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„Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“

Mit Tratsch über Stars bei einer jungen Zielgruppe Geld zu machen - das ist nicht unbedingt leichter geworden in Zeiten von Social Media. Das Jugendmagazin „Bravo“ hat einen Großteil seiner Leser eingebüßt, hält zum 60-jährigen Jubiläum aber dennoch wacker die Stellung.

Wöchentlich bis zu 1,7 Millionen verkaufte Exemplare, die jeweils im Schnitt durch drei bis vier Hände gingen: „Die Bravo“, zu der man in Österreich „das Bravo“ sagte, war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Pflichtlektüre für junge Teenager, die dazugehören wollten. Fixpunkte waren Modetipps, Sexualberatung (Dr. Sommer), Fotolovestorys, Poster (die legendären „Starschnitte“) und in allererster Linie harmloser Gossip über deutsche und internationale Stars und Sternchen.

Man mag von der kommerziellen Popwelt und einem Massenmagazin für Teenies halten, was man will, aber leicht gemacht hat es sich das Team von „Bravo“ nie. Exklusivgeschichten über Topstars waren tatsächlich solche. Und mit der offenherzigen Sexualberatung rief man die Sittenwächter auf den Plan, zu einer Zeit, als sich viele Eltern mit ihren Kindern noch nicht über Themen wie Verhütung zu sprechen trauten. Anfang der 70er Jahre enttabuisierte der erste Dr. Sommer Martin Goldstein die Selbstbefriedigung, und die staatlichen deutschen Jugendschützer befanden: „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.“

Gossip findet anderswo statt

Damit lässt sich heute keine Revolution mehr machen. Die Auflage von „Bravo“ beträgt gerade einmal etwas über 130.000 Exemplare. Die deutsche Nachrichtenagentur dpa hat Alex Gernandt interviewt, der von 1988 bis 2013 Musikredakteur war und zuletzt auch als Chefredakteur fungierte: „‚Bravo‘ war immer Bindeglied zwischen Künstler und Fan. In Zeiten vor Facebook, Twitter und Instagram musste man als Fan ‚Bravo‘ lesen, um zu wissen, was bei den Lieblingsstars los ist. Heute ist das natürlich völlig anders, weil die Stars alle selbst aktiv sind. Justin Bieber, Miley Cyrus, Rihanna oder auch Fußballstars informieren ja mehrmals täglich über Social Media, was bei ihnen gerade Sache ist.“

Auch das mit der Aufklärung ist so eine Sache. Nicht, dass Zehn- bis 14-Jährige seriöse Tipps in Bezug auf Sex heutzutage nicht nötig hätten - aber vielen Lesern von Dr. Sommer ging es stets um den voyeuristischen Kick. Und der ist auch für Zwölfjährige im Netz nur einen Klick weit entfernt. Wozu mit roten Wangen heimlich bei Dr. Sommer über Petting lesen, wenn man genauso gut Analsexvideos anschauen kann? Den „Bravo“-Ratgebern bleibt es dann, das fragwürdige Bild von Frauen und von Sexualität, das im Netz mitunter vermittelt wird, wieder geradezurücken.

„Bravo“ und die Emanzipation

Aber auch da geht in Social-Media-Zeiten schnell etwas schief. Einen veritablen Shitstorm fing sich „Bravo“ für folgende Story ein: „So fällst du Jungs auf: 100 Tipps für eine Hammerausstrahlung.“ Unter anderem hieß es: „Imitiere seinen Style! dein Schwarm trägt am liebsten Grün? Zieh dir auch grüne Sachen an.“ Unter dem Hashtag #flirtennachbravo wurde das Magazin nicht nur durch den Kakao gezogen, sondern für seinen altbackenen Sexismus auch hart und treffend kritisiert. Eine @FrauMaja twitterte: „Regel 1 - 99: Verbiege dich komplett, um den Jungs zu gefallen. Nur dann bist du was wert. Regel 100: Sei du selbst.“

Das „Bravo“-Team ruderte zurück, nahm den Artikel schon einen Tag nach seinem Erscheinen aus dem Netz und veröffentlichte auf Facebook eine kurze Stellungnahme: „Tatsächlich sind einige der Tipps absolut unglücklich, und insgesamt genügt der Beitrag nicht dem Qualitätsanspruch, den wir an uns selber stellen.“ Seither ist die Berichterstattung ein wenig zum Eiertanz geworden. Online zeigt man aktuell etwa ein Video, in dem erklärt wird, wie wichtig ein sexy Hintern bei Mädchen für Jungs ist, schreibt jedoch im Einleitungstext: „Aber eines solltest du NIE vergessen: Am ENDE ist es wirklich egal, wie dein Hintern, wie groß oder klein deine Brüste sind - für jeden Topf gibt’s einen Deckel, und es zählt nur, wer du bist. Und DU bist so toll, wie du bist.“

Was ist das für 1 Life?

