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Wrabetz schreibt ORF-Geschichte

Eines der spannendsten Rennen um die Führung des ORF in der Geschichte des Unternehmens ist entschieden. Alexander Wrabetz konnte sich bei der Wahl für die neue ORF-Führung am Dienstag im Stiftungsrat gegen seinen Herausforderer Richard Grasl durchsetzen. Grasl gratulierte dem Sieger umgehend via Twitter. Mit der dritten Amtszeit in Folge schreibt Wrabetz auch ORF-Geschichte.

Der von der SPÖ unterstützte Wrabetz erreichte am Dienstag im obersten ORF-Aufsichtsgremium 18 von 35 Stimmen und kam auf eine knappe Mehrheit. Grasl holte 15 Stimmen. Wrabetz ist damit der erste ORF-Chef, der dreimal in Folge zum Generaldirektor bestellt wurde. Drei Amtszeiten konnte bisher nur Gerd Bacher für sich verbuchen - allerdings lagen diese nie direkt hintereinander.

Neben den 13 Vertretern des SPÖ-„Freundeskreises“ im Stiftungsrat erhielt der ORF-Chef auch die Stimmen der zwei unabhängigen links stehenden Betriebsräte Christiana Jankovics und Gerhard Moser, die des Kärntner Stiftungsrats Siggi Neuschitzer, des Grünen Wilfried Embacher sowie von NEOS-Stiftungsrat Hans Peter Haselsteiner.

Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis zum Abstimmungsfinish. Im Duell Wrabetz gegen Grasl um die Führung des ORF ab 2017 hat am Ende der Amtsinhaber die Nase im Fotofinish vorn gehabt.

Studiogespräch mit Alexander Wrabetz

Mit seiner Wiederwahl zum ORF-Generaldirektor schafft Alexander Wrabetz den Rekord von drei Amtszeiten hintereinander. Im ZIB2-Interview spricht er über seinen Wahlsieg.

Wrabetz’ Herausforderer Richard Grasl kam auf 15 Stimmen und wurde von 13 Vertretern des ÖVP-„Freundeskreises“ gewählt. Daneben wählten FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger und Team-Stronach-Vertreter Günter Leitold den von der ÖVP favorisierten Kandidaten.

ORF-GD Dr. Alexander Wrabetz

APA/Georg Hochmuth

Das Team von Alexander Wrabetz zeigte sich beim Einzug optimistisch

Die 35 Mitglieder des obersten Gremiums wählten den Generaldirektor, der sein Amt am 1. Jänner 2017 antritt, in nicht geheimer Abstimmung. 18 Stimmen waren für eine Mehrheit notwendig.

Wrabetz betont Wichtigkeit von Social Media in ZIB2

In der ZIB2 sagte Wrabetz bezüglich des knappen Ergebnisses, dass dies vor allem an einem starken Gegenkandidaten aus dem eigenen Haus gelegen habe und dass nicht die Regierung und ihre jeweiligen Vertreter, sondern Unabhängige anderer Parteien schlussendlich den Ausschlag gegeben hätten.

Alexander Wrabetz

ORF

Alexander Wrabetz in der ZIB2 am Abend nach der Wahl

In den letzten beiden Amtsperioden sei viel umgesetzt worden, nun trete man jedoch in eine entscheidende Phase der Veränderung. Mit Phänomenen wie Social Media gäbe es nun Herausforderungen, die sich vor drei Jahren noch gar nicht gestellt hätten. Soziale Medien sind Wrabetz ganz offensichtlich ein besonderes Anliegen, dort gelte es, Dialog mit den Kunden zu schaffen und genau so präsent zu sein wie in klassischen Medien. Im digitalen Bereich liege die Zukunft.

Kein Kommentar zu etwaiger Gebührenerhöhung

Zu einer etwaigen Gebührenerhöhung schwieg er sich aus und wollte dezidiert nichts sagen. Wrabetz verwies lediglich darauf, dass zunächst Finanzpläne ausgearbeitet werden müssten und derlei Pläne nicht am Abend eines langen, harten Wahlkampfs verkündet werden sollten.

Umfangreiche Konzepte bis 2021

Grasl und Wrabetz hatten im Vorfeld beide umfassende Konzepte für die Weiterentwicklung des Unternehmens abgegeben und diese zuletzt auch bei einer öffentlichen Präsentation am Montag vorgestellt. Im Stiftungsrat wurden beide intensiv über die Ausrichtung des Unternehmens in den kommenden fünf Jahren befragt.

Richard Grasl

APA/Georg Hochmuth

Finanzchef Grasl beim Einzug zum Hearing am Dienstag

Hoscher lobt beide Kandiaten

Dietmer Hoscher als Vorsitzender des Stiftungsrates lobte am Dienstag bei der Pressekonferenz nach der Wahl die Konzepte beider Kandidaten: „Beide haben sehr gute Konzepte abgegeben.“ Es seien beide Programme „auf Herz und Nieren geprüft worden“ - mit gut 150 Fragen, die zu den Konzepten beider Kandidaten durch das höchste ORF-Gremium gestellt worden seien. Deutlich machte Hoscher, dass der gesamte Tag sehr konstruktiv und ohne jede Grabenkämpfe abgelaufen sei.

