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Bombenattrappen bei Angreifern gefunden

Einer der beiden Angreifer, die bei der Attacke auf eine Kirche in der Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray in Nordfrankreich einen Priester getötet haben, war erst 19 Jahre alt. Der bei der Geiselnahme von der Polizei erschossene Adel Kermiche sei im März 1997 in Mont-Saint-Aignan nahe der Stadt Rouen geboren worden, sagte der Pariser Staatsanwalt Francois Molins.

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Der zweite Angreifer wurde bisher nicht formell identifiziert. Molins bestätigte am Dienstagabend vorherige Ermittlerangaben, wonach Kermiche im vergangenen Jahr zweimal versuchte, nach Syrien zu reisen. Er wurde beide Male vorher festgenommen, das erste Mal in Deutschland, beim zweiten Versuch in der Türkei. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich wurde daraufhin ein Anklageverfahren eröffnet und Untersuchungshaft angeordnet.

Karte von Frankreich

Omniscale/OSM/ORF.at

Unter strengen Auflagen kam er jedoch im März dieses Jahres mit einer elektronischen Fußfessel wieder frei. Laut Molins hatte er aber die Erlaubnis, unter der Woche vormittags und am Wochenende nachmittags das Haus zu verlassen. Der von der Polizei erschossene Angreifer wurde anhand seiner Fingerabdrücke eindeutig identifiziert.

Kritik an Fußfesselpraxis

Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte damals vergeblich versucht, seine Freilassung zu verhindern. Die Polizeigewerkschaft kritisierte die Freilassung von Kermiche scharf. Die Praxis, Verdächtige unter Auflagen mit Fußfesseln freizulassen, müsse in Fällen „mit jedwedem Bezug zum Terrorismus“ beendet werden, sagte der Vizegeneralsekretär der Polizeigewerkschaft Alliance, Frederic Lagache, zu AFP.

Ofenbar Reue vorgegaukelt

Dabei führte Kermiche offenbar die zuständige Anti-Terror-Richterin hinters Licht und wurde deswegen im Frühjahr aus der Untersuchungshaft entlassen. Bei einer Befragung beteuerte der wegen der versuchten Syrien-Reisen Inhaftierte, er bereue seine Pläne, wie am Mittwoch aus Ermittlerkreisen verlautete.

„Ich will wieder mein Leben führen, meine Freunde wiedersehen, heiraten“, sagte er demnach. Die Richterin kam zu dem Schluss, der damals 18-Jährige sei sich „seiner Fehler bewusst geworden“. Dabei hatte sich der junge Islamist während der Untersuchungshaft offenbar keineswegs von der dschihadistischen Ideologie abgewandt. „Er scheint sich während dieses Gefängnisaufenthalts noch weiter radikalisiert zu haben“, hieß es am Mittwoch weiter.

Andeutungen auf Anschlag?

Französische Sender berichteten indes unter Berufung auf Bekannte des jungen Mannes, dass dieser Andeutungen auf seine Pläne gemacht habe. „Er hat gesagt: Ich werde ein Ding in der Kirche von Saint-Etienne machen“, sagte ein Zeuge dem Sender BFMTV. „Beim Leben meiner Mutter, ich habe ihm nicht geglaubt", sagte ein Bekannter dem Radiosender RTL. Ein weiterer führte aus: "Das war ein normaler Junge (...). Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.“

Angreifer trugen Bombenattrappen

Molins gab unterdessen weitere Details zum Tathergang bekannt. Die beiden Angreifer trugen Sprengstoffattrappen, Messer und eine Pistole bei sich. Beim Verlassen der Kirche hätten sie sich mit dem Ruf „Allahu akbar“ („Gott ist unvergleichlich groß“) auf die Sicherheitskräfte gestürzt, bevor sie von den Polizisten vor der Kirche erschossen wurden, sagte Molins Dienstagabend. Einer der beiden Täter habe eine Schusswaffe dabeigehabt.

Einer der Täter trug laut Molins einen falschen Sprengstoffgürtel aus Aluminiumfolie um den Bauch und hatte drei Messer dabei. Sein Komplize hielt eine mit Aluminiumfolie umwickelte Küchenuhr in der Hand. In seinem Rucksack fand die Polizei demnach ebenfalls eine Sprengstoffattrappe.

Verletzter außer Lebensgefahr

Jene Person, die bei der Attacke schwer verletzt worden war, befindet sich nicht mehr in Lebensgefahr. Das 86-jährige Gemeindemitglied war laut Staatsanwaltschaft mit einer Stichwaffe am Hals verletzt worden. Das französische Innenministerium hatte zuvor erklärt, der Mann schwebe „zwischen Leben und Tod“. Der ebenfalls 86-jährige Priester erlitt laut Molins tödliche Verletzungen mit einer Stichwaffe an Hals und Brustkorb.