Zum Qualitätsanspruch gehört es auch, immer ganz nah am Puls der Zeit zu sein und Jugendsprache entweder aufzugreifen oder selbst zu prägen. Gefühlt 100-mal war „Zoff mit der BFF?!“ vor ein paar Jahren auf der Titelseite zu lesen, sprich: Streit mit der besten Freundin, dem besten Freund („Best Friends Forever“), wenn wieder einmal ein Teenie-Star ohne einem anderen Teenie-Star beim Shoppen gesichtet wurde. Ganz zu schweigen von den Fotolovestorys: „Aber unser Swag reicht für 1.000!“ oder „Was geht ab, ihr Splasher? Alles normal im Life?“ oder „Hübsch, die Neue. Nur blöd, dass sie so durchgeknallt ist! Emos machen doch Schluss, wenn ’ne Beziehung glücklich ist, oder?“

Die Fotolovestorys haben es der Onlinegemeinde überhaupt angetan. Auf der Facebook-Seite „BRAVO Fotolovestory Best of“ werden Blüten von einst und jetzt gesammelt (ob auch Fakes darunter sind, ist nicht ganz klar). Manchmal darf man über das Zeitkolorit lachen, oft aber sind einfach die Laiendarsteller oder die Dialoge unfreiwillig komisch. Bis zu 5.000 Likes bekommen die besten Ausschnitte aus den Bildgeschichten.

"Bravo"-Cover

AP/Uwe Lein

Rechts im Bild: Die erste Ausgabe von „Bravo“

„Vorgefertigte Antworten“ von Dr. Sommer

Bei aller Verballhornung, bei allem Leserschwund hält die Bauer Media Group am Prinzip „Bravo“ fest, wenn auch mit Einschränkungen und schmerzhaften Einsparungen. So erscheint das Heft nur noch alle zwei Wochen, und beim Dr.-Sommer-Team wurde die Teamleiterin eingespart. Die schlug zurück, indem sie bekanntmachte, dass die Fragesteller nun „häufig vorgefertigte Antworten“ vorgesetzt bekämen. Das Dementi des Verlages klang wie eine Bestätigung: „Die Anfragen werden in der Regel persönlich beantwortet.“

Das „Bravo“-Team muss also kleinere Brötchen backen, zumindest so lange, bis sich mit Onlinejournalismus ernsthaft Geld verdienen lässt. Denn eigentlich ist „Bravo“ online erfolgreich, wie die aktuelle Chefredakteurin Nadine Nordmann gegenüber der dpa betont: „Es gibt keine andere Medienmarke in Deutschland, die auf Instagram, Snapchat, Musical.ly, Facebook, Twitter, WhatsApp und YouTube so viele Follower hat wie wir: über 1,2 Millionen Fans bei Facebook, mehr als 260.000 auf Instagram und über 200.000 auf Twitter.“

Im Web setzt man auf bewährte Rezepte wie den Trend zur nummerierten Liste. „11 versteckte Liebesbeweise, die ER dir täglich macht!“ und „Liebeskummer: Diese 7 Sätze will dann NIEMAND hören!“ Catchwords und zentrale Phrasen wie „Arschloch der Klasse“ werden in Artikeln gelb unterlegt.

YouTube machen im Heftl

Und auch im Heft selbst greift man Onlinetrends auf. Die jüngste Ausgabe (übrigens die 3.079.) des Heftes zieren mit den Lochis die Stars von heute: YouTuber. „Stars aus den Sozialen Medien sind die Idole der heutigen ‚Bravo‘-Generation“, sagt Nordmann. „Unter den Top 20 der beliebtesten Stars sind sechs YouTuber, Superstar Bianca Heinicke (‚BibisBeautyPalace‘) liegt gleich auf Platz zwei der aktuell beliebtesten ‚Bravo‘-Stars.“ Was hätte wohl der groß in der ersten Nummer 1956 gefeierte Star zu „Bibi“ gesagt? Das war Karlheinz Böhm, der „Sisi“-Star und späterere Afrika-Helfer.

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