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Vom Spätzünder zum Aufklärer

Der Mann, der Dr. Sommer war, ist 2012 im Alter von 85 Jahren verstorben. Er war der Mann, dem sich Tausende Teenager anvertrauten. Für viele ist Dr. Sommer ein Phantom. Seit Jahrzehnten werden unter diesem Pseudonym pubertierende „Bravo“-Leser bei Fragen zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit beraten.

Aber Martin Goldstein, wohnhaft in Kaarst bei Düsseldorf, war kein Phantom. Er war der Mann, der Dr. Sommer war. Es war 1969, als der damalige „Bravo“-Chefredakteur anrief, weil er Goldsteins Aufklärungsbuch „Anders als bei Schmetterlingen“ gelesen hatte. Diesen Autor, der so unverklemmt über Sexualität schrieb, wollte er für sein Magazin. Goldstein hatte nichts dagegen. „Ich wollte Jugendliche direkt erreichen“, sagte er 2002 gegenüber der deutschen Presseagentur dpa und erzählte, wie bald Tausende Briefe eingingen und ein Team hermusste, um sie nach seinen Vorgaben zu beantworten.

Goldstein nahm sein Gegenüber ernst und hörte aufmerksam zu. Wichtig sei ihm damals gewesen, zwischen den Zeilen zu lesen, sagt Goldstein: Was weiß der Briefeschreiber schon, und woher? Braucht er Bestätigung, Trost oder Information? Er schilderte, wie er 17-Jährigen Mut machte, die ihr Glied zu klein fanden, und 14-Jährige unterstützte, die nicht mehr mit ihren Eltern in den Schützenverein gehen wollten.

Kindheit im Nationalsozialismus

Der Bub, der Dr. Sommer werden sollte, hatte selbst keine richtige Jugend. Goldstein verbrachte sein 17. Lebensjahr in einem Zwangsarbeitslager der Nazis und später in einem Waldversteck nahe seiner Geburtsstadt Bielefeld. Seine Angst galt der Gestapo, nicht dem ersten Geschlechtsverkehr. Als er 16 war, galt Goldstein in der NS-Sprache der Nürnberger Gesetze als jüdischer Mischling ersten Grades. Als Lehrling wurde er deportiert. Goldstein brauchte 50 Jahre, um über diese Erlebnisse sprechen zu können. Vielleicht war es ihm deshalb später so wichtig, Worte zu finden für Dinge, über die „man nicht spricht“.

Goldstein wurde zum Aufklärer der Jugend, ohne selbst je aufgeklärt worden zu sein. „Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau“, erzählte Goldstein: „Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge. Diese stinkende Tote traf ich im Präparierkurs.“ Goldstein studierte damals Medizin. Danach wurde er aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Er schloss eine Ausbildung zum Religionslehrer an.

Durch Tabus zum Thema Aufklärung

Es war die Kirche, dank derer sich Goldstein zum ersten Mal mit sexueller Aufklärung beschäftigte: Er sollte untersuchen, wie die „Erziehung zu Ehe und Familie“ in evangelischen Zeitschriften und Seminaren behandelt wurde. Seine Ergebnisse erschütterten ihn: Die Tabus, die seine eigene Pubertät zwischen Gebeten und Begierde zur Qual gemacht hatten, lebten noch immer. Der Jugendbetreuer hatte sein Thema gefunden, und es ließ ihn nicht mehr los.

Aus Mangel an geeigneter Literatur schrieb er selbst welche: „Anders als bei Schmetterlingen“ kam 1967 heraus, das „Lexikon der Sexualität“ 1970. Die „Bravo“-Redaktion wurde aufmerksam: Endlich jemand, der die richtigen Worte fand und auch noch aus der Kirche kam. „Mit dem Rest der Bravo konnte ich mich oft nicht identifizieren, es war ein ständiger Konflikt“, sagte Goldstein.

Tatsächlich war Dr. Jochen Sommer der Gesellschaft um Jahre voraus. 1972 wurden zwei „Bravo“-Ausgaben wegen seiner Serie zum Thema Selbstbefriedigung von staatlichen Jugendschützern beanstandet und auf den Index gesetzt, mit einer Begründung, die Goldstein aus dem Gedächtnis zitierte: „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.“

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