Erleichterter Wrabetz vor den Medien

Der neue alte Generaldirektor freute sich beim Gespräch mit den Medienvertretern: „Es ist wirklich etwas Besonderes und eine große Freude, dass diese Bestellung heute erfolgt ist.“ Er, Wrabetz, werde sich bemühen, „das Unternehmen wieder aus der öffentlichen Debatte heraus zu führen.“ Der ORF müsse strukturell und programmlich weiterentwickelt werden, um auch den Herausforderungen der kommenden Jahr gewachsen zu sein: „Es gibt viel zu tun, und wir fangen möglichst rasch an.“

Im Vorfeld habe er Gespräche mit praktisch allen Mitgliedern des Stiftungsrates geführt. Alle inhaltlichen Differenzen zu jenen, die ihn nicht gewählt hätten, ließen sich überbrücken, so Wrabetz, der sich ebenfalls positiv vom guten Klima der dienstägigen Stiftungsratssitzung überrascht zeigte.

Wrabetz lobte auch den Stiftungsrat: „Dieser ist ein Gremium, das seine Aufgabe sehr ernst nimmt – und der dafür eigentlich öffentlich nicht bedankt wird.“

Grafik zur Wahl des ORF-Generaldirektors

Grafik: APA/ORF.at

Wrabetz: „Ich kann jetzt die Besten aussuchen“

Wrabetz kündigte auch die in der Sitzung beschlossenen nächsten Maßnahmen an, nämlich die Bestellung der künftigen Direktoren und Landesdirektoren, mit denen er am 15. September in die kommende Stiftungsratssitzung ziehen werde.

„Es hat sehr offensichtlich keine Absprachen und Deals in der Regierung gegeben“, so Wrabetz: „Es wurde ja vermutet, dass der ORF Gegenstand von Regierungsverhandlungen war. Es ist erkennbar, dass es das nicht gegeben hat. Es hat keine Vereinbarungen gegeben über die Positionen, die jetzt zu bestellen sind. Ich kann jetzt die Besten, die sich bewerben, aussuchen.“

Er freue sich auf fünf gemeinsame Jahre, die sehr spannend werden würden. „Der ORF ist in einer sehr entscheidenden Phase. Wir müssen die Profile der Programme schärfen, das möchte ich mit der Channel-Struktur schaffen“, so Wrabetz mit Blick auf die Aufgaben. Sein Ziel dabei: „Wir müssen heraus aus den Silos und das multimediale Arbeiten voranbringen.“ Hier seien ganz wichtige Weiterentwicklungen zu setzen.

Wichtig sei ihm auch der Dialog mit dem Publikum. „Wir müssen hinausgehen und uns der Debatte stellen, um ein nachhaltiges Verständnis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schaffen“, zieht Wrabetz Vergleiche zur BBC, die gerade auch ihre Charta neu ausgerichtet habe.

Präsentationen am Vorabend der Wahl

Am Vorabend der Wahl stellten sich beide in ORF III der Präsentation, wobei sie die Eckpunkte ihrer Vorhaben vorstellten. Wrabetz, der nach Losentscheid als Erster auftrat, betonte dabei, dass der „ORF das erfolgreichste öffentlich-rechtliche Medium in Europa“ sei und wirtschaftlich auf stabilen Beinen stehe. „Der ORF soll das digitale Leitmedium der Zukunft bleiben“, sagte Wrabetz. Zugleich soll der Sender in den kommenden Jahren zum „Social-Media-Haus“ werden, die Höhepunkte des Programms sollen über ein neues Hotboard abrufbar sein.

ORF-Chef Alexander Wrabetz

ORF/Thomas Ramstorfer

„ORF fit für die Herausforderungen der nächsten Jahre machen“, betonte Alexander Wrabetz bei seiner Präsentation

Der von der ÖVP favorisierte Grasl plädierte für „Veränderung“ im ORF und an der Unternehmensspitze. Die Medienwelt stehe vor massiven Umbrüchen, der ORF müsse sich in diesem Umfeld „auf das konzentrieren, was er am besten kann: unverwechselbares österreichisches Programm machen“, so Grasl. „Wir brauchen mehr ‚Braunschlags‘ und ‚Vorstadtweiber‘ im Programm.“ Darüber hinaus kündigte er eine „Informationsexplosion“ mit verlängerter Zeit im Bild 1, einem digitalen 24-Stunden-ZIB-Kanal und mehr Talk-Formaten an.

