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Über 400 Interviews

Kaum ein Ort ist so eng mit dem islamistischen Terror in Europa verbunden wie Molenbeek. Spätestens nach den Pariser Anschlägen im November vergangenen Jahres gilt die Brüsseler Gemeinde als Hort extremer Islamisten. Viel wurde zu Molenbeek gesagt und geschrieben, düstere Bilder gezeichnet, Erklärungsansätze und Verantwortliche gesucht. Nur die Bewohnern selbst ließ man dabei meistens unberücksichtigt.

„Die Menschen reden über Molenbeek, aber nicht mit Molenbeekern“, sagt Martin Griffith. Der ehemalige britische Diplomat ist seit zwei Jahren geschäftsführender Direktor des European Institute of Peace (EIP), einer NGO, die nun genau das getan hat: mit den Molenbeekern geredet. Anfang September stellte das EIP seine Ergebnisse im Brüsseler Ausschuss der Regionen vor.

406 Interviews hätten er und seine Kollegen in den beiden Molenbeeker Bezirken Quartier Maritime und Centre Historique geführt, sagt Amr Ahmed Abdo, einer der Forscher hinter der Studie. Ziel sei es gewesen, die Gesellschaft möglichst in ihrer Gesamtheit abzubilden. Diese besteht in den beiden Bezirken zu großen Teilen aus Menschen, die selbst erst nach Belgien kamen oder Kinder von Einwanderern sind. Die meisten stammen aus Nordafrika. Nur rund 25 Prozent haben belgische Wurzeln.

„Keine Beweise für ‚No-Go-Zonen‘“

Wenn in den vergangenen Monaten über Molenbeek berichtet wurde, war oftmals die Rede von einem „Terrornest“ oder einer „Brutstätte des Terrors“. Sogar die Berliner „TAZ“ bezeichnete das Stadtviertel als eine „Art rechtsfreier Raum“. Jene, die dort leben, sehen das offenbar anders. Es liegt nahe, dass Bewohner einer Gegend nicht besonders glücklich sind, wenn diese als Hort des europäischen Terrors dargestellt wird. Wie groß die Ablehnung der medialen Berichterstattung tatsächlich ist, erstaunt dennoch: 85 Prozent der Befragten widersprachen der Darstellung in den Medien „vollkommen“ oder in Teilen.

Obsthändler in Molonbeek

APA/AFP/Emmanuel Dunand

Die Molenbeeker haben mit den Berichten über ihre Gemeinde keine Freude

Oft war in den Medien von der prekären Sicherheitslage die Rede, Experten sprachen von Gebieten, in die sich nicht einmal mehr die Polizei wagen würde. Sicherheitsbedenken seien für die Bewohner selbst aber gar nicht vorrangig, sagt Abdo. Nur fünf Prozent der Befragten nannten Sicherheit als größtes Problem. Und noch weniger – nämlich nur vier Prozent – sahen den Terrorismus als das drängendste Thema.

Mehr Polizeipräsenz würden die Molenbeeker laut der Studie dennoch begrüßen. „Wir sehen keine Beweise für die Existenz von ‚No-Go-Zonen‘, wo die Polizei nicht operieren kann. Vielmehr sehen wir eine Gemeinschaft, welche die Polizei einlädt, näher zu kommen“, schreiben die Studienautoren in ihrem Vorbericht.

Soziale Isolation als Triebfeder für Terror

Also, alles gut in Molenbeek? Würde die EIP-Studie das behaupten, wäre die Kritik zweifellos groß. Aber tatsächlich tut die NGO das auch nicht, das könnte sie auch gar nicht. Schon die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 47 Einwohner Molenbeeks reisten seit dem Ausbruch des Syrien-Konflikts in das Land. Mehr als jeder zehnte belgische Kämpfer kommt damit aus der Gemeinde. Dementsprechend lautete auch die Hauptfrage der Studie: Was sind die sozialen Muster in der Gemeinde, die eine Radikalisierung hin zu einem gewalttätigen Extremismus ermöglicht haben?

Die NGO meint darauf eine Antwort gefunden zu haben: „Der vermeintliche Mangel an Möglichkeiten und die soziale Isolation“ seien der Hauptgrund für das “Aufkommen von gewalttätigem Islamismus in Molenbeek”, heißt es in dem Vorbericht zur Studie. Das ist einmal wenig überraschend. Dass Radikalismus vor allem in gesellschaftlich ausgegrenzten Gruppen entsteht, ist so etwas wie eine sozialwissenschaftliche Binsenweisheit.

