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„Schwierig in Griff zu bekommen“

Am 11. März vor fünf Jahren hat das stärkste Erdbeben Japans seit Beginn der Aufzeichnungen das Land erschüttert. Das Beben mit der Stärke 9,0 löste dabei einen Tsunami aus, der die Ostküste der Hauptinsel Honshu und somit das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi überschwemmte.

Die Wucht der Welle ließ die Kühlung der Atomreaktoren ausfallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren zur Kernschmelze kam. Drei der insgesamt sechs Reaktorgebäude explodierten, große Mengen radioaktiver Strahlung traten aus. In den Tagen nach Beginn der Atomkatastrophe wehte der Wind vor allem Richtung Osten, so erfolgte ein Großteil des radioaktiven Niederschlags über dem Pazifik, und Teile Ostjapans wurden verseucht. Wäre der Wind aus dem Norden gekommen, hätte dieser große Teile Tokios verstrahlt und zur Evakuierung der japanischen Hauptstadt geführt.

Ungelöste Probleme

Japan gedachte am Freitag der Opfer des Tsunamis. Bewohner der von der Flutwelle überschwemmten Region Tohoku im Nordosten beteten am Freitag für die Todesopfer. Um 14.46 Uhr Ortszeit (6.46 Uhr MEZ) - der Zeitpunkt, an dem am 11. März 2011 das Beben die Region erschütterte - fand eine Schweigeminute statt.

Die Lage im Katastrophengebiet ist laut Umweltschutzorganisation Greenpeace immer noch schwierig. Die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) habe in den vergangenen Jahren Zehntausende Arbeiter eingesetzt, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen und die Region von der radioaktiven Kontamination zu säubern. Dennoch seien weite Teile bis heute stark verstrahlt und das Risiko weiterer Unfälle in der Atomanlage groß.

Einsatzkräfte in Spezialanzügen vor dem AKW Fukushima

APA/AFP/Tomohiro Ohsumi

Arbeiter in Strahlenschutzanzügen vor einem der zerstörten Reaktoren

Mehr als 400 Tonnen verseuchtes Wasser seien nach Greenpeace-Informationen täglich seit dem Unfall in den Pazifik geflossen und hätten zu einer weiträumigen Strahlenbelastung geführt. Dabei stellen auch die dauerhafte Sicherung und der Rückbau der Atomruine erfahrene Fachleute vor ungelöste Probleme. „Fukushima war die größte Kontamination des Meeres in einem Einzelereignis“, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital gegenüber ORF.at.

Wand aus Eis soll Abhilfe schaffen

„Der Reaktor selbst ist schwierig in den Griff zu bekommen“, sagt Smital, „vor allem wegen der Grundwasserproblematik. In Fukushima ziehen große Grundwasserströme unter dem Kraftwerksgelände hindurch Richtung Meer. Und die Versuche von TEPCO, diese Ströme durch eine Eiswand zurückzuhalten, sind viel zu wenig ausgereift.“

Seit Juni 2014 baut TEPCO an einer unterirdischen, 1,5 Kilometer langen Wand aus Eis, die die Reaktoren abschirmen soll. Eine Bodenfrostung soll sich um die vier Reaktoren herum bilden und verhindern, dass Grundwasser in die Untergeschoße der Kraftwerke gelangt. Das Grundwasser könnte dann um die Gebäude herum ins Meer gelenkt werden. Die Eiswand soll die Grundwassermenge, die aktuell auf das Gelände fließt, sowie das austretende radioaktiv belastete Wasser auf ein Drittel reduzieren. Für den Bau hat die japanische Regierung bisher 270 Millionen Euro genehmigt.

Karte von Japan zeigt den Standort des AKW Fukushima

APA/ORF.at

Die japanische Aufsichtsbehörde Nuclear Regulation Authority (NRA) äußerte sich vor Kurzem kritisch zu dem Vorhaben. Ihre Befürchtung: Im Fall der Isolierung würde der Grundwasserspiegel innerhalb der Eiswand sinken, und das radioaktiv verseuchte Wasser in den Kellern der Atomreaktoren somit in die Erde versickern lassen. Daher ist die Eiswand derzeit nur teilweise eingesetzt und zwar dort, wo die Gefahr des Versickerns in den Boden nicht besteht.

Atomkraftwerke wieder in Betrieb

Japan hat inzwischen wieder begonnen, Reaktoren ans Netz zu nehmen. Laut Regierung sind die neuen Sicherheitsauflagen für den Betrieb von Atommeilern die „strengsten der Welt“. Als Konsequenz der Katastrophe in Fukushima waren zwischenzeitlich zwei Jahre lang alle 48 kommerziellen Reaktoren in Japan stillgestanden. Die Betreiberkonzerne decken den Strombedarf ersatzweise mit Wärmekraftwerken.

Die ersten beiden Reaktoren, die vergangenes Jahr in Betrieb genommen wurden, waren im AKW Sendai in der südwestjapanischen Provinz Kagoshima. Kürzlich folgte der Reaktor 3 im AKW Takahama, und am Freitag wurde nun der Reaktor 4 in diesem AKW ans Netz genommen. Nur wenige Tage zuvor waren aus einem angrenzenden Gebäude 34 Liter verstrahltes Kühlwasser ausgelaufen. Grund sei ein lockerer Bolzen gewesen, hieß es. Die Strahlendosis sei aber unter der Grenze gelegen, ab der die Behörden informiert werden müssen.

Der rechtskonservative Ministerpräsident Shinzo Abe hat angekündigt, den Anteil der Atomenergie an der Stromversorgung bis zum Jahr 2030 auf 20 bis 22 Prozent zu begrenzen. Vor der Katastrophe in Fukushima lag dieser bei 30 Prozent.

