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Solitär der Literaturgeschichte

Am Sonntag jährt sich der Todestag von Henry James zum 100. Mal. Die Werke des Literaten sind vor allem im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit geraten. Wesentlich bekannter allerdings sind die Verfilmungen seiner Romane. James galt zu Lebzeiten als Einzelgänger mit unstetem Lebenswandel.

James wurde 1843 in New York geboren, am 28. Februar 1916 starb er im britischen Chelsea. Dazwischen: viele Reisen, Adressen, Neuanfänge. Selbst die letzte Ruhe war erst einmal keine. Seine Schwester Alice schmuggelte die Asche des Schriftstellers zurück in die USA und setzte sie im Familiengrab bei. Henry James war ein Solitär der Literaturgeschichte. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, 20 Romane, über 100 Erzählungen, Dramen und Reiseberichte. Dreimal war er für den Nobelpreis nominiert, gewonnen hat er ihn aber nie.

„Ein Leben ohne Henry ist möglich, aber sinnlos“

In immer neuen Variationen arbeitete er sich an seinen Lebensthemen ab: Das Eingezwängtsein durch die eigene Familie, die gesellschaftlichen Normen, aber auch durch zu wenig Geld. Wie formt die Gesellschaft die Gefühle des Einzelnen? Und was tun Mann und Frau nicht alles, um in dieser Gesellschaft aufzusteigen? Mit tragischen Effekten. James zeigte das an seinen berühmten Figuren, an Daisy Miller oder Isabel Archer, er erzählte in einem charakteristischen indirekten Stil, der so manchen Literaturkritiker – in der Regel mehr als seine Leser selbst - zur Verzückung brachte.

Gemälde mit Henry James

Corbis

Schriftsteller Henry James, Porträt von John Singer Sargent

„Dieser Schriftsteller wird Sie nicht mehr aus seinen Fängen lassen, sobald Sie eine Zeile von ihm gelesen haben. Er dringt in Sie ein und ergreift von Ihnen Besitz; Sie werden ihm verfallen wie einer Droge und immer mehr von diesem Stoff wollen“, schrieb etwa Alexander Cammann in der „Zeit“. „Verblüfft werden Sie feststellen, dass Sie die Welt unwissentlich schon immer mit seinen Augen betrachtet haben – anderenfalls wird dieser Mann Ihnen jetzt die Augen öffnen. (...) So viel steht fest: Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.“

Wie hätte der Gepriesene wohl auf solche Worte reagiert? Henry James war diskret und liebte es, unerkannt zu bleiben. Auch wenn seine brennende Neugier auf die Verhältnisse der „besseren“ – amerikanischen und europäischen - Gesellschaft gerichtet war, auf ihre Intrigen und (unterdrückten) Leidenschaften, auf ihren Umgang mit dem Geld und ihre Angst, es zu verlieren oder unvorteilhaft zu vererben: Er selbst blieb stets im Hintergrund. James notierte sich, was er auf Diners und Empfängen an Klatsch und Tratsch so mitbekam und formte daraus eine eigenständige literarische Welt.

Lieblose soziale Experimente

„Henry James war kein Autor für die Herzschmerzfrau“, schrieb Verena Auffermann in einer anlässlich des 100. Todestags erschienenen Monografie: „Er war der Analytiker des sich verabschiedenden viktorianischen Zeitalters und des heraufziehenden emanzipatorischen 20. Jahrhunderts. Ob Isabel Archer in „The Portrait of a Lady“ oder Milly Theale in „The Wings of the Dove“, bei James entscheiden und handeln die Frauen selbstbewusst – auch wenn sie Quälendes erdulden müssen, wie die „arme Catherine“ in „Washington Square“.

Catherine ist die einzige Tochter eines angesehenen New Yorker Arztes. Als ein armer, doch gut aussehender junger Mann in ihr Leben tritt, blüht das Mauerblümchen auf. Doch zur ersehnten Liebesheirat kommt es in „Washington Square“ (1881) nicht: Ihr Vater droht, sie in diesem Fall zu enterben und unterzieht sie einem höchst lieblosen Experiment, um den Mitgiftjäger – das ist und bleibt er in den Augen des Vaters - zu vergessen.

Stilbildende Reisen ins Alte Europa

In „Washington Square“ sind die Lieblingsmotive seiner Bücher alle enthalten: eine Handvoll psychologisch fein ziselierter und austarierter Figuren, die allesamt höchst plastisch agieren und reagieren. Die Reise nach Europa: zur Kunst, zum guten Geschmack, zur Stilbildung – und eben zum Vergessen des vom Vater gehassten Liebhabers Catherines. Denn Dr. Sloper „hatte einen unverbrauchten Vorrat an Autorität zur Verfügung, von dem das Kind in seinen ersten Jahren reichlich abbekam“. So kündigt sich das gnaden- und freudlose Vater-Tochter-Verhältnis im Roman an.

