erhöht. In manchen Spitälern muss man auch monatelang auf eine Operation warten. Bei Operationen seien auch Wartezeiten von bis zu drei Monaten möglich, erzählt M. Verschiebungen von OPs - auch kurzfristige - gehörten zum Alltag.

Schließungen wegen Personalmangels?

Immer wieder ist von vorübergehenden Schließungen von Ambulanzen und Operationssälen die Rede. Für den KAV ist das nicht ungewöhnlich. Personalknappheit aufgrund der neuen Arbeitszeit sei jedenfalls nicht die Ursache. „Es gibt im Jahresverlauf durchaus Schließungen von bestimmten Bereichen, aber die sind begründet mit Hygienesperren, Wartungs- und Reparaturarbeiten oder der Urlaubszeit“, betont Felli. Auch Mayer von der Ärztekammer sind „keine Schließungen von Ambulanzen bekannt“, sehr wohl aber die deutliche Reduktion von Ambulanzzeiten.

Doch hinter vorgehaltener Hand erzählen Ärzte etwas anderes. In einem großen KAV-Spital blieb ihnen zufolge in einer chirurgischen Abteilung ein OP-Saal über mehrere Monate geschlossen. Es fehlten die Operateure. Die chirurgische Abteilung seines Krankenhauses könne nicht mehr alle Diensträder voll besetzen, so ein Spitalsarzt in Wien. Es fehlten die Turnusärzte und ärztlichen Beidienste.

Auch die Innsbrucker Klinik schlug Ende vergangenen Jahres wegen Ärztemangels Alarm. Einem internen Papier zufolge hätten fünf OP-Säle aufgrund fehlender Anästhesisten geschlossen und Operationen verschoben werden müssen. „Wir haben im Durchrechnungszeitraum gesehen, dass die Anästhesie bis Jahresende keine gesetzeskonformen Dienstpläne mehr zusammenbringt“, sagt die ärztliche Direktorin Alexandra Kofler - mehr dazu in tirol.ORF.at.

„Ohne Überstunden müssten wir zusperren“

Ähnliches ist bei den Ambulanzen zu beobachten. „Wenn andere Spitäler zeitweise ihre Ambulanzen sperren, merken wir die Belastung noch stärker“, so Oberarzt M. Immer wieder müssten auch Ambulanzen tageweise geschlossen werden oder liefen in Notbetrieb, sagt auch Bachinger.

Aus einem weiteren Wiener Spital bestätigte ein Primar, der ebenfalls anonym bleiben möchte, dass die Ambulanz seiner Abteilung bereits zwei Wochen gesperrt werden musste, da sich aufgrund des Ausfalls eines Mitarbeiters die Nachtdienste nach den neuen Arbeitszeitregeln nicht mehr ausgegangen seien. Offiziell dürfe man darüber aber nicht reden. Auch M. bestätigt, dass man bei der Zeiterfassung oft „jonglieren“ müsse, um die 48 Stunden pro Woche nicht zu überschreiten. „Aber ohne die Absolvierung von Überstunden müssten wir zusperren“, ist er überzeugt.

Je dichter die Dienste, desto weniger Zeit ist auch für die Ausbildung nachkommender Ärzte. „Lehroperationen finden kaum mehr statt. Die Ausbildung leidet stark“, erzählt ein junger Facharzt in einem Wiener Spital. Ähnliches ist auch aus Kärnten zu hören. Durch die Umstellung der Dienste von Turnusärzten auf Zwölfstundenschichten fehlen sie oft bei den Hauptstoßzeiten und versäumen Visiten und Operationen, erzählt eine Fachärztin aus einem kleinen Kärntner Spital.

Weniger Tagespräsenzen

Definitiv zum Positiven verändert habe sich die Arbeitssituation für Ines G. (Name von der Redaktion geändert), Oberärztin in einem großen Grazer Spital des steirischen Krankenhausbetreibers KAGes: Weniger Nachtdienste, sofortige Ruhezeit nach dem Nachtdienst, mehr Gehalt: „Die Arbeitszeit selbst ist allerdings intensiver und belastender. Wir haben in unserer Abteilung durch die neue Regelung vier bis sechs Ärzte pro Tag weniger.“

Die reduzierten Tagespräsenzen sind eine Konsequenz, die auch für die Patienten spürbar ist. Patientenanwalt Bachinger stellte ebenfalls schnellere und häufigere Dienstwechsel fest: „Es gibt mehr Schnittstellen, und das geht sicher mit einem Informationsverlust über die Patienten einher.“ Auch Oberarzt M. in Wien bestätigt, dass es „durch die verpflichtende Arbeitszeitreduktion und die Einhaltung der Ruhezeitregelung einen eindeutigen Rückgang der Tagespräsenzen gibt“.