TEPCO-Manager vor Gericht

Fünf Jahre danach stehen nun auch drei frühere Topmanager von TEPCO vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, es unterlassen zu haben, das Atomkraftwerk gegen eine Katastrophe durch Tsunamis zu schützen. Kürzlich hatte TEPCO auch gestanden, damals zu spät über die Kernschmelze informiert zu haben.

Luftaufnahme zeigt das Kernkraftwerk Fukushima

picturedesk.com/AP/Yasushi Kanno

Luftaufnahme des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi

Basierend auf der Strahlung um die Reaktoren wusste TEPCO von der Schwere der Schäden schon wenige Tage nach dem Unfall. TEPCO verwendete den Begriff Kernschmelze aber erst mehr als zwei Monate nach dem verheerenden Unglück. Wie es in den Reaktorkammern genau aussieht, ist auch fünf Jahre nach der Kernschmelze unklar.

Bewohner kehren zurück

Im Jahr 2017 möchte der Premier viele der von der Evakuierung betroffene Bewohner in ihre Heimatorte zurücksiedeln, 2018 will das Kabinett die Entschädigungszahlungen einstellen. „Der Grund für die Rücksiedlungen bestehe vor allem darin, die Entschädigungszahlungen von TEPCO zu minimieren“, sagt Smital.

Dabei bestehe immer noch eine viel zu hohe Strahlung, so der Atomexperte. Die Umweltschutzorganisation fand auf bereits gereinigten, dekontaminierten Feldern Werte, die einer zusätzlichen Strahlendosis von mehr als zehn Millisievert pro Jahr entsprechen. Das sei ein Zehnfaches des international zulässigen Grenzwertes, so Greenpeace.

„Auch Messungen im vergangenen Jahr in der Dorfgemeinde Iitate nahe dem Atomkraftwerk Fukushima und in Fukushima Stadt, das 60 Kilometer vom Reaktor entfernt liegt, zeigen, dass immer noch eine hohe radioaktive Belastung vorliegt“, sagt Smital. Viele Menschen hätten Kredite für ihre Häuser aufgenommen und daher auch gar keine andere Wahl, als wieder in ihre Gebiete zurückzukehren.

Atommüll in Plastiksäcken

Während der Säuberungen würden Arbeiter in der gesperrten Zone fünf Zentimeter Erde abtragen. Der entstandene Atommüll, fast zehn Millionen Kubikmeter alleine im 16-Kilometer-Radius um das Kraftwerk, lagert in Plastiksäcken am Straßenrand, so Greenpeace. Die gereinigten Dörfer stünden also nach wie vor unter dem Risiko gefährlich erhöhter Strahlenwerte. Kürzlich hat die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) einen Bericht veröffentlicht, der über die gesundheitlichen Folgen von Fukushima aufklären soll. Die höchsten Strahlendosen werden vermutlich Arbeiter auf den Kraftwerksgelände erhalten haben, so IPPNW.

„Niedrig dosierte Strahlung allerdings betrifft durch den radioaktiven Niederschlag, die kontinuierliche Verstrahlung des Ozeans und die Kontamination von Wasser und Nahrungsmitteln einen enorm großen Anteil der japanischen Bevölkerung, vor allem die Bewohner der am schwersten kontaminierten Präfekturen“, heißt es im Bericht. Doch auch die Einwohner der Metropolregion Tokio seien betroffen, sowie Konsumenten im ganzen Land, die Produkte mit erhöhten Strahlendosen verzehren.

Schaden am Reaktor drei

Reuters/Toru Hanai

Der Reaktor mit den in Abklingbecken gelagerten radioaktiven Brennstäben

„Diese radioaktive Belastung wird die Bevölkerung zum Teil über sehr lange Zeit beeinflussen – Strontium-90 oder Cäsium-137 haben physikalische Halbwertszeiten von 28 beziehungsweise 30 Jahren und werden erst in etwa 300 Jahren auf ein akzeptables Maß zerfallen sein“, so der Bericht.

Verseuchung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert in ihrem Bericht zur Atomkatastrophe, dass die Behörden keine Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt haben, sodass diese dem radioaktiven Jod-131 ungeschützt ausgesetzt wurden. Die zu erwartenden Schilddrüsendosen der Bevölkerung hätten sich laut WHO durch die Unterlassung dieser wichtigen präventiven Maßnahme erhöht.

Die Kernschmelzen von Fukushima verursachten vor allem in den ersten Monaten eine bedeutende Verseuchung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser. Laut der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ergaben eine Woche nach dem Erdbeben nahezu alle Gemüse- und Milchproben in den Orten Ibaraki und Fukushima Werte von Jod-131 und Cäsium-137, die die japanischen Grenzwerte für Radioaktivität in Nahrungsmitteln übertrafen. In den Monaten nach der Katastrophe wurden immer wieder sehr hohe Kontaminationen in Lebensmitteln gefunden.

Biologische Folgen von Fukushima

Auch das Ökosystem sei angegriffen. Laut Timothy Mousseau von der University of South Carolina sind die Vögel- und Spinnenbestände in den betroffenen Gebieten zurückgegangen. Tiermutationen seien ebenfalls nicht auszuschließen. Auch viele Meeresarten seien betroffen.

Die Folgen von Fukushima werden daher voraussichtlich noch in Jahrzehnten spürbar sein. Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe seien die Arbeiten zur Stilllegung der Atomruine Fukushima zu „rund zehn Prozent“ bewältigt, sagte kürzlich TEPCO-Manager Akira Ono. Die vollständige Stilllegung werde aber noch 30 bis 40 Jahre dauern.

Manuela Tomic, ORF.at

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