Beißende Ironie begleitet die Beschreibungen des puritanischen Lebens in diesem Haus am New Yorker Washington Square, zu dem der Autor – erzähltechnisch - unter allen Umständen Distanz wahren will. Leichte Kost ist das stilistisch nicht. Um sich von James’ erzählerischer Meisterschaft betören zu lassen, muss man sich auf ihn einlassen. Die Entschlüsselung dessen, was der Kritiker Paul Ingendaay James’ „Satzgirlanden“ nennt, erfordert Muße, konzentriertes Lesen: „Er kann also auch Klartext reden, dieser Autor“, so Ingendaay, „selbst in seinem sahnigen Spätstil, der immer weniger Handlung benötigt, um die Erforschung seiner Figuren voranzutreiben, der immer tiefer bohrt und – die Geschmäcker sind hier durchaus verschieden – das Risiko einer gewissen Übertrüffelung läuft.“

Opulente „Satzgirlanden“

So opulent die „Satzgirlanden“, so hart die Realität für den Autor Henry James: Viel verdiente er an seinen Werken nie, selbst die von ihm gegen Ende seines Lebens zusammengestellte Gesamtausgabe brachte kaum etwas ein. Sicher, die Themen stimmten schon für seine Leser: Einblicke in „gute“ Familien, in Sitten und Gebräuche, herrschaftliche Dekors, Flirts und Heimlichkeiten, selbstsüchtige Tanten, alte Jungfern, schöne Männer und Damen, und immer wieder der finanzielle Background, um das Lebensniveau auch zu halten. Doch die Nüchternheit und die Melancholie, die James’ Geschichten durchziehen, waren für die Bedürfnisse eines breiten Publikums ungeeignet.

Buchhinweise

  • Verena Auffermann: Henry James. Leben in Bildern. Deutscher Kunstverlag, 96 Seiten, 22 Euro.
  • Henry James: Die Aspern-Schriften. Dtv, 208 Seiten, 9,20 Euro.

Für den Film hingegen eigneten sie sich vorzüglich – und schafften Henry James so die Aufmerksamkeit, die er verdient: James Ivory versuchte sich gleich an mehreren James-Romanen, darunter 1979 an den „Europäern“, Agnieszka Holland 1997 an „Washington Square“, Jane Campion ein Jahr zuvor an „Portrait of a Lady“, Peter Bogdanovich 1974 an „Daisy Miller“, um nur einige James-Adaptionen zu nennen.

Vorbilder Balzac und Turgenjew

Henry James selbst war alles andere als ein Salonlöwe. Er schöpfte seine Erfahrungen wie gesagt aus zweiter Hand – und aus der eigenen Familie. Sein Bruder William James war ein berühmter Denker, der Vater ein spiritistisch durchtränkter Intellektueller mit guten Kontakten zur literarischen Szene. Henry James las viel, studierte in den USA und Europa, bewunderte Balzac und Turgenjew und spürte schon in jungen Jahren, dass er durch und durch Literat war. Und er spürte seine starke Bindung zur Familie, der kaum zu entkommen war. Auch daher seine vielen Reisen nach Europa und seine spätere Übersiedelung nach Frankreich, dann nach Großbritannien. Der Bruder konnte mit seinen Büchern wenig anfangen, die Mutter drängte ihn, endlich zu heiraten.

„Sexueller Selbstversorger“

James heiratete aber nie. Ob er homosexuell war, ist nicht ganz geklärt. Er nannte sich einen „sexuellen Selbstversorger“ und den „Engel seines eigenen Hauses“. „Als er sich in den russisch-deutschen Maler Paul von Joukowsky und viele weitere Männer wie Jonathan Sturges, Morton Fullerton und den Bildhauer Hendrik Andersen verliebte, spielte er das nach außen als Idealisierung männlicher Figuren herunter“, so Auffermann in ihrem Buch. „Seine bevorzugte, weil erotisch aufgeladene Kulisse war Venedig. Die märchenhafte Schönheit der Stadt und seiner Gondoliere nutzte er als kongenialen Hintergrund für homosexuell grundierte Erzählungen.“

Die berühmteste darunter dürften „Die Aspern-Schriften“ (1888) sein. In diesem verrätselten Roman, dessen Geheimnisse am Schluss nicht gelüftet werden, setzte Henry James unter dem Namen Aspern den romantischen Dichtern Percy B. Shelley und Lord Byron ein Denkmal, zwei der Dichter, die er liebte.

„In den ‚Aspern-Schriften’“, schrieb die Übersetzerin Bettina Blumenberg im Nachwort, „führt James neben der Zuspitzung seiner literarischen Methode auch eines seiner Lebensthemen zu einem Höhepunkt: das nicht gelebte Leben“. Henry James brachte es in „Porträt einer jungen Dame“ so auf den Punkt: „Es ist besser, die Kunst zu verfeinern als eine Leidenschaft.“

Alexander Musik, ORF.at

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