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Bestseller schreiben als „Hobby“

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco ist tot. Wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ unter Berufung auf die Familie berichtete, starb Eco am Freitagabend im Alter von 84 Jahren. Samstagfrüh wurde Ecos Tod von seinem Verlag bestätigt. Er sei gegen 22.30 Uhr in seiner Wohnung gestorben, schrieb „La Rebubblica“ unter Berufung auf Ecos Angehörige.

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Eco war der breiten Öffentlichkeit vor allem als Autor bekannt, und das vor allem wegen des auch verfilmten Bestsellers „Der Name der Rose“. Beim Schreiben von Romanen bezeichnete sich der nie um Selbstironie verlegene Eco aber immer als „Amateur“: Schon lange vor seinen Bucherfolgen war er in der Welt der Wissenschaft als Philosoph und Sprachwissenschaftler ebenso anerkannt wie als Publizist für seine Essays und Kommentare.

„Enormer Verlust“

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi bekundete nach Angaben der Nachrichtenagentur ANSA seine tiefe Trauer über den Tod Ecos. Er würdigte ihn als ein außergewöhnliches Beispiel eines europäischen Intellektuellen. Sein Tod sei ein „enormer Verlust“ für die Kulturwelt, der seine Stimme fehlen werde, urteilte Renzi. Eco habe ein einmaliges Verständnis für die Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Gespür für die Zukunft verbunden.

Auch Ex-Kulturministerin Giovanna Melandri kondolierte der Familie. „Eco war ein großartiger Intellektueller und Schriftsteller, eine außerordentliche Person, die uns sehr fehlen wird“, so Melandri. „Wir haben sein Werk, er aber fehlt uns“, reagierte der Münchner Hanser-Verlag. Ein großer, kluger, gewitzter Schriftsteller, Philosoph und Bücherliebhaber sei gestorben. Wer seine Werke lese, „findet nicht nur anregendste Literatur, sondern lernt fragen, zweifeln, denken“.

Bestseller anfangs als „Ladenhüter“ abgelehnt

Die Veröffentlichung von Ecos erstem Roman „Der Name der Rose“ habe Hanser im Jahre 1982 zu dem gemacht, was er sei, bekannte der Verlag freimütig. Dabei hätte der Suhrkamp-Verlag das Manuskript von Ecos Welterfolg „Der Name der Rose“ nach den Worten seines Cheflektors Raimund Fellinger einst für 15.000 Mark kaufen können, lehnte aber ab. „(Verleger Siegfried) Unseld wollte nur 12.000 bezahlen“, sagte Fellinger dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erst dieses Wochenende.

„Der Hintergrund war, dass wir zwei Bücher von Eco in unserem Wissenschaftsprogramm hatten. Von denen hatten wir nur 800 Stück verkauft. Da stellte sich die Frage: Wie kommt ein Semiotik-Professor dazu, einen Roman zu schreiben und so viel Geld zu verlangen? Das war Pech.“ Auf die Frage, ob jemand bei Suhrkamp den später millionenfach verkauften Roman vor der Absage gelesen habe, sagte Fellinger: „Eher nicht.“

Trauerzeremonie am Dienstag

Auch im Ausland löste Ecos Tod Bestürzung aus. Für den Präsidenten des EU-Parlaments Martin Schulz etwa hinterlässt Eco „ein Erbe an Kultur, Ideen, Romanen und Lehren, die ewig bleiben werden“. Viele Kollegen trauern um Eco. Zu ihnen zählt auch Bestsellerautor Roberto Saviano, den Eco zu Beginn der Karriere stark unterstützt hatte. „Eco war an meiner Seite, als ich noch unbekannt war und mein Leben unter den Schwierigkeiten der Anfänge abzustürzen drohte. Danke Professor!“, schriebt Saviano auf Facebook.

Der Mailänder Bürgermeister Giuliano Pisapia würdigte Eco als „Meister, Freund und Genie des Wissens“. „Er war ein Mensch unendlicher Kultur und großer Leidenschaft. Mailand ist ohne Dich trauriger und ärmer. Doch Mailand ist stolz, Deine geliebte Stadt gewesen zu sein. Es war ein großes Privileg, Dich in der Nähe zu haben“, kommentierte der Bürgermeister. Die Stadt Mailand, in der sich der aus dem piemontesischen Alessandria stammende Eco niedergelassen hatte, wird am Dienstag in einer Trauerzeremonie im Schloss Sforzesco Abschied nehmen.

Eco schrieb ebenso spannende wie verschlungene Romane, voller Geistesblitze und kulturhistorischer Dichte. Er galt als einer der großen Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur. Stets waren die Bücher auf einer zweiten Ebene auch als schelmisches Spiel mit den Themen seiner wissenschaftlichen Arbeit zu verstehen, voller versteckter Anspielungen und Zusammenhänge, ebenso fesselnd wie lehrreich.

Schlagartiger Durchbruch

Eco nutzte seine Bücher eingestandenermaßen für „volksbildnerische“ Zwecke, ebenso wie zur gezielten Provokation - all das mit dem Werkzeug des unterhaltsamen Romans als Transportmittel. Er zählte sich laut eigener Aussage „nicht zu jenen schlechten Schriftstellern, die behaupten, sie schrieben nur für sich selbst“. Mit zahlreichen Preisen bedacht, blieb ihm möglicherweise gerade wegen seiner Erfolge in einer breiten Leserschaft der Liternaturnobelpreis versagt.

Geboren 1932 wuchs Eco als Sohn eines Buchhalters in der piemontesischen Kleinstadt Alessandria auf. Er studierte in Turin Philosophie und Literaturgeschichte, schlug danach eine Karriere als Wissenschaftler ein. Eco arbeitete zunächst für Medien und Verlage, bevor er 1971 Professor für Semiotik wurde. Er war vor allem italienischen Intellektuellen ein Begriff, als er in den 80ern schlagartig mit „Der Name der Rose“ weltberühmt wurde.

Jedes Mal neue Themen und Epochen

Dem millionenfach verkauften Bestseller über die grausige Mordserie in einer Benediktinerabtei im italienischen Appenin, die 1986 mit Sean Connery in der Hauptrolle ins Kino kam, folgten danach grob im Fünfjahresabstand weitere Romane. Statt sich zu bemühen, einen weiteren Bestseller dieses Ranges abzuliefern, konzentrierte sich Eco in den Büchern auf jeweils andere Themen und Epochen, die ihn als Gelehrten beschäftigten und interessierten.

Doch auch die weiteren Bücher nach „Der Name der Rose“ wurden allesamt internationale Erfolge: „Das Foucaultsche Pendel“ (1988), „Die Insel des vorigen Tages“ (1994), „Baudolino“ (2000) und „Der Friedhof in Prag“ (2011) fanden eine große Leserschaft rund um die Welt. Sein letzter Roman „Nullnummer“ erschien 2015, stellte eine Abkehr von den historischen Romanen im eigentlichen Sinn dar und war eine Abrechnung mit der italienischen Medienlandschaft und Politik.

Immer umgeben von Büchern

Seine letzten beiden Romane verfasste er schon als „Pensionist“: Nach zahlreichen Gastprofessuren in aller Welt und mehr als 30 Ehrendoktortiteln stellte er 2007 schließlich seine Lehrtätigkeit ein. Gemeinsam mit seiner deutschen Frau, mit der er mehr als ein halbes Jahrhundert verheiratet war und zwei Kinder hat, blieb Eco stets seinem Heimatland Italien treu, in seiner Wohnung immer umgeben von seiner Privatbibliothek mit einem Bestand von laut eigenen Schätzungen 50.000 Büchern.

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