Ärztekammer: Kassenärztemangel und viele Wahlärzte

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Die Ärztekammer warnt vor Einbrüchen in der medizinischen Versorgung, weil es immer weniger Kassenärzte und immer mehr Wahlärzte gebe. Vizepräsident Johannes Steinhart rief deshalb heute in einer Pressekonferenz dazu auf, gesundheitspolitisch „das Steuer herumzureißen“. In Wiener Spitälern warnte Steinhart vor drastischen Leistungsreduktionen.

Derzeit gebe es rund 900 Kassenpraxen weniger als im Jahr 2000. Vor zehn Jahren habe es noch rund 4.100 Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag gegeben, heute nur noch 3.880. Und davon erreichen laut Steinhart in zehn Jahren mehr als 60 Prozent das Pensionsalter. Auf der anderen Seite sei die Zahl der Wahlärzte in den letzten zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. 2006 habe es 7.017 Wahlärzte gegeben, heute 10.346.

Die Zahl der Fachärzte sei zwar in den letzten Jahren stabil geblieben, allerdings würden in den nächsten zehn Jahren fast zwei Drittel das Pensionsalter erreichen. Dazu komme, dass österreichweit fast 70 Kassenstellen unbesetzt seien, womit rund 250.000 Patienten pro Jahr nicht versorgt werden könnten, rechnete der Ärztekammer-Vizepräsident vor.

Mehr Anreize für Junge gefordert

Steinhart findet es zwar grundsätzlich gut, dass junge Mediziner verstärkt als Wahlarzt arbeiten, um mehr Zeit für den Patienten zu haben. Allerdings gebe es damit ein Problem in der sozialen Medizin, weil sich viele Menschen die Zuzahlung beim Wahlarzt nicht leisten könnten. Er verwies darauf, dass ein solidarisches Gesundheitssystem ohne Ärzte nicht zu betreiben sei. Deshalb müsse man die Rahmenbedingungen gerade für junge Mediziner verbessern.

Steinhart verlangt 1.400 zusätzliche Stellen für Kassenärzte und bessere Rahmenbedingungen, wie eine Entlastung von überbordender Bürokratie, eine Beseitigung von Decklungen und Leistungskürzungen sowie ein Ende des Mystery Shoppings. Den Vorwurf des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger (HVSV), dass die Ärztekammer die Bewilligung von Ausbildungsstätten für Jungärzte blockiere, wies Steinhart als „falsch“ zurück. Er machte in der Pressekonferenz bürokratische Auflagen für die Verzögerungen verantwortlich.

Hauptverband weist Zahlen zurück

Der HVSV weist die Zahlen zum Rückgang der Kassenärzte und dem Anstieg der Wahlärzte zurück. Vorsitzende Ulrike Rabmer-Koller warf der Ärztekammer vor, mit „Horrorzahlen“ Ängste zu schüren, und forderte sie zu einem seriösen Umgang mit Fakten auf.

Die Vertragsärzteschaft entwickle sich stabil, so Rabmer-Koller. Zwischen 2000 und 2014 sei die Zahl der Vertragsärzte um 3,9 Prozent gestiegen. Die unterschiedlichen Zahlen erklärte die HVSV-Chefin unter anderem damit, dass die Ärztekammer Gruppenpraxen nicht berücksichtige. Schlössen sich drei Vertragsärzte zu einer Gruppenpraxis zusammen, zähle die Kammer nur eine Ordination.

Protest gegen weniger Nachtschichten

Die Ärztekammer sieht die Patientenversorgung in Gemeindespitälern gefährdet, weil ab Herbst 40 Nachtdienste gestrichen werden sollen. Per Umfrage wird die Bereitschaft für Streiks erhoben. Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) zeigt dafür kein Verständnis.

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