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Von „Schickeria“ bis „blaue Republik“

Genau vier Wochen sind zwischen dem ersten Hofburg-Wahlgang und der Stichwahl gelegen. In dieser Zeit warfen beide Kandidaten noch einmal ihre Mobilisierungsmaschine an. Wie bereits im ersten Durchgang galt auch im Rennen um die Stichwahl: Der Wahlkampf wurde zu großen Teilen in den Medien ausgetragen. Und die wussten bereits von Beginn weg, was sie sich davon erwarteten.

Noch bevor der Stichwahlkampf wirklich in die Gänge gekommen war, sprachen Kommentatoren bereits von einem drohenden Lagerwahlkampf und möglichen Schlammschlachten. Zu weit würden die beiden Kontrahenten in ihren Meinungen auseinander liegen, zu prononciert ihre politischen Meinungen sein. „Land ohne Mitte“ titelt etwa die „Süddeutsche Zeitung“ gleich am Tag nach der Wahl. Allein, am Anfang schienen sich die Prophezeiungen nicht zu bewahrheiten.

„Aufwärmrunde“ im RadioKulturhaus

Drei Tage nach dem ersten Wahlgang trafen Hofer und Van der Bellen zu einer ersten Konfrontation aufeinander. Ö1 hatte ins RadioKulturhaus eingeladen, ORF III übertrug die eigentliche Radiodiskussion live im Fernsehen. Hofer nutzte die ersten Minuten, um einem Lagerwahlkampf eine Absage zu erteilen. Er könne mit dem Begriff „Lager“ nicht viel anfangen, sagte der FPÖ-Kandidat. Bei allen Unterschieden in den Weltanschauungen könne man miteinander reden.

Alexander Van der Bellen, Norbert Hofer

APA/Roland Schlager

Im RadioKulturhaus fielen kaum harte Worte

Zumindest in der folgenden Stunde sollten die beiden Kandidaten dieser Ansage nachkommen. Im Verlauf der Diskussion stellte Van der Bellen sogar – fast ein wenig verwundert – fest: „Wir sind schon wieder einer Meinung.“ Die APA sprach in der Folge von einer „Aufwärmrunde“, der „Standard“ ortete „Harmonie mit feinen Unterschieden“ und die „Kronen Zeitung“ wirkte gar ein wenig enttäuscht, als sie mit „kuschelweiche Debatte“ titelte.

FPÖ über Absage Van der Bellens erzürnt

Nur wenige Tage später war es mit dem Frieden allerdings schon wieder vorbei. Der Konflikt entzündete sich allerdings nicht in einer Diskussionssendung, sondern gerade am Fernbleiben von einer solchen. Van der Bellen hatte ein Einladung zum ORF-„Bürgerforum“ ausgeschlagen. Wahlkampfleiter Lothar Lockl nannte den überdichten Terminplan des Hofburg-Kandidaten als Entschuldigung.

Bei der FPÖ traf diese Erklärung auf wenig Gegenliebe. Van der Bellen habe panische Angst vor kritischen Fragen der Normalbürger, so Generalsekretär Herbert Kickl. Er forderte den ORF auf, die Sendung auch ohne Van der Bellen abzuhalten. Denn eine Absage wäre ein „Kotau vor der links-grünen Politschickeria“.

Harte Bandagen ausgepackt

Diesen Wunsch erfüllte der ORF der FPÖ zwar nicht. Doch die Hofer-Kampagne hatte ein neues Gegensatzpaar gefunden: die Schickeria bzw. Hautevolee gegen „die Menschen“. Als Hofer und Van der Bellen dann am 8. Mai das nächste Mal in einem TV-Duell aufeinandertrafen, hatte Hofer den Vergleich schnell bei der Hand: „Sie haben die Hautevolee, ich habe die Menschen“, so der FPÖ-Kandidat zu Van der Bellen.

Wahlplakate

APA/Roland Schlager

Politbeobachter prophezeiten von Beginn weg einen Lagerwahlkampf

Von der Contenance der ersten Diskussion des Stichwahlkampfs war in der Puls-4-Diskussion nicht mehr viel zu spüren. „Herr Doktor, Sie sind heute so böse“, antwortete Hofer ziemlich zu Beginn der Sendung auf Van der Bellens ersten Angriff. Der hatte im Falle einer Wahl Hofers vor einer „blauen Republik“ gewarnt.

Freilich schenkte auch Hofer seinem Kontrahenten nichts: „Der Herr ist so vergesslich, das ist ein Wahnsinn.“ Van der Bellen unterstellte der FPÖ wiederum eine „Gesprächsunkultur“, mit der man nicht weiter komme. Thematisch ging es einmal mehr um die außen- und innenpolitische Rolle des Präsidenten, das Freihandelsabkommen TTIP, aber auch abwegigere Themen wie die Einstellung der Kandidaten zum Thema Abtreibung.

