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Vom Verbündeten zum Erzfeind

Für die meisten innenpolitischen Krisen macht Präsident Recep Tayyip Erdogan seit Längerem die mächtige Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen mitverantwortlich. Erdogan wirft seinem einstigen Verbündeten vor, einen Staat im Staate errichten zu wollen und seinen Sturz zu betreiben.

Auch nach dem Militärputsch in der Nacht von Freitag auf Samstag erklärte Erdogan, dass die Aktion von einer Minderheit in der Armee ausgehe, die von „parallelen Strukturen in der Gesellschaft ermutigt worden“ seien. Damit hatte er schon in der Vergangenheit Anhänger Gülens bezeichnet.

Die Gülen-Bewegung distanzierte sich noch in der Nacht von dem Militärputsch. „Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei“, schrieb die Bewegung in der Nacht zu Samstag in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur AFP. Seit 40 Jahren hätten sich Gülen und die Anhänger seiner Hizmet-Bewegung für Frieden und Demokratie eingesetzt.

Vorwürfe für Gülen „besonders beleidigend“

„Ich weise solche Anschuldigungen kategorisch zurück“, betonte auch Gülen selbst. Er verurteile den Putschversuch „auf das Schärfste“. Er bete dafür, dass sich die Lage in der Türkei schnell und friedlich kläre, fügte Gülen hinzu. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten selbst mehrere Militärputsche in seinem Heimatland miterleben müssen - daher sei die Behauptung, er sei in den Staatsstreich verwickelt, „besonders beleidigend“, erklärte der in den USA lebende Geistliche in der Nacht zum Samstag.

Die Regierung geht seit drei Jahren massiv gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger vor, die sie vor allem bei der Polizei und in der Justiz vermutet. Die Gülen-Bewegung wurde zur Terrororganisation erklärt, viele ihrer führenden Köpfe stehen auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Türkei.

Fethullah Gülen

Reuters/Selahattin Sevi

Der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen

Der heute 75-jährige Gülen machte sich ursprünglich als einflussreicher islamischer Prediger einen Namen. Bis in die 1980er Jahre hinein wirkte er als Iman in verschiedenen türkischen Städten. Mit seinen Predigten und Büchern über den Islam, über Bildungs- und Wissenschaftsfragen, soziale Gerechtigkeit und interreligiösen Dialog begeisterte Gülen viele Gläubige.

„Lieblingsmuslim“ des Militärs

Gülen stammt aus dem Osten der Türkei und galt mit seinem strammen Antikommunismus bis in die 1990er Jahre als „Lieblingsmuslim“ des laizistischen Militärs.

Seine Bewegung Hizmet („Dienst“) sieht einen ihrer Schwerpunkte in der Verbesserung von Bildungschancen. Ihre Anhänger gründeten - zunächst in der Türkei, später weltweit - Schulen, Universitäten und Nachhilfeinstitutionen. Auch Krankenhäuser, Hilfswerke, Unternehmerverbände und Medienhäuser wurden von der Gülen-Bewegung gegründet und betrieben. Viele Anhänger gibt es in der türkischen Justiz und Polizei.

Keine direkte Befehlskette erkennbar

Seit 1999 lebt der gesundheitlich angeschlagene Prediger im US-Staat Pennsylvania. Er emigrierte nach einer Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe, die später mit einem Freispruch ad acta gelegt wurde. Eine direkte Befehlskette von Gülen bis hin zu seinen schätzungsweise Millionen Anhängern weltweit ist von außen nicht erkennbar, ebenso wenig eine klare, straffe Organisation.

Lange Jahre waren Hizmet und Erdogans Regierungspartei AKP Verbündete. Ab 2012 offenbarten sich jedoch immer mehr Differenzen zwischen Gülen und Erdogan - etwa beim Thema Syrien-Krieg, dem Verhältnis zu Israel sowie dem Für und Wider von Versöhnungsgesprächen mit der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Im Sommer 2013 eskalierte der Streit: Gülen rügte Erdogans Niederschlagung der friedlichen Proteste im Gezi-Park. Seit damals geht Erdogan massiv gegen die Bewegung vor.

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