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Pressefoyer als Spiegel der Kanzlerschaften

Gewöhnlich wird in der SPÖ alles hochgehalten, was mit Bruno Kreisky zu tun hat. Eine Tradition des roten „Sonnenkönigs“ wird nun von seinem Nachfolger Christian Kern beendet. Das Pressefoyer nach dem Ministerrat mit dem Kanzler ist nicht mehr. Die heutige Regierungsspitze findet es nicht mehr zeitgemäß, sich einmal wöchentlich kritischen Journalistenfragen zu stellen.

Das Presse-„Debriefing“ nach der Regierungssitzung, das künftig nur noch die Regierungskoordinatoren bestreiten, geht eben in die Ära Kreisky zurück. Als erster Bundeskanzler erkannte er die Chance der Medieninszenierung und empfing ab 1971 Journalisten im Ecksalon des Kanzleramts. Höfliche Fragen ließ er sich gefallen, andere eher nicht. Oft zitiert wurde etwa der Ausspruch vom Frühjahr 1981: „Lernen Sie Geschichte!“

Bruno Kreisky nach dem Ministerrat 1979

picturedesk.co/ÖNB-Bildarchiv

Kreisky nach dem Ministerrat

Ungeliebte kritische Fragen

Fred Sinowatz (SPÖ) schätzte die Nähe der Medien weniger. Er ging auf Distanz und legte sein Foyer am Tisch im kleinen Ministerratssaal als formelle Pressekonferenz an.

Fred Sinowatz, Norbert Steger und Ferdinand Lacina

picturedesk.com/APA-Archiv/R.Jäger

Sinowatz mit sichtlich begrenzter Lust auf das Pressefoyer

Franz Vranitzky (SPÖ) setzte ab 1986 wieder auf ein „Stehfoyer“, auch wenn ihm die Nähe der Medienvertreter und vor allem ihre Fragen mitunter hörbar auf die Nerven gingen - auch weil sich ab dieser Zeit nur noch wenige an die Gepflogenheit halten wollten, nur willkommene und teils vorher abgesprochene Fragen zu stellen.

Vizekanzler Wolfgang Schüssel im Gespräch mit Bundeskanzler Franz Vranitzky während des Ministerrats 1995

APA/Robert Jäger

Schüssel, hier noch als Teil von Vranitzkys Kabinett

Auch Vranitzkys Nachfolger Viktor Klima (SPÖ) machte anfangs ein „Stehfoyer“, bereitete dem - beraten von „Spin-Doktoren“ - aber 1998 ein Ende. Gefragt war ab nun die vermeintlich perfekte TV-Inszenierung: Klima verlegte seinen Auftritt in den Kongresssaal des Kanzleramts und baute sich fortan hinter einem Stehpult auf - eine rote Kordel sorgte für Distanz zu Journalisten und Kameras. Klima musste der schwarz-blauen Koalition weichen, das Stehpult blieb.

Bundeskanzler Viktor Klima während des Ministerrats 1998

APA/Hans Klaus Techt

Klima stand aufs Stehpult

Schwarz mit Blau im Schlepptau

Im Februar 2000 brachte die schwarz-blaue Koalition ein Novum: Kanzler und Vizekanzlerin traten erstmals gemeinsam auf - zuvor hatten sich die Koalitionspartner mit eigenen Pressekonferenzen vor oder nach dem Kanzler bescheiden müssen. ÖVP und FPÖ wollten mit dem „Doppelfoyer“ sowohl den „Schulterschluss“ gegen die EU-Sanktionen als auch die neue Harmonie nach dem großkoalitionären Gezänk demonstrieren.

Bundeskanzler Wolfgang Schuessel und Vizekanzler Herbert Haupt während des Ministerrats 2003

APA/Hans Klaus Techt

Unendliche Weiten nach dem Ministerrat

Unterbrochen wurden die gemeinsamen Pressekonferenzen nur, als der FPÖ-intern unter Druck geratene Vizekanzler Herbert Haupt seine Auftritte 2003 ins Vizekanzleramt verlegte. Schüssel selbst reagierte auf ungenehme Fragen zwar mitunter recht barsch, stellte sich dem wöchentlichen Ritual aber gemäß seinem Motto: „Egal, was Sie mich fragen, ich sage das, was ich mir vorgenommen habe.“ Für Lacher sorgte zwischendurch ein klobiger Tisch, hinter dem sich Schüssel und Haupt verschanzten - ein „Raumschiff“, spöttelten die Journalisten, das bald wieder verräumt wurde.

Zusammen, auseinander, zusammen

Auch nach der Neuauflage der Großen Koalition 2007 wurde das gemeinsame Pressefoyer beibehalten - zwischenzeitlicher Liebesentzug inklusive: Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) und sein Vize Wilhelm Molterer (ÖVP) traten anfangs gemeinsam vor die Medien, nach einem Konflikt um die Steuerreform bestand der SPÖ-intern unter Druck geratene Gusenbauer auf getrennten Auftritten. Im März 2008 rauften sich SPÖ und ÖVP zwar wieder zusammen, aber nur kurz: Keine vier Monate später beendete Molterers „Es reicht!“ die Koalition.

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und Vizekanzler Wilhelm Molterer während des Ministerrats 2008

APA/Roland Schlager

Betonte Herzlichkeit bekam man ohnehin selten zu sehen

Stehend, sitzend, mit Pult und ohne

Werner Faymann (SPÖ) kehrte dann zum gemeinsamen Auftritt zurück: zuerst - mit Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) - sitzend an einem Tisch, dann - mit Michael Spindelegger und in weiterer Folge Reinhold Mitterlehner (ÖVP) - wieder an Stehpulten. Daran änderte sich in fast acht Jahren wenig. Aufregung gab es nur, als sich das Regierungsduo überlegte, dass mitunter Fachminister an ihre Stelle treten könnten. Der Protest der Presse war groß, der Plan wurde wohl auch aus anderen Gründen nach einigen kümmerlichen Versuchen wieder ad acta gelegt.

Da nach der Ära Faymann alles neu werden sollte, durfte auch eine Neuinszenierung des Ministerrats nicht fehlen. Kern übersiedelte das Foyer in den Steinsaal, wo traditionell die Medienvertreter vor der Regierungssitzung den Ministern auflauern. Zunächst ohne Pulte, später mit, dann wieder ohne versuchten Kanzler und Vizekanzler der Medieninfo neuen Schwung zu verleihen. Gefallen haben Kern/Mitterlehner die Auftritte offenbar nicht. Statt eines Foyers soll es nun öfter themenbezogene Hintergrundgespräche mit dem Kanzler geben.

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