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Gewinn mit Humor und Ironie

Die Autorin Sharon Dodua Otoo ist die diesjährige Gewinnerin des Bachmann-Preises. Ihr Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ konnte die Jury beim Wettlesen bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt überzeugen. Die einzige teilnehmende Österreicherin Stefanie Sargnagel sicherte sich den Publikumspreis.

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Die Klagenfurter Bürgermeisterin Maria Luise Mathiaschitz (SPÖ) überreichte den Bachmann-Preis und nannte Otoo „eine neue Stimme in einer neuen Gesellschaft“. Otoo sagte in einem ersten Statement, sie müsse sich „erst einmal hinsetzen“. Angesichts von „Brexit“ und Nationalismus sei ihr Sieg jedenfalls ein „sehr schönes Symbol“. Der renommierte Literaturpreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Der Sieg gebe ihr nun die Zeit, ihren Traum von einem Roman zu verwirklichen.

Bachmannpreis

ORF/Johannes Puch

Otoo zeigte sich „verblüfft“ über ihren Sieg

Otoos Erzählung begeisterte die Jury unter anderem mit Humor. Die in London geborene Schriftstellerin beschreibt ein spießiges Pensionistenpaar. Herr Gröttrup ist ein klassischer Patriarch, der seiner Frau genau vorschreibt, wie lange sie sein Frühstücksei zu kochen hat. Und mitten in diese Idylle platzt ein siebeneinhalb Minuten lang gekochtes Ei, das nicht hart ist und ihn anspritzt, als er es köpft. Denn das Ei ist nicht einfach nur ein Ei, sondern beherbergt ein Bewusstsein, das als Ich-Erzähler auftritt.

Von der Karikatur zur Parabel

Die Lesung des Textes sorgte am Samstag sowohl beim Publikum als auch bei der Jury für Zuspruch. Hubert Winkels gefiel die Geschichte und ihre überraschende Wendung, besonders daran seien die extremen Wechsel von Langsamkeit und Geschwindigkeit. Klaus Kastberger konstatierte „Swing und Drive“, Satire, Witz und Ironie müssten nicht erst hineininterpretiert werden. Hildegard Elisabeth Keller fand die Wendung, dass das Ich als Ei spricht, verblüffend und gelungen. Stefan Gmünder fand vieles an dem Text „sehr, sehr gut“.

14 Texte beim Bachmann-Preis

Drei Tage lang trugen 14 Autorinnen und Autoren ihre noch unveröffentlichten Texte vor.

Juri Steiner ortete in den Gröttrups zwei Demente, die sich „sehr subtil kaputtmachen“. Meike Feßmann fand es interessant, dass die Geschichte als Karikatur beginne und zu einer Parabel werde, hatte aber auch Einschränkungen. Sandra Kegel, die Otoo nominiert hat, fand es sehr spannend, dass eine britische Autorin einen Blick auf Deutschland werfe, sie arbeite mit Querverweisen, Humor und Ironie.

Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin

Otoo ist Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ und beschreibt sich als „schwarze britische Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin“. Ihre erste Novelle erschien 2012 im Verlag edition assemblage. Ein Jahr später folgte die deutsche Übersetzung unter dem Titel „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“. Ihre jüngste Novelle „Synchronicity“ kam 2014 auf den Markt. Darüber hinaus hat sie bereits mehrere Kurzgeschichten wie „Whtnacig Pnait (Watching Paint)“ veröffentlicht.

Publikumspreis für Sargnagel

Die einzige Österreicherin im Wettbewerb, Sargnagel, schaffte es zwar nicht auf die Shortlist der Jury, erhielt aber die meisten Stimmen im Onlinevoting um den Publikumspreis für ihren Text „Penne vom Kika“. Die Schilderung zweier Tage im Leben der Autorin während des Verfassens des Bachmann-Textes hatte als Eröffnung durchaus für Begeisterung bei der Jury gesorgt - von Kegel fiel gar der Satz „Faust könne einpacken“. Mit dem Sieg kann Sargnagel auch von Mai bis September 2017 das Stadtschreiber-Atelier beziehen.

Bachmannpreis

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Sargnagel meinte, das Wettlesen wirke in den Medien „viel angsteinflößender als in der Wirklichkeit“

Die Jury verlieh drei weitere Preise: Der KELAG-Preis geht an den Schweizer Dieter Zwicky für den Text „Los Alamos ist winzig“, über die Eigenschaften, Eigenarten und Einwohner der Stadt Los Alamos. Zwicky „freue sich extrem“. Er bedauere es überhaupt nicht, den Bachmann-Preis nicht gewonnen zu haben: „Das hätte mich wahrscheinlich überfordert.“ Der KELAG-Preis sei seine „heimliche Hoffnung“ gewesen. Die deutsche Autorin Julia Wolf gewann den 3sat-Preis für den Text „Walter Nowak bleibt liegen“ über einen alten Mann, der im Schwimmbad stürzt und verletzt auf Hilfe wartet. Sie freue sich, sei aber überfordert, so Wolf. Sie sei auch über Otoos Sieg erfreut.

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