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Korrekt abgestempelte Gier und Hinterlist

Die Ausstellung, die in der Volkshochschule Wien-Hietzing an Hans Georg Friedmann erinnert, widmet sich nicht nur den Krimis und der Familie, sondern dokumentiert auch den Raub der Nazis - und vor allem ihrer Mitläufer - am Vermögen der Friedmanns. Die lückenlose Dokumentation einer „ganz normalen“ „Arisierung“ zeigt exemplarisch die verbrecherische Gier des Systems.

Die Friedmanns hatten es dank ihrem Fleiß gut: Hans Georgs Vater Hugo Friedmann baute mit Krediten und geborgtem Geld seines Schwiegervaters die TriFa (Trikotagenfabrik) neben dem Wiener Westbahnhof zum Textilbetrieb mit rund 70 Arbeiterinnen aus. Sie konnten sich ein Haus in Wien-Hietzing leisten. Was Friedmann nicht für karitative Zwecke spendete - und er spendete viel -, steckte er in seine Kunstsammlung, bis die Nazis sich das gesamte Vermögen der Familie unter den Nagel rissen.

Wenn aus Vertrauten „arische“ Eigentümer werden

Auch Friedmanns Angestellte hatten es, verglichen mit den damals üblichen Arbeitsbedingungen, gut. Von seiner sozialen Gesinnung, die sich etwa auch in zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten in und außerhalb der jüdischen Gemeinde niederschlug, profitierten auch sie. Geht es nach der erhaltenen Firmenkorrespondenz, herrschte ein Klima gegenseitigen Vertrauens, in dem die Angestellten ihre Arbeitsprozesse so weit wie möglich selbst gestalten konnten.

Wohnhaus der Familie Lasker

ORF.at/Lukas Zimmer

Das ehemalige Zuhause der Friedmanns

Geradezu bedingungsloses Vertrauen hatte Friedmann auch zu seiner Buchhalterin Wilhelmine Seuffert und zu seinem technischen Leiter Norbert Hammer - jenen beiden, die ihn schließlich mit einer überfallsartigen „Arisierung“ schon im Mai 1938 hintergingen, bei der es ihnen gar nicht schnell genug gehen konnte. Seuffert verwies auf ihr „Ariertum“, Hammer auf seine SA-Mitgliedschaft, beide auf ihre Rückendeckung durch die örtlichen NSDAP-Stellen - und alle Beteiligten ließen ihrer Gier freien Lauf.

Bürokratie verlieh Anstrich von Rechtsakt

Einer von unzähligen Raubzügen an jüdischem Vermögen durch Nazis und ihre Mitläufer in Österreich nahm seinen Lauf, sich immer den Anschein rechtsstaatlichen Handelns gebend: Friedmann musste verkaufen. Als Summe wurden 20.000 Reichsmark (rund 84.000 Euro nach heutigem Wert) festgesetzt, wie üblich ein lächerlich geringer Preis. Allein die Maschinen in der Firma waren, wie aus den Dokumenten hervorgeht, umgerechnet über 160.000 Euro wert.

Die Nazis als Hehler wollten natürlich ihren Anteil, soll heißen „Arisierungsgebühr“: Die wurde zuerst mit 4.000 Reichsmark angesetzt. Als der Verkauf über die Bühne gegangen war, legte die NSDAP nach. Man brauchte der „Gebühr“ nicht mehr den frei erfundenen Dumpingpreis von davor zugrundezulegen: Seuffert und Hammer bekamen eine Gebührennachforderung von 18.000 Reichsmark. Das war nach Meinung der Nazis offenbar drin, denn Friedmann wurde ohnehin nicht bezahlt.

Eine „Entjudung“ wie unzählige andere auch

In dem Verfahren zur „Entjudung“ der TriFa waren monatliche Zahlungen von 800 Reichsmark von Seuffert und Hammer an Friedmann vereinbart worden. Wie damals üblich, holten sich die beiden sofort nach der Übernahme einen stramm nazistischen Wirtschaftsprüfer, der ihnen postwendend das typische Urteil ausfertigte, dass es in der Firma buchhalterische Unregelmäßigkeiten gebe, weshalb man „vorläufig“ die Zahlungen an Friedmann einstellen solle.

