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Österreich in Westeuropa „Schlusslicht“

56 Millionen Schwangerschaftsabbrüche sind weltweit zwischen 2010 und 2014 im Schnitt pro Jahr durchgeführt worden, das geht aus einer aktuellen Studie hervor. Sie zeigt aber auch, dass die Abtreibungsrate in den Industriestaaten im letzten Vierteljahrhundert drastisch zurückgegangen ist. Kaum Änderungen gibt es hingegen in Entwicklungsländern.

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Die Untersuchung des auf reproduktive Gesundheit spezialisierten Guttmacher Institute, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Bixby Center der University of California zeigt, dass in den entwickelten Ländern 2014 im Schnitt 27 von jeweils 1.000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren abgetrieben haben. 1990 waren es noch 46 von 1.000. Am deutlichsten ist dieser Rückgang in Osteuropa zu sehen - in diesem Zeitraum sank die Rate dort von 88 auf 42 pro 1.000 Frauen.

„In den entwickelten Ländern ist der anhaltende Rückgang der Abtreibungsraten größtenteils durch eine stärkere Verwendung moderner Kontrazeptiva bedingt, die Frauen mehr Kontrolle über das Timing und die Anzahl der Kinder gibt, die sie haben wollen“, erklärte die Leiterin der Studie, Gilda Sedgh vom Guttmacher Institute.

Kaum Rückgang in Entwicklungsländern

Anders ist die Situation in Entwicklungsländern. Die Rate der Schwangerschaftsabbrüche ist mit einem leichten Rückgang von 39 auf 37 pro 1.000 Frauen nahezu unverändert geblieben. Zusätzliche Schwierigkeit in diesen Ländern sind die häufig unter schlechten hygienischen Bedingungen durchgeführten Abtreibungen. Durch die danach notwendige medizinische Heilbehandlung fielen pro Jahr Kosten von etwa 264 Mio. Euro an, so WHO-Experte Bela Ganatra. Billiger wäre es, in Verhütung zu investieren.

„In Entwicklungsländern entsprechen Familienplanungsdienste nicht dem zunehmenden Wunsch nach kleineren Familien“, erklärte Sedgh. Die Studienautoren sind überzeugt, dass mehr als 80 Prozent der ungewollten Schwangerschaften auf einen fehlenden Zugang zu modernen Verhütungsmethoden wie Anti-Baby-Pille, hormonhaltige Implantate unter der Haut und die Spirale zurückzuführen sind.

Rund 35.000 Abbrüche jährlich in Österreich

In Österreich gibt es eine Schätzung für rund 35.000 Abtreibungen pro Jahr bei jährlich mehr als 80.000 Geburten - so die Hochrechnungen aus dem Österreichischen Verhütungsreport 2015, der für das auf Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung spezialisierte Gynmed Ambulatorium im Herbst vergangenen Jahres erstellt wurde - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Experte: Schlechte Prävention

Der Schwangerschaftsabbruch ist in Österreich seit über 30 Jahren in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft nach ärztlicher Beratung straffrei. „Aber Österreich ist eines der wenigen Länder in Westeuropa, wo Schwangerschaftsabbruch straffrei ist, aber nicht von der Krankenkasse bezahlt wird“, so Gynmed-Leiter Christian Fiala gegenüber ORF.at. Damit erklärt Fiala auch den Umstand, dass es keine offiziellen Zahlen gibt.

Aufgrund schlechter Präventionsmaßnahmen, die am politischen Willen gescheitert seien, gebe es in Österreich „eine unnötig hohe Abtreibungsrate“. Fiala sieht Österreich im Vergleich zu Westeuropa als „Schlusslicht“.

Die Aktion Leben, sie hatte im Vorjahr eine Bürgerinitiative zur statistischen Erhebung von Abtreibungen gestartet, betonte dagegen in einer Mail an ORF.at, dass Verhütungsmittel zwar wichtig, die Kosten dafür aber in Österreich „selten“ ein ausschlaggebender Grund für einen Schwangerschaftsabbruch seien.

Restriktive Regelung in Polen

In manchen europäischen Ländern ist allerdings die gesamte Gesetzgebung zur Abtreibung besonders restriktiv wie etwa in Irland, Malta und Polen. Entsprechend niedrig sind hier auch die offiziellen Zahlen. Nach offiziellen Angaben wurden in Polen im vergangenen Jahr mehr als 900 Abtreibungen vorgenommen. Doch die tatsächliche Zahl der Abtreibungen wird auf 80.000 bis 100.000 geschätzt. Derzeit sorgen in Polen Pläne, das Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen, für Wirbel. Schon derzeit ist ein Schwangerschaftsabbruch nur in wenigen Fällen etwa nach einer Vergewaltigung oder Inzest zulässig. Eine Gesetzesinitiative will nun die Abtreibung praktisch komplett verbieten.

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