Der KAV geht eigentlich von der gegenteiligen Entwicklung aus. Ziel des Spitalsbetreibers ist, im Zuge der strukturellen Umstellung durch den Ausbau von 24 Stunden verfügbaren Notambulanzen, die Stationen zu entlasten und dadurch die Nachtdienste zu reduzieren. Diese freien Personalressourcen sollen die Teams am Tag verstärken. Als „Schwachsinn“ bezeichnete ein Wiener Spitalsarzt diese Idee: „Wo spart man bei chirurgischen Fächern ein? Die Diensträder sind schon jetzt in vielen Abteilungen knapp besetzt und am Limit. Ich wüsste nicht, wo man da noch in der Nacht einsparen kann.“

Zeitgewinn mit Opt-out-Regelung

Während es etwa in den KAV-Spitälern keine Ausnahmen von der maximal zulässigen Arbeitszeit gibt, haben große Teile der Belegschaft in vielen Bundesländern die Opt-out-Regelung unterschrieben und damit zugestimmt, freiwillig mehr zu arbeiten. Diese Ausnahmeregel gilt bis 2018 - ein Zeitgewinn bei der Umstellung. „Wir haben das Glück, dass 63 Prozent der Ärzte freiwillig die Opt-out-Regelung unterschrieben haben“, sagte KAGes-Personalmanagerin Christina Grünauer-Leisenberger gegenüber ORF.at.

Auch wenn es natürlich Herausforderungen in der Tagesbesetzung zu bewältigen gibt, sieht sie derzeit daher keine gravierenden Probleme bei der Umsetzung der neuen Arbeitszeit. In der Steiermark habe man schon 2014 mit den Vorbereitungen für die neuen Regelungen etwa mit einer Gehaltsreform, Ausbildungsmaßnahmen und Unterstützung bei Wohnungen und Kinderbetreuung getroffen, um das Arbeiten auch in peripher gelegenen Spitälern attraktiv zu machen. Denn wie andere Bundesländer auch kämpft die Steiermark vor allem außerhalb der Ballungszentren mit Personalmangel. Den habe man aber durch die Aufstockung von 110 Assistenz- und Facharztstellen im vergangenen Jahr abfedern können: „Wir haben einen guten Besetzungsstand“, so Grünauer.

„Kosmetik nach außen“

Die Opt-out-Regel sei vor allem aus Kollegialität unterschrieben worden, sagt eine Ärztin eines kleinen regionalen Spitals: „Wenn von zehn Ärzten fünf nicht unterschreiben, bricht das System zusammen.“ Die Ärztin, die auch anonym bleiben möchte, sieht in den Attraktivitätsmaßnahmen ihres Arbeitgebers nur „Kosmetik nach außen“. Es fehle weiterhin an Personal.

Es seien zwar einige Kollegen aus Osteuropa dazugekommen. Aufgrund der unterschiedlichen Deutschkenntnisse seien diese aber nur begrenzt einsetzbar. „Wir haben viele ältere Menschen, die im Dialekt sprechen. Diese Kollegen können unmöglich ein Patientengespräch führen.“ Dieses Manko falle auf die Stammmannschaft zurück. Die Neuerung, nach einem 25-Stunden-Dienst in der Früh nach Hause gehen zu können, wird von allen Ärzten als Erleichterung empfunden. Der verbleibenden Mannschaft fehle es aber tagsüber dramatisch an Personal: „Diese Lücke können wir den ganzen Tag nicht kompensieren - trotz einer 60- bis 80-Stunden-Woche.“

Entlastung für Ärzte gesucht

Im Wiener KAV hingegen will man trotz Verzichts auf die Opt-out-Regel beim bestehenden Personal bleiben. Nur bei besonders drastischen Engpässen wie in der Anästhesie und in der Psychiatrie wurden zusätzliche Ärzte gesucht. Durch die angestrebte Entlastung der Stationen in der Nacht durch Notfallambulanzen, die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten wie Infusionen durch Pflegekräfte und die Entlastung der Ärzte bei Administrationsaufgaben sollten die Spitäler nach Wünschen des KAV aber mit der bestehenden Mannschaft auskommen. In der Praxis hat sich das noch nicht durchgesetzt. Zwar gebe es inzwischen mehr Entlastung durch die Pflegekräfte, so M.: „Die Entlassungsbriefe schreiben wir aber nach wie vor meist selbst.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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