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Keine einheitliche Zielsetzung

Die Offensive zur Befreiung der libyschen Stadt Sirte aus den Händen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat im Mai begonnen. Bei den Streitkräften der libyschen Regierung der nationalen Einheit, die immer mehr Teile von Sirte zurückerobern, handelt es sich jedoch nicht um eine einheitliche Truppe.

Die Streitkräfte der von der UNO unterstützten Regierung setzen sich aus zahlreichen bewaffneten Milizen zusammen. Sie kommen aus mehreren Städten im Westen Libyens und vor allem aus Misrata, das 200 Kilometer östlich von Tripolis liegt und auf halbem Weg zwischen Tripolis und der Heimatstadt des früheren libyschen Machthabers, Muammar al-Gaddafi. Die Milizen aus Misrata sind bestens ausgestattet und verfügen sogar über MiG-Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber.

Viele ehemalige Rebellen

Die Milizen wiederum bestehen aus ehemaligen Rebellen, die 2011 den langjährigen Machthaber Gaddafi bekämpften, bevor er gefangen genommen und getötet wurde. In dem Chaos nach dem Sturz Gaddafis entwickelten sich die bewaffneten Rebellengruppen zu rivalisierenden Milizen, deren Machtkämpfe das Land weiterhin beherrschen.

„Die Truppen, die den IS von Westen und Süden aus angreifen, sind vor allem Milizen aus Misrata und werden auf 2.000 Kämpfer geschätzt“, sagte Emily Estelle, Nordafrika- und Nahostexpertin im American Enterprise Institute in Washington. Tatsächlich starten bei der Offensive zur Befreiung von Sirte die meisten Flugzeuge und Hubschrauber von Misrata aus.

Woher die anderen Kämpfer kommen

Von Osten wird die Offensive von Einheiten unterstützt, die sonst die Erdölanlagen von Ibrahim al-Jodrane bewachen. Bei ihrem Marsch auf die IS-Hochburg Sirte haben sie den Dschihadisten bereits einige Gebiete abgenommen. Die Einheiten, die die wichtigsten Ölhäfen wie Ras Lanouf und al-Sedra kontrollieren, bereiten sich nach Angaben eines Sprechers darauf vor, Sirte von Osten her zu stürmen.

Diese Truppen setzen sich aus antiislamistischen Mitgliedern örtlicher Stämme zusammen. Sie fordern einen Bundesstaat und mehr Autonomie für ihre Region, haben sich aber der Einheitsregierung angeschlossen.

Auch Einheiten der libyschen Armee, die der Regierung der Nationalen Einheit Treue geschworen haben, nehmen an der Offensive teil. Andere Einheiten bleiben hingegen der im Osten des Landes ansässigen Parallelregierung treu. Sie werden vom umstrittenen General Khalifa Haftar angeführt, dessen Sprecher die Regierung der Nationalen Einheit und deren Streitkräfte als „unrechtmäßig“ bezeichnet hat.

„Nicht dieselbe Vision“

Für die gemeinsamen Militäraktionen zur Vertreibung des IS aus Sirte hat die Regierung der Nationalen Einheit ein Militärzentrum in Misrata eingerichtet. Die Tatsache, dass jede Miliz ihr eigenes Kommando hat, sowie die Rivalitäten zwischen den bewaffneten Gruppen machen die Arbeit jedoch zeitweise kompliziert. Derzeit scheint es auf dieser Ebene aber keine Probleme zu geben.

„Die an der Offensive gegen den IS beteiligten Truppen sind nicht vereint unter einer einheitlichen Kommandostruktur und teilen nicht dieselbe Vision für ein Libyen nach dem IS“, räumte Emily Estelle ein. Sie verweist auf die Machtkämpfe seit 2011: Die bewaffneten Milizen, einige von ihnen islamistisch, streiten weiter über ihre Rolle in den einzelnen Städten. Gut möglich, dass es zu neuen Kämpfen kommt.

Was ein Sieg über den IS bedeuten würde

Mit einem Sieg über den IS könnte die von der UNO unterstützte Regierung der Nationalen Einheit von Fajis al-Sarradsch ihre Glaubwürdigkeit in Libyen und im Ausland erhöhen. Seit März im Amt versucht sie derzeit, ihre Macht in Tripolis zu etablieren und das gesamte Staatsgebiet unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Ein Sieg über den IS könnte andere Länder dazu bewegen, Waffenlieferungen zu beschleunigen, um den Aufbau einer starken und einheitlichen libyschen Armee zu erleichtern. Die größte Herausforderung bliebe jedoch die Entwaffnung der Milizen, ohne die das Land weder Sicherheit noch Stabilität erlangen kann.

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