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Die neuen Leiden des jungen N.

Gaetano Donizettis komische Oper „Der Liebestrank“ gehört zu den Klassikern der Operngeschichte. Erstmals wird das 1832 in Mailand uraufgeführte Werk nun bei der „Oper im Steinbruch“ in St. Margarethen im Burgenland gezeigt. Regisseur Philipp Himmelmann hat das Stück des italienischen Komponisten in einen überdimensionalen Wurlitzer irgendwo zwischen die 1950er und 1970er verlegt.

Auf dem Felsen über der Bühne prangt in leuchtenden Lettern das Wort „Amore“. Unten tanzt eine Schar Partygäste zu Rock-’n’-Roll-Klängen aus der Konserve. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird geschäkert und geflirtet - bis Nemorino (Tamas Tarjanyi) auf den Fußboden knallt, die Stromgitarren für einen Moment verstummen und Orchester und Chor anheben. Donizettis Protagonist ist schon betrunken, ehe er auch nur am Liebestrank genippt hat.

Bühnenbild der Oper "Der Liebestrank"

Armin Bardel

In der Jukebox herrscht reges Treiben

Der Alkohol ist Nemorinos Mittel zum Zweck, wenn es darum geht, seinen Kummer zu bezwingen. Der einfach gestrickte Landarbeiter ist unsterblich in die Gutsbesitzerin Adina verliebt. Die allerdings hält wenig vom überhöhten Liebesideal des Einfaltspinsels. Adina ist intelligent, gebildet, reich, sich ihrer Schönheit bewusst und nimmt sich, was sie will - die Liebe ist für sie nur ein Spiel, dessen Regeln sie meisterhaft beherrscht.

In den Fängen des Scharlatans

Als dann auch noch der arrogante Sergeant Belcore auf den Plan tritt, Adinas Liebe mit einer „Festung“ vergleicht, die er einzurennen gedenkt, und die Angebetete schnellstmöglich heiraten will, scheint Nemorino seine Hoffnung endgültig begraben zu müssen. Doch just in diesem Moment rollt ein VW-Bus heran, und eine Horde Hippies übernimmt das Kommando in der Jukebox.

Uwe Schenker-Primus in einer Szene der Oper "Der Liebestrank"

Arenaria

Selbstbewusst wie ein Gangster-Rapper, gewandt wie ein Gebrauchtwagenhändler: Uwe Schenker-Primus brilliert als Dulcamara

Herr der Blumenkinder ist Quacksalber Dulcamara. Selbstbewusst wie ein Gangsterrapper und gewandt wie ein Gebrauchtwagenhändler verspricht er den Bewohnern des Wurlitzers das Blaue vom Himmel. Für jeden habe er ein Mittelchen dabei, er könne die Hässlichen schön und die Kranken gesund machen.

Umnebelt vom Liebeskummer gibt Nemorino dem Scharlatan sein letztes Geld für einen angeblichen Liebestrank, mit dessen Hilfe er Adinas Herz gewinnen will. Doch das Elixier entpuppt sich als Flasche schlechter Wein, und nach seinem Genuss macht sich Nemorino einmal mehr zum Affen. Auch im zweiten Anlauf hat Nemorino (was auf Deutsch „kleiner Niemand“ bedeutet) kein Glück mit dem Quacksalber; zum Happy End führen letzten Endes ein falsches Gerücht und - wie romantisch - Nemorinos Willen, für seine Liebste den Tod auf dem Schlachtfeld in Kauf zu nehmen.

Zwischen Romantic Comedy und Todessehnsucht

Donizettis Werk war bereits zu Lebzeiten des Komponisten ein Blockbuster. 1832 an der Mailänder Scala uraufgeführt, ist „Der Liebestrank“ bis heute unter den zwölf meistgespielten Opern der Welt und gehört zum Standardrepertoire vieler Häuser. In der Rolle des Nemorino waren bereits Größen wie Luciano Pavarotti zu sehen.

Tamás Tarjány in  der Oper "Der Liebestrank"

Armin Bardel

Gequälter Einfaltspinsel: Nemorino und der vermeintliche Liebestrank

Nicht einmal zwei Wochen soll der Workaholic - Donizetti schrieb nicht weniger als 70 Opern - an dem zweiaktigen Stück gearbeitet haben. Das Libretto, das auf der französischen Oper „Le Philtre“ basiert, vereint auf geniale Weise Einfachheit mit Tiefgang. „L’elisir d’amore“, so der Originaltitel, gilt gemeinhin als komische Oper (opera buffa).

Demgegenüber steht der traurige Clown Nemorino, dessen vom Liebeskummer induzierte Todessehnsucht den Kontrapunkt zur Komik bildet - und das Stück zu einer Art Romantic Comedy mit düsterem Unterton macht. Auch die Figur der Adina muss für die 1830er Jahre geradezu revolutionär gewesen sein. Sie ist stark und selbstbewusst, keine Dienstmagd und kein Beiwagerl eines reichen arroganten Adeligen.

Quietschbuntes Spektakel

Gespielt wird heuer in St. Margarethen auf der Seitenbühne, deren Arena aber immerhin noch 2.200 Besucher fasst. Die größere Hauptbühne ist wie alle fünf Jahre für die Passionsspiele reserviert. Regisseur Himmelmann inszeniert die Oper als quietschbuntes, bizarres Spektakel. Die riesige Schallplatte in der von Raimund Bauer entworfenen Jukebox dreht sich, der Arm des Plattenspielers bewegt sich. Anfangs scheint die Handlung - den Kostümen der Protagonisten nach zu urteilen - in den 1950er Jahren zu spielen.

Veranstaltungshinweis

„Der Liebestrank“ ist noch bis 19. August jeweils mittwochs bis freitags im Römersteinbruch St. Margarethen zu sehen.

Der egomanische Soldat Belcore sieht aus wie der Kommandant einer Freiwilligen Feuerwehr. Er und seine uniformierten Kompagnons versprühen den spröden Charme sowjetischer Fallschirmjäger, Publikumsliebling Dulcamara dagegen gibt den schmierigen Klischeehippie, der neben verschiedenen Elixieren wohl auch etwas Zauberkraut in seinem Bus lagert. Die Figuren und ihre Umgebung sind so ganz anders als in Donizettis Original, wo ein nicht näher bezeichnetes baskisches Dorf die Bühne für die Komödie bildet.

Brillant ist neben der Leistung von Uwe Schenker-Primus auch Elena Sancho Pereg als Adina; am Ende der Premiere spendete das Publikum den beiden den größten Applaus. Tarjanyi spielt den unfreiwillig komischen Nemorino zwischen Albernheit und Todessehnsucht. Die von ihm gesungene, berühmteste Arie des Stücks („Una furtiva lacrima“) geht im vergnüglichen Feuerwerk leider etwas unter.

Philip Pfleger, ORF.at

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