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Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Podiumsdiskussionen, Expertenvorträge, Workshops, Konzerte und Partys: Zwei Tage lang verjüngt sich das EU-Parlament in Straßburg drastisch und wird zur Bühne des European Youth Events (EYE). „Together we can make a change“ lautet das Thema. Doch im Vergleich zu den Jugendlichen, die in Straßburg Europa mitgestalten wollen, stehen viele ihrer Generationskollegen der EU kritischer gegenüber - oder uninteressierter.

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Eine aktuelle Eurobarometer-Umfrage, für die im April dieses Jahres 10.294 junge Europäer zwischen 16 und 30 Jahren befragt wurden, kommt in dieser Hinsicht nämlich zu einem durchwachsenen Ergebnis. Mehr als die Hälfte - 57 Prozent - fühlt sich in ihrem Land durch die Krise ausgegrenzt und vom wirtschaftlichen und sozialen Leben ausgeschlossen.

Griechenlands Jugend am meisten betroffen

Wenig überraschend ist der Prozentsatz der Unzufriedenen vor allem in jenen Ländern sehr hoch, die von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen sind: Griechenland, Portugal, Zypern, Spanien und Italien. Österreich liegt mit 51 Prozent Unzufriedenen knapp über EU-Schnitt.

Umfragegrafik zu Chancen von Jugendlichen in Zeiten wirtschaftlicher Krisen

Grafik: ORF.at; Quelle: Eurobarometer

Damit spiegeln die Antworten der Jugendlichen auch die aktuellen Tendenzen innerhalb der EU wider, die deutlich machen: Die Lastenteilung zwischen Generationen ist nicht mehr gerecht, die Kluft zwischen wohlbestallten Alten und jungem Prekariat wird größer. Armutsindikatoren zeigen, dass junge Menschen besonders hart von der Rezession getroffen wurden, und das nicht nur in den am stärksten von der Krise betroffenen Ländern, sondern in der gesamten EU.

Auswandern für die wenigsten eine Lösung

Eine Lösung für diese Situation sehen die Jugendlichen übrigens nicht im europäischen Ausland. Nur 15 Prozent fühlen sich genötigt, ihr Heimatland zu verlassen. Wenig überraschend ist auch dieser Wert bei den krisengebeutelten Ländern (Zypern: 51 Prozent, Griechenland: 43 Prozent, Portugal: 41 Prozent) am Größten. Nur sechs Prozent der jungen Österreicher glauben, dass sie wegen der Krise im EU-Ausland ihr Glück versuchen müssen - in Deutschland ist es überhaupt nur ein Prozent.

Generell scheint jedoch das Interesse an den Abläufen innerhalb der EU und an den Institutionen sehr hoch zu sein. Ausreißer in der Statistik ist ausgerechnet Österreich. Nur 77 Prozent der Jungen glauben hier, dass es wichtig sei, über die EU und ihre Institutionen etwas zu erfahren. Das ist der letzte von 28 Plätzen - mit großem Abstand zu den anderen Staaten, nach Österreich zeigen Kroatien und Tschechien mit je 85 Prozent das geringste Interesse. Auf der anderen Seite belegen Schweden (96 Prozent) und Irland (95 Prozent) die besten Plätze hinter Spitzenreiter Portugal mit 99 Prozent.

Umfragegrafik zur Wichtigkeit der Information Jugendlicher über die EU und ihre Institutionen

Grafik: ORF.at; Quelle: Eurobarometer

„Mia san mia“-Mentalität fördert Desinteresse

Heinz Becker, ÖVP-Abgeordneter im EU-Parlament, ist am Wochenende beim EYE-Event in Straßburg dabei. Das herausstechende Desinteresse der österreichischen Jugend nimmt er ernst, wie er gegenüber ORF.at sagt. „Wenn die österreichische Innenpolitik und die Medien den Jugendlichen jeden Tag vermitteln ‚Mia san mia und die sind die‘, dann schwächt das Österreich in Europa am Ende des Tages.“

Das Ergebnis nennt er alarmierend, aber: „Mein persönlicher Eindruck aus zahlreichen Gesprächen mit Lehrlingen, Schülerinnen und Schülern in Österreich sowie bei Besuchen im EU-Parlament ist allerdings sehr positiv. Ich spüre hier unglaublich viel Interesse an der EU-Politik, die Erasmus-Austauschprogramme werden intensiv genutzt.“

EU-Parlament forderte konkrete Schritte

Auch die SPÖ-EU-Delegationsleiterin Evelyn Regner sagt auf ORF.at-Anfrage zur Eurobarometer-Studie, dass diese „Anlass dafür sein müsse, vor allem junge Menschen noch intensiver über Europa zu informieren“. Im April seien vom Europäischen Parlament mehrheitlich konkrete Schritte von der EU-Kommission gefordert worden, so Becker und Regner, etwa auch verbesserte EU-Programme für Lehrkräfte.

Beim European Youth Event in Straßburg werden nun die Ideen aus Sicht der Jugendlichen diskutiert und neue Strategien gesucht. Mehr als 7.000 junge Menschen aus den 28 Mitgliedsländern sollen sich selbst einbringen. Sie hätten hier die Gelegenheit „anderen Teilnehmern und den europäischen Entscheidungsträgern Ideen vorzustellen, wie in Europa Veränderungen bewirkt werden können“, so Mairead McGuinness und Sylvie Guillaume, EP-Vizepräsidentinnen und für das Event mitverantwortlich.

Perspektiven für Frieden, eine Agenda für eine lebendige Demokratie, Jugendarbeitslosigkeit, die Arbeitswelt der Zukunft und neue Wege für ein nachhaltiges Europa sind heuer auf der Tagesordnung. Auch aus Österreich sind mehrere Schulklassen und Jugendgruppen beteiligt.

Sophia Felbermair, ORF.at, aus Brüssel

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