Molenbeeker ist nicht gleich Molenbeeker

Interessant ist jedoch, wie und wo die Bewohner Molenbeeks Ausgrenzung und Diskriminierung erleben. So zeigte sich, dass sich Bewohner mit nordafrikanischen Wurzeln in Molenbeek selbst kaum diskriminiert fühlen - dafür aber, wenn sie die Gemeinde verlassen.

Karte vom EU-Viertel und Molenbeek in Brüssel

Grafik: Omniscale/OSM/ORF.at

Bei den Bewohnern mit belgischer Abstammung ist das Bild laut den Forschern genau umgekehrt. Sie gaben an, vor allem in Molenbeek selbst Diskriminierung zu erfahren. Es passt ins Bild, dass die nordafrikanischen Bewohnern vor allem unter sich bleiben. Viele gaben sogar an, dass sich ihre sozialen Kontakte fast ausschließlich auf die eigene Familie beschränken.

Ausbildung ohne Wert

Eng mit Diskriminierung und Ausgrenzung verwoben ist die größte Sorge der Bewohner: die ergebnislose Suche nach Arbeit. In einer Gemeinde, in der die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei fast 50 Prozent liegt, verwundert das nicht. In Molenbeek gesellt sich dazu noch Resignation. “Viele junge Molenbeeker, vor allem mit nordafrikanischen Wurzeln, sehen keinen Wert in einer Ausbildung, da sie glauben, dass sie ihnen auf dem Arbeitsmarkt nicht hilft”, so die Studienautoren. Viele seien der Meinung, wer einen ausländischen Namen und eine Molenbeeker Adresse habe, habe ohnehin keine Chance.

Häuser in Molenbeek

APA/AFP/Thierry Monasse

Trübe Zukunftsaussichten für viele junge Molenbeeker

Eine brisante Erkenntnis, die eine große Frage aufwirft: Wie holt man jemanden zurück in die Schule, an den Ausbildungsplatz, letztlich zurück in die Gesellschaft, der kein Vertrauen mehr in diese hat. Bisher scheint in Molenbeek die Antwort darauf gelautet zu haben: gar nicht. „Viele junge Einwohner Molenbeeks haben tiefgehende Fragen (...), aber finden zurzeit zu wenig Unterstützung der Behörden und der lokalen Verwaltung“, heißt es im Vorbericht der Studie.

„Politik der Nähe“

Man könnte darin einen direkten Handlungsauftrag an Francoise Schepmans, Bürgermeisterin von Molenbeek, erkennen. Sie hat die Studie in Auftrag gegeben. An ihr und ihren Behörden ist es nun, die Ergebnisse in politische Maßnahmen zu überführen. Wie die im Detail aussehen werden, lässt die Bürgermeisterin noch offen. Nur so viel: Politik und Verwaltung werden versuchen, mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellen Kontakt aufzunehmen. Ziel sei eine „Politik der Nähe“, sagt sie.

„Man hat geglaubt, das (der gewaltsame Extremismus, Anm.) ist ein Randphänomen, das bald wieder verschwinden wird“, so Schepmans. Dass dem nicht so ist, haben die vergangenen Monate gezeigt - nicht nur in Molenbeek. Ob es gelingen wird, den Extremisten das Wasser abzugraben, werden frühestens die kommenden Jahre zeigen. Das neue Schlagwort von Schepmans und ihren Kollegen heißt nun jedenfalls Prävention - also Extremismus verhindern und nicht im Nachhinein bekämpfen. Die wissenschaftlich gesammelten Stimmen aus Molenbeek sollen hierzu ein Werkzeug sein.

Mehr als eine Frage der Gewalt

Das mag auch hilfreich sein, wenn es um mehr geht als die Prävention von Gewalt - etwa um die Frage, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Vorstellungen und Ansprüchen miteinander leben können. Dass hier abseits extremistischer Gewalt noch andere Fallstricke warten, macht die Molenbeek-Studie ebenfalls deutlich.

Die Forscher berichten etwa von „strengen konservativen Normen“, die innerhalb der nordafrikanischen Gemeinschaft in Molenbeek herrschen. Wer von diesen abweiche, dem drohten Konsequenzen. „Das zeigt sich bei den wenigen marokkanischen Atheisten, mit denen wir gesprochen haben. Sie berichteten von Misshandlungen und Ausgrenzung durch ihre Kollegen, nachdem sie offen darüber gesprochen haben“, schreiben die Autoren.

Ebenso hätten Muslime von vermehrten Feindseligkeiten berichtet. Wie eine Gesellschaft mit solchen Herausforderungen umgeht, ist eine Frage, die weit über den Brüsseler Stadtteil hinausgeht. Was nicht heißt, dass sich nicht genau in Brennpunkten wie Molenbeek Antworten finden lassen.

Martin Steinmüller, ORF.at, aus Brüssel

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