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Staub, Hasen und Heuschrecken

Mit der Dokumentation „Dust Bowl“ von 2012 erinnert Regisseur Ken Burns an eine Zeit, in der weite Teile der USA von einer verheerenden Katastrophe heimgesucht wurden, die auf eine weitreichende Umweltsünde der Menschheit zurückging: die Staubstürme und ihre Folgen in den Great Plains.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten die weiten Landstriche der großen Ebene zwischen Oklahoma, Kansas, Texas, New Mexico und Colorado als nur wenig reizvoll für Siedler. Trockene Steppe, wenig Regen und die schier endlose Prärie schienen kaum verlockend zu sein. Doch mit dem Beginn einer verhältnismäßig niederschlagsreichen Phase in den frühen 1910er Jahren änderte sich das schlagartig. Vornehmlich aus den östlichen Bundesstaaten zog es mittellose Farmer in die Prärie, wo sie sich erhofften, mit dem Anbau von Weizen ihr Auskommen zu finden.

Regisseur Ken Burns

AP/Matt Sayles/Invision

Ken Burns gilt als einer der einflussreichsten US-amerikanischen Dokumentarfilmer der Gegenwart

Erleichtert durch Abraham Lincolns 1862 unterzeichneten Homestead Act, der es jedem Erwachsenen erlaubte, ein Stück Land abzustecken und zu bewirtschaften, wurden so zahlreiche hoffnungsfrohe Existenzen gegründet. Über Nacht entstanden ganze Städte, Immobilienfirmen verdienten sich eine goldene Nase, indem sie große Flächen Land um einen Spottpreis aufkauften und um ein Vielfaches an die herbeiströmenden Farmer weiterverkauften.

„Wheat will win the war“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt der Boom eine zusätzliche Dynamik: Weil die deutschen Blockaden den Nachschub an Getreide aus Russland unterbanden, mobilisierten die USA ihre Bauern zur Großproduktion. „Wheat will win the war“ („Weizen gewinnt den Krieg“), lautete das Motto, das die Getreidepreise quasi über Nacht verdoppelte.

Und die Neo-Landbesitzer ließen sich nicht lange bitten. Innerhalb von fünf Jahren wurden mehr als 400.000 Quadratkilometer bis dahin brachliegende Steppe in Ackerland verwandelt. Der Boom hielt auch noch nach dem Krieg an, trotz leicht sinkender Preise erhöhten die Farmer die Produktion, mit immer moderneren Gerätschaften stetig. „Keiner schien gegen den Optimismus immun zu sein, der in der Luft lag“, erklärt Burns in seinem Buch zur Dokumentation.

Die Hoffnung auf das „nächste Jahr“

Doch selbst als der Preis weiterfiel und die Nachfrage nach dem Getreide ausblieb, hielten die Bauern ihre Produktion aufrecht - in der Hoffnung auf das „nächste Jahr“, von dem man sich den nächsten Aufschwung erhoffte. Alleine in den Southern Plains, den südlichen Ebenen, war bis 1931 eine Fläche von mehr als der Größe des Bundesstaats Ohio in Ackerland verwandelt worden.

„Es war das Rezept für eine wirtschaftliche Katastrophe“, beschreibt Historiker Donald Worster die Situation in der Dokumentation. Die Farmer hätten trotz des Überangebots mehr und mehr Weizen gepflanzt. „Und es war das Rezept für eine Umweltkatastrophe. Denn das Büffelgras, das normalerweise auf den Great Plains wuchs, verhinderte die Erosion des Landes durch den stetigen Wind.“

Jahrelange Ernteausfälle durch Staubstürme

In den frühen 1930er Jahren kam die Dürre - und damit eine fast zehn Jahre andauernde Katastrophe mit zahlreichen verheerenden Nebeneffekten auf die Bewohner der „Dust Bowl“ zu. Riesige Staubstürme verwehten den erodierten Boden kilometerweit durch das ganze Land, Ernten wurden jahrelang vernichtet, Tiere verendeten, und Menschen, vor allem Kinder, litten unter Staublungen.

Bis zu 100-mal im Jahr verdunkelte sich der Himmel über der Ebene, und Staubstürme wüteten über das Land hinweg. Erst nach mehreren Jahren der Missernten begannen die ersten Farmer ihr Land zu verlassen. Eine Augenzeugin schildert die Abwanderung in der Dokumentation: „Einige Nachbarn fürchteten um die Gesundheit ihrer kleinen Kinder und verließen das Land vorübergehend. ‚Bis es regnet‘, hieß es dann. Andere gingen für immer. Wir blieben, wir dachten wohl, es könne nicht mehr schlimmer werden.“

Buchcover von "The Dust Bowl: An Illustrated History"

Chronicle Books

Buchhinweis

Ken Burns, Dayton Duncan: The Dust Bowl: An Illustrated History. Chronicle Books, 232 Seiten, 16,75 Euro.

Doch es kam schlimmer: Eine Hasen- und eine Heuschreckenplage suchten die leidgeprüfte Bevölkerung heim, und immer wenn es für einige Zeit danach aussah, als würde es besser werden, kam der nächste, noch drastischere Staubsturm.

200 Millionen Bäume als Windschutz

Längst war das Schicksal des „Dust Bowls“ zu einem Politikum geworden. Unter Präsident Franklin D. Roosevelt wurden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, die zur Stabilisierung der Gegend dienen sollten. Etwa das „Shelter Belt-Project“, bei dem auf einer Gesamtlänge von etwa 30.000 km über 200 Millionen Bäume als Windschutz und Sedimentfalle angepflanzt wurden. Zudem wurde 1933 die Bildung des „Soil Erosion Service in the Department of the Interior” angeregt, der 1935 als “Soil Conservation Service” dem Department of Agriculture überstellt wurde. Auch Wissenschaftler fingen durch die „Dust Bowl"–Problematik an, sich intensiver mit der Winderosion und Bodenkonservierungstechniken zu beschäftigen.

Erst als Ende der 1930er Jahre die Dürre nachließ und wieder die Niederschlagsmengen der Vorjahre fielen, normalisierte sich der Zustand in der "Dust Bowl“-Gegend wieder. Dennoch wurden allein während der Dürrejahre von 1931 bis 1936 650.000 Farmer mit 400.000 Quadratkilometer Landbesitz ruiniert. Die Jahre der „Great Depression“ war Ursache für die „Flucht“ vieler Farmer-Familien aus den Great Plains, die zu einer der größten Migrationsbewegungen in der amerikanischen Geschichte führten. Es wird geschätzt, dass rund 3,5 Millionen Farmer ihren Besitz verließen und in die nahe gelegenen Städte oder an die Westküste zogen.

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