Wenn der Schiedsrichter fehlt

Wer die Puls4-TV-Diskussion verfolgt hatte, der konnte jedenfalls schon ahnen, was eine Woche später im ATV-Studio passieren würde. Der Privatsender ließ die beiden Kontrahenten ohne Moderation aufeinander treffen. Die Zuseher erlebten in der Folge einen Diskussionsstil, wie er in diesem Wahlkampf noch nicht zu sehen gewesen war.

Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer

APA/Hans Punz

Ohne Moderation wurde der Ton zwischen den Kandidaten ruppig

Waren die ersten 20 Minuten noch weitestgehend sachlich, bog das Gespräch spätestens in der zweiten Hälfte auf sehr ruppige Bahnen ein. Van der Bellen zeigte Hofer etwa die Scheibenwischergeste, der wiederum forderte seinen Kontrahenten auf, mit „einer Flasche“ zu reden - denn „die redet nicht zurück“.

Immer wieder entgleiste den beiden auch ihre Wortwahl: „Frechheit“, „Nachplapperer“, „Lügner“, „Oberlehrer“ waren nur einige der gegenseitigen Zuschreibungen. Das Urteil - über die Grenzen Österreichs hinaus - war verheerend. Von einem „beschädigten Amt“ war die Rede, von „blamierten“ Kandidaten und einem „verbalen Boxkampf auf Kindergartenniveau“.

Gesetzte letzte Wahlkampfwoche

Sowohl Hofer als auch Van der Bellen zeigten in den Tagen danach Einsicht. Am Dienstag trafen sie im Ö3-Wecker das erste Mal nach dem Duell wieder aufeinander. Beide Kandidaten zeigten sich ob der aus dem Ruder gelaufenen Diskussion kleinlaut. Die folgende Fragestunde erinnerte dann fast wieder an die erste Diskussion des Stichwahlkampfs im RadioKulturhaus.

Norbert Hofer und Van der Bellen beim ORF-TV-Duell

ORF/Thomas Ramstorfer

Im letzten TV-Duell des Wahlkampfs ging es wieder durchwegs gesittet zu

Ähnlich gesetzt ging es am Donnerstag im letzten TV-Duell des Stichwahlkampfs im ORF zu - zumindest zwischen den beiden Kontrahenten. Im Laufe einer über weite Strecken ruhigen, vielleicht sogar zu ruhigen Diskussion gerieten sich eher Moderatorin Ingrid Thurnher und Hofer in die Haare. Vor allem Nachfragen Thurnhers zur Israel-Reise Hofers sorgten für Verstimmungen zwischen Moderatorin und Kandidat.

Die Schwierigkeit für manche Wähler

Hofer und Van der Bellen selbst waren um einen möglichst freundlichen Ton bemüht. Der konnte freilich nicht über die politischen Gräben hinwegtäuschen, die zwischen ihnen verlaufen. Zuvor im Wahlkampf hatten auch die Kandidaten selbst mehrfach durchblicken lassen, dass sich diesmal zwei Lager gegenüberstehen.

„Auch heute ist es so, dass es jetzt bei dieser Wahl zum Bundespräsidenten zwei Blöcke gibt“, sagte etwa Hofer auf der ORF.at-Wahlcouch. Und Van der Bellen stellte im gleichen Format fest, dass „wir sehr weit auseinander liegende Ansichten haben“. Man könnte meinen, dass das den Wählern die Entscheidung leicht machen würde.

Doch gerade dass beide Kandidaten aus einem sehr eindeutigen politischen Umfeld kommen, könnte manchem Wähler Schwierigkeiten beim Kreuzerlmachen bereiten. Kann Hofer tatsächlich das Gros der Protestwähler hinter sich vereinen? Und macht die Mehrheit derer, die eigentlich keinen FPÖ-Bundespräsidenten wollen, ihr Kreuz tatsächlich bei Van der Bellen?

Ausgang bis zuletzt offen

Vor allem der von den Grünen unterstützte Kandidat konnte in den vergangenen Tagen und Wochen eine beachtliche Schar an Unterstützern hinter sich sammeln. Für die FPÖ ist das besagte „Politschickeria“. Doch für viele Wähler könnte der eine oder andere Unterstützer vielleicht doch den Ausschlag für Van der Bellen geben. Kurz vor der Wahl sprach am Mittwoch schließlich sogar noch Irmgard Griss, Kontrahentin aus dem ersten Wahlgang, Van der Bellen ihre Unterstützung aus.

Ob das - gemeinsam mit den teils schon fast apokalyptischen Stimmen aus dem Ausland - Van der Bellen die Mehrheit verschaffen wird? Oder hat am Ende doch Hofer die Nase vorn? Zumindest die Meinungsforscher waren sich in ihren Prognosen fast noch nie so unsicher wie bei dieser Hofburg-Wahl. Auf eines musste dieser Stichwahlkampf fast vollständig verzichten: öffentliche Wahlumfragen.

Martin Steinmüller, ORF.at

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