Mit „Kleinigkeiten“ wie dem Umstand, dass für Unregelmäßigkeiten ja Seuffert als frühere Buchhalterin hätte verantwortlich sein müssen, hielten sich die Nazis nicht auf. Alles hatte seinen nötigen amtlichen Stempel, jeder konnte sich auf irgendeine andere behördliche Stelle als verantwortlich berufen - und alle konnten sich weiter bedienen, die Firma ausnehmen und in kürzester Zeit in den Ruin wirtschaften.

Die Schulden blieben Friedmann

Die Kredite, die Friedmann für die TriFa laufen hatte, blieben - aus damaliger Sicht „selbstverständlich“ - ihm selbst, von privat ausgeborgtem Geld ganz zu schweigen: Er hatte bis zum Zwangsverkauf die Löhne seiner Arbeiterinnen zum Teil aus eigener Tasche gezahlt, da die Geschäfte schlecht gingen. „Der bisherige Kreis jüdischer Kunden fällt von selbst als Verbraucher weg“, schrieb er in einem demütigenden Brief, in dem er 1940 die Nazis um Stundung seiner „Schulden“ bitten musste.

Wohnhaus der Familie Lasker

ORF.at/Lukas Zimmer

Der Standort der „Sammelwohnung“ in Wien-Leopoldstadt

Denn wie bei allen anderen Juden wollten die Nazis vor allem aus Friedmann finanziell alles herauspressen, was ging - begonnen bei der „Reichsfluchtsteuer“ von 5.000 Reichsmark, die man zuallererst einmal bezahlen musste, wenn man das Land verlassen wollte. Seine gesamte geliebte Kunstsammlung musste er ebenso verkaufen. Auch dieser Vorgang ist lückenlos dokumentiert. Und auch dabei zeigen die blanken Zahlen schon das Unrecht.

Römische Marmorbüsten um 59 Euro

Im üblichen Verfahren wurde ein Kunsthändler, dessen Erben im konkreten Fall noch heute in Wiens Innerer Stadt an derselben Adresse wie damals das Geschäft führen, in Friedmanns Haus geschickt, und er katalogisierte über mehrere Seiten hinweg alles, was die Familie zurücklassen musste, da sie in die „Sammelwohnung“ in der Wiener Haidgasse 3/10 gesperrt wurde. Da sich zuallererst die Nazis und Händler selbst bedienten, wurde der Wert der Dinge entsprechend geschätzt.

Auf den Listen findet sich etwa (jeweils auf heutigen Gegenwert umgerechnet): ein barocker Schreibsekretär aus der Zeit König Ludwig XVI.: 126 Euro. Eine Barockskulptur eines Engels: 105 Euro. Zwei römische Marmorbüsten: 59 Euro. Und unter den vielen gesammelten Gemälden und Grafiken: eine Mappe mit 105 Blättern schon damals berühmter Maler, darunter Waldmüller, Amerling, Schwind, Makart, Orlik und Klimt um umgerechnet insgesamt 189 Euro.

Alles „ordnungsgemäß“ geschätzt und verkauft

Auch die Liste spricht in unrühmlicher Weise für sich, wenn man bedenkt, wie Österreich sich lange Jahre jeglichen Rückgabeforderungen mit dem Argument verweigerte, die Kunstwerke seien damals ordnungsgemäß geschätzt und von ihren neuen „arischen“ Eigentümern auf rechtlich einwandfreiem Weg erworben worden. Im Fall der Friedmanns gab es nach dem Krieg niemanden mehr, der das gestohlene Vermögen und die geraubte Kunst hätte zurückverlangen können.

Aus der „Sammelwohnung“ am Wiener Karmelitermarkt wurde die Familie am 9. Oktober 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Hans Georgs Mutter Hilde und seine Schwester Lilo wurden von dort Ende 1944 nach Auschwitz gebracht und ermordet, Hugo Friedmann am 15. Jänner 1945 in einem Nebenlager von Dachau, Hans Georg am 15. März. Die „Ariseure“ Seuffert und Hammer lebten unbehelligt, in Seufferts Fall bis ins hohe Alter, für den Rest ihres Lebens in Wien.

Lukas Zimmer, ORF.at

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