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1.563 Militärangehörige festgenommen

Ein Putschversuch des Militärs hat in der Nacht auf Samstag die Türkei erschüttert. Fast 200 Menschen kamen nach offiziellen Angaben bei den Auseinandersetzungen in Ankara und Istanbul ums Leben. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der seine Anhänger zum Widerstand aufgerufen hatte, traf in Istanbul ein und gab sich siegessicher. In Ankara wurde auch in der Früh noch gekämpft - die Putschisten erklärten, nicht aufgeben zu wollen.

Erdogan hatte sich zum Zeitpunkt des Putsches im Badeort Marmaris an der Mittelmeerküste befunden. Nachdem die Armee am Freitagabend in der Hauptstadt die Übernahme der Macht verkündet hatte, wandte er sich über ein im Fernsehen ausgestrahltes Videotelefonat an die Bürger. Erdogan rief die Türken auf, die Ausgangssperre zu missachten und zu demonstrieren. Tausende Menschen folgten dem Aufruf.

Präsident Tayyip Erdogan inmitten der Demonstranten

Reuters/Huseyin Aldemir

Erdogan rief die Bevölkerung mehrfach zum Widerstand auf

Der Präsident wurde in der Nacht auf dem Istanbuler Flughafen von jubelnden Anhängern empfangen. Er kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Aufständischen an. Er wolle die Armee „säubern“. Erneut machte er die Bewegung seines Intimfeindes Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich, die sich jedoch umgehend vom Aufstand distanzierte.

Gülen selbst verurteilte den Putschversuch und wies die Anschuldigungen zurück. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten selbst mehrere Militärputsche in seinem Heimatland miterleben müssen, daher sei die Behauptung, er sei in den Staatsstreich verwickelt, „besonders beleidigend“, erklärte der in den USA lebende Geistliche in der Nacht zum Samstag.

Erdogan: Lage „weitgehend unter Kontrolle“

Erdogan rief seine Anhänger dazu auf, weiter auf den Straßen zu bleiben, bis sich die Lage normalisiert habe. Sein Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, die Lage sei „weitgehend unter Kontrolle“. Rund 1.563 Militärangehörige wurden als mutmaßliche Putschisten festgenommen.

Bei einer Operation gegen Umstürzler am Hauptquartier der Gendarmerie in Ankara wurden nach Angaben aus türkischen Regierungskreisen 16 Putschisten getötet. Fast 250 Aufständische seien festgenommen worden, hieß es aus Regierungskreisen. Das Hauptquartier der Gendarmerie sei „von Putschisten befreit“ worden.

Zuvor hatte es Berichte gegeben, dass sich in Istanbul Dutzende Soldaten von Polizisten entwaffnen ließen. Im Fernsehen war zu sehen, wie einige Soldaten an der Bosporus-Brücke von Polizisten abgeführt wurden. Auf der Brücke waren in der Nacht Panzer aufgefahren. Yildirim wies das Militär auch an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge durch Kampfjets abschießen zu lassen.

Soldaten werden von Zivilisten entwaffnet

APA/AP/Selcuk Samiloglu

Dutzende Soldaten ließen sich von Polizisten entwaffnen

Putschisten wollen „entschlossen“ weiterkämpfen

Die Putschisten erklärten, dass sie weiter „entschlossen“ kämpfen wollen. Sie riefen die Bevölkerung in einem E-Mail auf, zu ihrer eigenen Sicherheit in Räumen zu bleiben. Tatsächlich wurde in der Hauptstadt Ankara weitergekämpft. In der Nähe des Präsidentenpalastes gab es einen Luftangriff. Wie aus Erdogans Umfeld verlautete, griffen Kampfjets Panzer der Putschisten an, die vor dem Palast aufgefahren waren.

CNN Türk meldete den Abschuss eines Militärhubschraubers. Dieser soll dem Bericht zufolge auf die ebenfalls in der Hauptstadt befindlichen Büros des staatlichen Satellitenbetreibers Türksat gefeuert haben. Die Putschisten hatten zeitweise die Kontrolle über den Staatssender TRT und den Privatsender CNN Türk übernommen, dann aber wieder verloren.

Parlament bei Luftangriffen beschädigt

Auch die Angriffe auf das Parlamentsgebäude in Ankara hielten an. Dennoch soll am Samstagnachmittag eine Sondersitzung der Volksvertretung stattfinden. Parlamentspräsident Ismail Kahraman sagte, dass kein Abgeordneter bei dem Bombardement des Gebäudes in der Nacht zu Schaden gekommen sei. Auf TV-Bildern war zu sehen, dass das Dach des Parlaments beschädigt, aber nicht zerstört wurde.

Menschen mit türkischen Flaggen vor der Botschaft in Berlin

Reuters/Axel Schmidt

Tausende folgten Erdogans Aufruf und harrten die Nacht auf den Straßen aus

Beim Putschversuch sind laut dem amtierenden Armeechef Ümit Dündar 194 Menschen ums Leben gekommen, darunter 104 Putschisten und 47 Zivilisten. 1.154 weitere Menschen seien verletzt worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Samstag. Laut Ministerpräsident Yildirim wurde auch ein General, der zu den Putschisten gehörte, getötet.

Armeechef aus Geiselhaft befreit

Der von Putschisten festgehaltene Armeechef Hulusi Akar wurde mittlerweile befreit und an einen sicheren Ort gebracht. Demnach fand die Befreiung während eines Einsatzes auf dem Luftwaffenstützpunkt Akinci nordwestlich der Hauptstadt Ankara statt.

Medien hatten zuvor berichtet, Akar sei von den Putschisten als Geisel genommen worden. Die Regierung ernannte am Morgen den General Ümit Dündar als kommissarischen Generalstabschef. Erdogan hatte noch bei einem Fernsehauftritt in der Nacht gesagt, er wisse nicht, wo sich Akar befinde.

Ebenfalls in Sicherheit sei der Chef des Geheimdienstes MIT, Hakan Fidan, hieß es weiter. Fidan habe beim Angriff von Putschisten auf das Geheimdiensthauptquartier in Ankara den Befehl ausgegeben, „bis zum Ende zu kämpfen“. Auch dort sei die Lage inzwischen deeskaliert.

Notfallhotline im Außenministerium eingerichtet

Das Außenministerium hat die Österreicherinnen und Österreicher in der Türkei aufgerufen, angesichts des Militärputsches „an einem sicheren Ort“ zu bleiben. Im Notfall und bei Fragen solle das Außenministerium kontaktiert werden, hieß es in am späten Freitagabend aktualisierten Reisehinweisen.

Notfallnummer des Außenministeriums

Im Notfall und bei Fragen kann das Außenministerium unter der Telefonnummer 0043-1-90115-4411 kontaktiert werden.

„Derzeit ist eine Militäraktion im Gange. Die Lage ist unübersichtlich. Verbleiben Sie daher an einem sicheren Ort. Verfolgen Sie die Medienberichte“, heißt es wörtlich. Schon zuvor hatte das Außenministerium dazu aufgerufen, angesichts der Terrorgefahr im Land „stark frequentierte Plätze“ sowie Staats- und Regierungsgebäude und militärische Einrichtungen „möglichst zu meiden“.

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