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Cremig und süffig wie Guinness

Herkömmlicher Kaffee, abgekühlt und in einem Glas anstatt in einer Tasse serviert, vielleicht auch noch mit Vanilleeis versehen und mit Strohhalm genossen: Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Kaffeeliebhaber mit dieser schnöden Variante von Eiskaffee zufrieden gaben. Seit einigen Jahren schwören Fans des schwarzen Suds auf das „Cold Brew“-Verfahren.

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Dabei wird Kaffee nicht wie üblich mit heißem, sondern mit kaltem Wasser gebraut. Das nimmt natürlich Zeit in Anspruch. Mindestens zwölf Stunden muss das Getränk ziehen, wodurch es weniger bitter und süffiger wird. Zumindest in den USA wurde dieser zunächst von kleinen Röstereien und Kaffeehäusern ins Leben gerufene Trend schließlich nach Jahren vom Mainstream übernommen.

Der Stickstoff macht’s

Kalt gebrauter Kaffee erfreut sich vor allem in den Sommermonaten großer Beliebtheit, der nächste Schritt war dann nur konsequent: Die Flüssigkeit wurde in hippen Kaffeehäusern gezapft, bis man auf die Idee kam, sie mit Stickstoff zu versetzen. Und siehe da: Der Kaffee ist nun noch geschmeidiger und noch cremiger. Dass er eine frappante optische Ähnlichkeit mit dem Bier der irischen Traditionsbrauerei Guinness aufweist, ist dabei kein Zufall.

Statt allein mit Kohlensäure (30 Prozent) wird Guinness seit Jahrzehnten vorwiegend mit Stickstoff (70 Prozent) zum Schäumen gebracht. Das verleiht ihm seinen charakteristischen Geschmack und macht den Schaum besonders haltbar und cremig - Eigenschaften, die auch dem „Nitro Coffee“, so die Bezeichnung des mit Stickstoff angereicherten Kaffees in US-amerikanischen Kaffeehäusern, zugute kommen.

Auch ohne Milch und Zucker süß

Das alles hat mit der unterschiedlichen Löslichkeit zu tun, so das Onlinemagazin Quartz. Denn Kohlensäure ist in Wasser, aber eben auch Kaffee oder Bier, 50-mal besser löslich als Stickstoff und produziert dabei wesentlich größere Blasen, sobald sich das Gas aus der Flüssigkeit löst.

Stickstoff löst sich wesentlich schneller und sorgt dabei für ein erkennbar feineres Sprudeln. Auch ohne Milch und Zucker schmeckt auf diese Weise zubereiteter Kaffee nicht nur cremiger, sondern auch süßer. Das liegt daran, wie die Stickstoffblasen mit den Geschmacksknospen interagieren.

Seit einem Jahr gibt es den Stickstoffkaffee über Stumptown Coffee Roasters, Vorreiter und Marktführer in Sachen „Nitro Coffee“, auch in der Dose. Die über die Grenzen bekannte Rösterei aus Portland stattet zudem nicht nur die zum eigenen Unternehmen gehörenden Kaffehäuser mit „Nitro Coffee“-Fässern aus, sondern auch firmenfremde in New York City aus, so das Männermagazin „Esquire“.

Schankanlage als Muss

Auch Bars und Restaurants setzen zunehmend auf den Trend, wobei diesen zugutekommt, dass sie meist bereits über die entsprechende Schankanlage verfügen. Denn diese sowie die dazugehörigen Fässer sind das Um und Auf für den erfolgreichen Verkauf von Stickstoffkaffee.

Die US-amerikanische Kaffeehauskette Starbucks kündigte erst kürzlich an, in den Städten Seattle, Portland, New York, Chicago, Boston, Los Angeles und San Francisco ebenfalls „Nitro Coffee“ anzubieten. Starbucks will gegenüber den kleinen Lifestyle-Kaffeehäusern Boden gutmachen, gilt der Kaffeeriese doch schon seit Langem nicht mehr als hip und geriet der bedeutend kleineren Konkurrenz gegenüber auch was Nachhaltigkeit anbelangt ins Hintertreffen.

Starbucks-Filialen nicht für Verkauf gerüstet

Wenn das Unternehmen aus Seattle nun also auch auf den „Nitro Coffee“-Zug aufspringt, dann liege das daran, dass man sich erneuerte Reputation und Distinktionsgewinn verspricht, so das Netzkultur- und Technologiemagazin „Wired“. Andererseits gehe man auch ein Risiko ein, denn die Filialen sind technisch nicht für den Verkauf von Stickstoffkaffee gerüstet.

Die dafür benötigten Schankanlagen brauchen nicht nur Platz. Geht man nur von den angekündigten 500 der über 12.500 in den USA betriebenen Filialen aus, so kommt man „Wired“ zufolge auf Investitionen in Höhe einer halben Million Dollar alleine an Materialkosten. Darüber hinaus müssen die Getränke fachkundig gezapft, die Anlagen regelmäßig gewartet und die Fässer gewechselt und entsorgt werden.

Stolzer Preis

Und dann besteht freilich das Risiko, dass der Hype um „Nitro Coffee“ abebbt, das Getränk wieder zum Liebhaberprodukt wird und sich dessen Verkauf trotz des stolzen Preises von durchschnittlich fünf Dollar für eine Kette wie Starbucks nicht mehr rechnet. Immerhin: Seit 2010 bietet Starbucks in ausgewählten Shops auch Wein und Bier an. Letzteres lässt sich bekanntlich zapfen, im Bedarfsfall können die für die Zubereitung von Stickstoffkaffee erworbenen Anlagen ja recycelt werden.

In Australien hat Starbucks per se keinen leichten Stand und musste vor einigen Jahren 60 seiner ursprünglich 80 Filialen schließen. Nicht etwa, weil man dort Kaffee nicht gebührend zu schätzen weiß. Das Land gilt vielmehr als Vorreiter, wenn es um Kaffeekultur geht, und seine Einwohner können unter Tausenden unabhängigen Kaffehäusern wählen.

Auch der neueste Trend in „Down Under“ treibt bunte Blüten - wobei man „bunt“ durchaus wörtlich nehmen darf. Ein veganes Lokal in Melbourne, die Matcha Mylkbar, sorgt mit seiner neuesten Kreation derzeit für Aufsehen in den Sozialen Netzwerken.

Algen sorgen für blaue Farbe

Der „Smurf Latte“ (deutsch: „Schlumpf Latte“) sieht aus wie ein blauer Milchkaffee und hat sich laut „Guardian“ innerhalb kürzester Zeit zum Verkaufsschlager entwickelt. Dabei ist nicht einmal Kaffee enthalten. Stattdessen besteht das babyblaue Getränk aus Ingwer, Limone, Kokosmilch, Agave und blauem Algenpulver - daher die Farbe.

Dem Vernehmen nach schmeckt der falsche Kaffee nach Algen und saurer Milch und ist eher herb im Abgang. Am Geschmack liegt es wohl nicht, dass er sich großer Beliebtheit erfreut, auch nicht am gehobenen Preis von fünf Dollar. Vielmehr scheinen viele Kunden einen „Smurf Latte“ nur deshalb zu bestellen, um ihn danach zu fotografieren und auf Instagram zu stellen. Im Gegensatz zu Kaffee mit Stickstoff ist dem blauen Saft aber wahrscheinlich nur kurze Aufmersamkeit beschieden.

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