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Verbindung mit großen Unterbrechungen

Afghanistans Ringautobahn wird mehr und mehr zu einem Desaster. Die Hoffnungen, damit einen wirtschaftlichen Aufschwung anzukurbeln, haben sich nicht erfüllt. Die mit internationalen Milliardenspenden finanzierte, 3.500 Kilometer lange und kreisförmige Autobahn, die Ring Road, verbindet als Hauptverkehrsader zwar die wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes, ist daher aber auch Anschlagsziel der radikalislamischen Taliban.

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Immer wieder fallen ganze Straßenabschnitte der einzigen Autobahn unter die Kontrolle der Taliban. Zuletzt waren der Norden Afghanistans und die angrenzenden Länder von der afghanischen Hauptstadt Kabul abgeschnitten. Laut Angaben der Polizei war die Ring Road an einer Schlüsselstelle von Kämpfern der Taliban in Beschlag genommen worden. Die Folge: Acht Provinzen im Norden und die Stadt Masar-e-Scharif waren vom Süden aus nicht zu erreichen.

Karte zeigt den Highway One in Afghanistan

APA/ORF.at

Die Ring Road verbindet die wirtschaftlich wichtigsten Städte Afghanistans

Der Angriff der Taliban in Nordafghanistan ist nur eine von deren vielen Bemühungen, den Verkehr zu unterbrechen. Erst kürzlich legten sie den Highway von Kabul zur pakistanischen Grenze bei Torkham lahm. Davor starteten die Taliban heftige Anschläge entlang der Ring Road im Süden des Landes, um die Verbindung zwischen den größten Städten im Süden, Kandahar und Laschkar Gah, zu trennen. Ebenso sind der Abschnitt zwischen Kandahar und Kabul sowie Streckenteile im Westen regelmäßig von Angriffen betroffen.

Bedeutend für In- und Ausland

Die Bombenanschläge, Straßensperren und Kontrollen der Taliban belasten den afghanischen Handel enorm. Nicht nur verbindet die Ring Road die wirtschaftlich bedeutendsten und bevölkerungsreichsten Zentren Afghanistans - sie dient auch als schnellster Zubringer zu den Nachbarstaaten und ist außerdem die einzige zuverlässige Straßenverbindung von Pakistan und Indien.

US-Militärkonvoi auf dem Highway One im Maiwand District, Kandahar-Provinz in Afghanistan

Reuters/Tim Wimborne

Highway 1, die Ring Road zwischen Kabul und Kandahar

Lkw-Fahrer benötigen mitunter fünf Tage, um den Highway 1, die Strecke zwischen Kabul und Kandahar, zurückzulegen - drei Tage mehr, als zu Zeiten, in denen noch eine Sand- und Erdstraße die beiden Metropolen verband. Unter gewöhnlichen Umständen liegt die Reisezeit auf der Autobahn bei lediglich zehn bis zwölf Stunden.

Endloses Straßenprojekt mit internationalem Geld

Die Regierung nimmt allerdings keine Wartungsarbeiten an der Straße vor - die schlechte finanzielle Situation lasse es nicht zu. Schon seit geraumer Zeit zweifelt etwa der Generalinspektor für den Wiederaufbau, John F. Sopko, an der Fähigkeit der Regierung, die bestehende Straße überhaupt erhalten zu können.

Teure Sicherheitsvorkehrungen

Die Ring Road wurde zu einem Durchschnittspreis von 2,2 Mio. Euro pro Kilometer gebaut, mehr als das Zwölffache der normalen Baukosten in Afghanistan. Der enorme Aufwand lässt sich vor allem auf die hohen Sicherheitsvorkehrungen zurückführen, die u. a. zum Schutz der ausländischen Bauunternehmer nötig waren.

Wegen mangelnder Instandhaltung verkamen bereits Teile des neu gebauten Highways zu Sand- und Erdstraßen. Überladene Trucks, Militärfahrzeuge und Bombenanschläge der Taliban beschleunigen den Verfall. Ahmad Shah Wahid, der frühere Minister für Öffentliche Arbeiten, sagte: „Die Regierung stellt weder adäquate Wartung noch Schutz zur Verfügung. Wenn es so weitergeht, werden wir in zehn Jahren gar keine Straßen mehr haben.“

Außerdem kamen die Bauarbeiten am letzten Teilstück der Autobahn, einem 220 Kilometer langen Abschnitt im Westen des Landes, zum Stillstand. Meinungsverschiedenheiten zwischen der Regierung und den Bauträgern stehen der Finalisierung der Ring Road noch nach über zehn Jahren im Weg. Zum Ärger der Geldgeber: Mit einem Zuschuss von mehr als 3,6 Milliarden Euro ermöglichten internationale Spenden überhaupt erst den Bau der Autobahn. Sopko zufolge ist das Straßennetz der zweitgrößte Empfänger von ausländischer Entwicklungshilfe in Afghanistan.

Straßenprobleme mit Geschichte

Straßenbauprojekte der USA und Russlands versuchten bereits in den 50er Jahren mit mäßigem Erfolg, das Land für den Verkehr zu erschließen. Viele der Straßen, die von den beiden Großmächten errichtet worden waren, fielen den Kriegen der 80er und 90er Jahren zum Opfer. Als die USA und ihre Verbündeten Afghanistan im Jahr 2001 einnahmen und die Taliban verdrängten, gab es neben Sand- und Erdstraßen nur etwas mehr als 50 Kilometer asphaltierte Fernverkehrsstraßen - ein Resultat der langwierigen Kriegsführung.

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