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Gerüchtestreuen ist „keine Laienarbeit“

Der Endspurt zur Hofburg-Entscheidung dürfte den bisher einigermaßen zivilisierten Wahlkampf anpatzen. Dass der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen mit ärztlichen Attesten Gerüchte über eine Krebserkrankung niederkämpfte, hat für heimische Wahlkämpfe eine neue Qualität und dürfte doch nur der Anfang eines ziemlich schmutzigen letzten Monats vor der Bundespräsidentschaftswahl sein.

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Auch Van der Bellens Wahlkampfmanager Lothar Lockl meinte bei der Präsentation der Atteste, vier Wochen vor der Stichwahl würden zunehmend Grenzen überschritten. Die FPÖ, deren Kandidat Norbert Hofer am 2. Oktober erneut gegen den ehemaligen Grünen-Chef antritt, bereite diesem Klima mit vielen abwertenden Äußerungen den Boden, kritisierte er. Neu ist die Taktik nicht: Auch Ex-Bundespräsident Heinz Fischer musste sich 2004 und 2010 gegen entsprechende Gerüchte wehren.

„Wahl zwischen Pest und Cholera“

Dass Gerüchte wohl nur dann ins Spiel kommen, wenn man nichts Handfestes und Sachliches gegen einen Kandidaten aufbringen kann, ist für die Betroffenen nur ein schwacher Trost - denn sie erfüllen ihren Zweck. Damit konfrontiert, habe man nur die „Wahl zwischen Pest und Cholera“, meinte Kommunikationsberater Stefan Sengl am Mittwoch etwa in der ZIB2: „Ignoriert man es, läuft es einfach weiter - greift man es auf, wird es natürlich ein Thema.“

Van der Bellen legt Befunde offen

Aufgrund der Gerüchte über eine Krebserkrankung hat Alexander Van der Bellen seine Befunde offengelegt. Er sei kerngesund, sagte sein Arzt. Aber wie geht man mit anonymen Sudelkampagnen im Internet um?

Die Social-Media-Expertin Judith Denkmayr empfiehlt Opfern von Gerüchten einen Konter mit Fakten als „in dem Moment das Einzige, was man noch tun kann“, sagte sie in der ZIB 24 am Mittwoch. Auch das werde aber nur bedingt helfen. Sie teilte damit Sengls Meinung. Auch die Gerüchte über Van der Bellens Gesundheitszustand würden nun wohl „vorsätzlich leicht verändert weiterverbreitet“. Das sei keine „Laienarbeit“, sondern „in gewissem Sinn Propagandakrieg“.

Social-Media-Expertin zur Mythenbildung im Internet

Jeder Social-Media-Nutzer könne etwas gegen Mythenbildung tun, indem er die Quelle von Gerüchten hinterfragt, sagt die Expertin Judith Denkmayr.

Bei den Gerüchten handle es sich um „vorsätzliche Desinformation“, sagte Denkmayr. Allein die Muster der Verbreitung belegten, dass es sich dabei nicht um Eigendynamik handle. So würden zur Befeuerung der Gerüchte eigens „in großen Mengen Fake-User aufgebaut“. Die Zurückverfolgung zu den Urhebern und der Nachweis beabsichtigten „Dirty Campaignings“ ist in den meisten Fällen unmöglich.

Hofer prangert „Hasspostings“ an

Hofer und die FPÖ konterten nach Van der Bellens Schritt in die Öffentlichkeit jedenfalls mit Klagen darüber, dass man selbst Opfer von „Hass im Netz“ sei. Bemerkenswert dabei: Van der Bellen, dessen Team zuvor Mordaufrufe gegen seine Person öffentlich gemacht hatte, wurde nur zugestanden, dass er sich über Postings „aufgeregt“ habe, wie FPÖ-Parlamentssprecher Martin Glier gegenüber dem „Standard“ (Donnerstag-Ausgabe) sagte.

Mordaufrufe waren bei den von Hofer geltend gemachten „Hasspostings“ freilich nicht dabei. Vielmehr verbreitete Hofer am Donnerstag etwa einen Twitter-Kommentar, wonach er seine „selbst verursachte Behinderung“ wahlkampftechnisch „ausschlachtet“. Nur wenigen fiel dabei auf, dass der ursprüngliche Tweet schon vier Monate alt war und just zu jenem Zeitpunkt weiterverbreitet wurde, an dem die Morddrohungen gegen Van der Bellen Thema waren.

Nächste Runde an Gerüchten schon gestartet

Neue Gerüchte von Van-der-Bellen-Gegnern stehen ebenso schon bereit. In dem FPÖ-nahen Medium Unzensuriert.at wurde ein Foto eines Lieferwagens und eines Werbefahrzeugs mit slowakischem bzw. deutschem Kennzeichen verbreitet. Man habe Van der Bellen damit mit „ausländischen Helfern (...) in flagranti“ erwischt und seine „im Wahlkampf zelebrierte ‚Heimatliebe‘ ins Wanken gebracht“, hieß es im Begleittext.

Auch diesen Vorwurf erwiderte Van der Bellens Wahlkampfteam gegenüber der Zeitung „Österreich“: Es handle sich um österreichische Wahlkampfteams, die Fahrzeuge von österreichischen Vermietern nützten. Da es im Moment allerdings Engpässe gebe, bekomme man hin und wieder auch Fahrzeuge aus internationalen Fahrzeugbeständen der Vermieter. Unzensuriert.at konnte in dem Dementi nur erkennen, dass „Österreich“ den eigenen „Exlusivbericht“ „übernommen“ habe.

„Opfer“ FPÖ

Dass ausländische Plakatierer im Wahlkampf beauftragt werden, kam tatsächlich schon vor - nämlich bei der FPÖ im burgenländischen Landtagswahlkampf letztes Jahr: Dort waren es ungarische Arbeiter, die just Slogans wie „Heimische Könner statt Ost-Dumpinglöhner“ affichierten, und zwar in diesem Fall ohne jeden Zweifel. Die Reaktion der FPÖ damals: Dass die beauftragte österreichische Firma Ungarn beschäftigt habe, sei eben genau das, was man bekämpfe. Die FPÖ sei in dem Fall „das Opfer“ gewesen.

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