16-Jähriger in Polizeigewahrsam

Im Zuge der Ermittlungen ist ein Minderjähriger in Polizeigewahrsam genommen worden. Der in Algerien geborene 16-Jährige sei der jüngere Bruder einer Person, die mit internationalem Haftbefehl gesucht werde, sagte Molins. Dieser soll im März 2015 mit den Papieren des identifizierten Angreifers aus der Kirche in das irakisch-syrische Gebiet gereist sein. Die Ermittler führten mehrere Hausdurchsuchungen durch.

Ein französischer Polizist führt einen Mann mit Kapuze und Handschellen ab

APA/AFP/Charly Triballeau

Die Polizei verhaftet eine Person mit möglicher Verbindung zu einem der Attentäter

IS reklamiert Anschlag für sich

Es war das erste Mal in der Geschichte Frankreichs, dass eine Kirche zum Ziel eines Anschlags wurde. Viele Zeichen deuten erneut auf einen islamistischen Hintergrund hin. Dass sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Anschläge in Europa auf die eigenen Fahnen heftet, ist mittlerweile traurige Gewohnheit. So dauerte es auch diesmal nur kurze Zeit, bevor der IS-nahe Nachrichtendienst Amak die Tat für die Terrororganisation reklamierte. Bei den Angreifern habe sich um „zwei Soldaten“ des IS gehandelt.

Zuvor hatte Frankreichs Präsident Francois Hollande bereits die Verbindung zu der Terrormiliz gezogen. Er bezeichnete die Tat als „schändlichen Terroranschlag“. Die Geiselnehmer hätten sich auf den IS berufen, sagte Hollande.

Hollande: „Schändung der Republik“

Später nannte Hollande den Anschlag eine „neue Bewährungsprobe für die Nation“. „Eine Kirche anzugreifen, einen Priester zu töten, das ist eine Schändung der Republik, die die Gewissensfreiheit garantiert“, sagte der Staatschef in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung im Pariser Elysee-Palast.

Er rief das Land zur Einheit auf. „Was die Terroristen wollen, ist, uns zu spalten“, betonte Hollande, der eine für Mittwoch geplante Reise nach Tschechien absagte. Die Regierung werde die in den vergangenen Monaten verschärften Anti-Terror-Gesetze voll anwenden. „Aber ich sage ganz klar: Unsere Rechte zu beschränken, von unseren Verfassungsregeln abzuweichen, würde nicht mehr Wirksamkeit im Kampf gegen den Terrorismus bringen, aber ganz sicher den kostbaren Zusammenhalt unserer Nation schwächen.“

Das Ziel des Anschlags in einer französischen Kirche war nach Ansicht von Premierminister Manuel Valls ein „Krieg der Religionen“. „Wenn sie einen Priester angreifen, die katholische Kirche, dann sieht man gut, was das Ziel ist“, sagte Valls am Dienstagabend in einem Interview. „Die Franzosen gegeneinander aufhetzen. Eine Religion angreifen, um einen Krieg der Religionen zu provozieren.“

Angreifer sollen Tat gefilmt haben

Bereits kurz nachdem ein Notruf bei der Polizei eingegangen war, trafen Dutzende Sicherheitskräfte vor der Kirche ein und erschossen in weiterer Folge die beiden Angreifer. Drei der insgesamt fünf Geiseln konnten laut Polizei unverletzt befreit werden. Der Notruf wurde offenbar von einer der Nonnen veranlasst, die sich während des Angriffs in der Kirche befanden. Sie konnte nach eigenen Angaben fliehen. In einem Interview im französischen Radio schilderte sie die blutige Attacke auf den Priester. „Sie haben ihn auf die Knie gezwungen“, sagte sie dem Sender RMC. „Er hat versucht, sich zu verteidigen, und dann hat das Drama begonnen.“

Laut der Augenzeugin filmten die Täter die Szene. „Sie haben am Altar so etwas wie eine Predigt auf Arabisch gehalten. Es war ein Horror“, sagte die Frau. Sie sei unbemerkt geflohen, als einer der Täter dem anderen ein Messer gereicht habe, sagte die Nonne. Die als „Schwester Danielle“ bezeichnete Frau alarmierte daraufhin nach eigenen Angaben einen Autofahrer. Die Schilderungen der Nonne erinnern an Tötungsvideos des IS, wie sie die Terrormiliz in den vergangenen Monaten im Internet veröffentlichte.

Gedenkmesse in Notre-Dame

Ein Gedenkgottesdienst in der Pariser Kathedrale Notre-Dame erinnerte indes an den ermordeten Priester. An der Messe nahmen am Mittwochabend auch Präsident Francois Hollande und Premierminister Manuel Valls teil, wie der Elysee-Palast auf Twitter mitteilte. Die berühmte Kathedrale im Herzen der französischen Hauptstadt wurde aus diesem Anlass streng bewacht, Besucher mussten ihre Taschen vorzeigen.

In der Vergangenheit wurde immer wieder befürchtet, dass auch Kirchen in Frankreich Ziel von Islamisten werden könnten. Im April 2015 wurde in Paris ein algerischer Student festgenommen, der einen Anschlag auf eine Kirche geplant und eine junge Frau erschossen haben soll.

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