Kaumännischer Direktor des ORF, Richard Gras

ORF/Thomas Ramstorfer

„Raus aus der Komfortzone“, verlangte Richard Grasl für sich und den ORF

Die Eckpunkte des Wrabetz-Programms

Wrabetz will den ORF in der nächsten Geschäftsführungsperiode zum Digital- und Social-Media-Haus weiterentwickeln. „Kern ist die Digitalstrategie. Die nächsten fünf Jahre entscheiden darüber, ob der ORF seine Leitmedienfunktion auch im digitalen Bereich, insbesondere im Social-Media-Bereich, halten kann“, hatte Wrabetz im Vorfeld angekündigt.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz

APA/Georg Hochmuth

Alexander Wrabetz

Wrabetz plant die Installierung eines „Chief Digital Officer“ in der Generaldirektion, der sich um die Onlinestrategie, Neue Medien, Business-Development sowie die Entwicklung neuer digitaler und mobiler Kanäle sowie App-Angebote kümmern soll. Das von Wrabetz medial lancierte Hotboard könnte eine schnellere Orientierung über zentrale Inhalte des ORF in all seinen Standorten bieten und würde dem Publikum zudem ermöglichen, besonders gute Inhalte öffentlich zu favorisieren.

Für ORF eins plant der Generaldirektor eine Neupositionierung, in der auch das Österreich-Programm ausgebaut werden soll. Zugleich sieht Wrabetz’ Konzept eine Stärkung der Infosäule von ORF eins vor. Mit „ORF-eins-to-go“ soll zugleich ein non-lineares Angebot für die Mobile- und Social-Media-Nutzung entstehen. Die Bereiche Information und Unterhaltung sollen laut Wrabetz generell ausgebaut werden: Neue Diskussions- und Talk-Formate, die Erweiterung des Korrespondentennetzes nach Afrika sowie neue Comedy- und Satireentwicklungen werden im Konzept als Beispiele angeführt.

Das Konzept beinhaltet insgesamt 62 neue Programmideen. Ö1 soll, so war in Statements zu lesen, mittels Relaunch weiterentwickelt werden, der ORF insgesamt eine Channel-Struktur bekommen. Neben Ö3, FM4 und ORF III sollen auch ORF eins, ORF2, Online und Ö1 eigene Channel-Manager bekommen.

Grafik zu ORF-Generaldirektoren

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Die Tätigkeiten des ORF

Der ORF ist Österreichs öffentlich-rechtliches Rundfunkunternehmen mit vier Fernsehprogrammen (ORF eins, ORF2, ORF III und ORF Sport +), drei bundesweiten Radiosendern (Ö1, Ö3 und FM4) sowie neun Regionalradios in allen Bundesländern. Im Onlinebereich betreibt der Sender den ORF-Teletext, die Internetplattform ORF.at, die TVthek und eine Reihe von App-Angeboten. Mit seinen vier TV-Kanälen sendet der ORF täglich 96 Stunden Programm. Dazu kommen noch die Beteiligung am internationalen Kultursender 3sat sowie die Kooperation mit Arte. Im Fernsehen erzielte der ORF im Vorjahr einen Marktanteil von 35 Prozent, im europäischen Vergleich zählt man damit zu den stärksten öffentlich-rechtlichen Sendern. Im Radio war der Marktanteil des ORF mit 72 Prozent noch deutlich höher.

Rendering des neuen ORF-Newsrooms

ORF/Riepl Kaufmann Bammer Architektur

Gemeinsamer Newsroom am Standort Küniglberg ab 2021: Dazu bekannten sich beide Kandidaten

Der ORF ist eine Stiftung und „gehört“ der österreichischen Allgemeinheit. An seiner Spitze steht derzeit ein Generaldirektor, unterstützt durch ein vierköpfiges Direktorenteam. 2015 zählte der Sender mit dem ORF-Zentrum am Küniglberg, den Wiener Radiostandorten im Funkhaus und in Heiligenstadt sowie den neun Landesstudios und Korrespondentenbüros 3.370 Mitarbeiter beziehungsweise Vollzeitäquivalente.

Der ORF wirtschaftlich betrachtet

Der Umsatz des ORF betrug im Vorjahr 991 Millionen Euro. 594 Millionen Euro erlöste der Sender dabei aus den Programmentgelten der Rundfunkgebühren, 221 Millionen aus Werbung. Seit 2010 schreibt der ORF auch wieder positive Jahresergebnisse. Mit Unternehmen wie der Sendetechnik-Gesellschaft ORS, dem Werbevermarkter ORF Enterprise und dem Streaming-Portal Flimmit verfügt der ORF auch über eine ganze Reihe von Tochtergesellschaften.

Der ORF agiert auf Basis des ORF-Gesetzes. 2001 und 2010 wurde das frühere Rundfunkgesetz, mit dem 1967 die Ära des modernen öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich eingeläutet wurde, grundlegend geändert. Oberstes Aufsichtsgremium ist seit 2001 der Stiftungsrat (früher Kuratorium), die Hörer- und Sehervertretung wird vom Publikumsrat wahrgenommen. Die Funktionsperiode dieser Gremien dauert vier Jahre, jene des Generaldirektors sowie des übrigen Direktoriums fünf Jahre.

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