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„Lennon hasste das ganz offen“

Die Beatles haben längst nur noch die Beatles gespielt - aber sie waren es nicht mehr, als sie 1966 vor einem nur mäßig gefüllten Stadion in den USA ihr letztes kommerzielles Konzert gaben. Der Weg von den orgienhaften Dauertourneen zum erzwungenen Showbiz-Act war steinig, auch wenn Außenstehende nichts davon ahnten.

Anfang der 1960er hatten die Beatles alles. Sie saßen auf dem Thron und die Beatlemania war der hysterische und kreischende Ausdruck der Bewunderung der jungen Fans. Für die Erwachsenenwelt war das oft unverständlich – und genau so sollte es auch sein.

Eindrücke vom Beatles Konzert im Candlestick Park, San Francisco

AP/Fred Pardini

Eindrücke vom letzten Beatles-Konzert

Von außen sah alles glamourös, romantisch und aufregend aus, sagte Beatles-Biograf Philip Norman im Gespräch mit ORF.at: „Man wollte am liebsten mit einem von ihnen tauschen. Einmal die gleiche Anhimmelung erleben. Es schien mir einfach undenkbar, dass ihnen dieser Rummel nicht gefallen konnte. Doch genau das war es: Es hat ihnen nicht gefallen. John Lennon hat das Ganze sogar offen gehasst.“

„Es war eine widerliche Demütigung“

Von innen blickten die Beatles nämlich mit wachsender Abscheu auf den Zirkus rund um die Band. „Es war eine widerliche Demütigung“, sagte John Lennon später. „Man muss sich total erniedrigen, um das zu sein, was die Beatles waren.“ Dabei hatten die vier zu Beginn ihrer Karriere gute Erfahrungen mit Tourneen gemacht. Vor ihrem Durchbruch tingelten sie mit anderen Bands wie den Rolling Stones und den Hollies als großer Zirkus durch Großbritannien. Lennon und McCartney fühlten sich wohl. So sehr, dass sie freimütig ihre Kompositionen an befreundete Musiker weitergaben.

Erst Brian Epstein ersetzte die Ferienlagerstimmung durch ein straff geplantes Showkonzept. Professionell und kalkuliert. „Epstein beendete dieses Kapitel und machte die Beatles zu einer Showbiz-Truppe“, sagte Norman über den cleveren Manager. „Das war keine Rockkultur mehr. Vor allem unmittelbar nach Epsteins Übernahme waren die Beatles einfach Bestandteil der Welt des Showbusiness.“

Brian Epstein als Motor des Wandels

Die Übernahme des Managements durch Epstein markierte für die Beatles als Liveband eine Wende. Lennon sah das ähnlich wie Norman: „Der Durchbruch war geschafft, aber dafür war der Biss raus“, sagte er über die Phase rund um das Jahr 1963 noch vor den riesigen Tourneen. „Die Musik war schon tot, bevor wir auf die große England-Tournee (1963, Anm.) gingen.“ Nacht für Nacht spielten sie die gleichen Sets, kompakt, kurz, voller Hits. In 20 Minuten war alles vorbei. Konzerte dauerten damals selten länger, weil ja mehrere Bands am selben Abend auftraten. Außerdem wollte Epstein, dass die Fans „hungrig“ nach Hause gingen und dann die Platten kauften.

Ab Ende 1963 konnten die Beatles sich selbst bei ihren Auftritten nicht mehr spielen hören wegen des Gekreisches der Fans. Das sollte noch gute drei Jahre so weitergehen. Im August 1964 gingen die Beatles erstmals auf US-Tour. 30 Konzerte in 23 Städten. Jeden Abend 10.000, 15.000, 20.000 Besucher. Beatles-Biograf Norman sieht diese Tourneen als Gelddrucklizenz ohne jegliche Skrupel. „Es ging um Merchandising. Darum, Beatles-Produkte an die Fans bringen. Das gab’s zwar auch schon bei Elvis, aber nicht in diesem Ausmaß. Dabei hätte das Merchandising noch viel enormer sein können, wenn sie es nicht Mitte der 1960er Jahre an die Wand gefahren hätten. Die Leute kauften jedenfalls alles - und das hat es so zuvor noch nicht gegeben.“

„Fellinis Satyricon“ on tour

Die Beatles konnten ihr Dasein als popkulturelle Konfektionsware nur im Rausch durchstehen. Kaum 20 Jahre alt mussten sie ihre Bedürfnisse und Gefühlsausbrüche für sich behalten – das gute alte englische „keeping up appearances“, die Wahrung des Scheins, gehörte untrennbar zum Spiel. In Wahrheit spielten sich „Orgien“ ab, so Lennon. „Die Tourneen der Beatles liefen ab wie ‚Fellinis Satyricon‘“. Pillen wurden eingeworfen, Nächte als Auszeit von der Öffentlichkeit gefeiert und durchgemacht. „Wenn wir keine Groupies kriegten, holten wir uns Nutten und so, was gerade angesagt war.“

Schon zu ihrer Hamburger Zeit hielten die Beatles den Anforderungen endloser Konzertserien nur mit Hilfe von Speed stand. Im Februar 1961 traten sie erstmals im Cavern Club in Liverpool auf. Noch ein Jahr davor undenkbar, der Club war für Jazz reserviert, doch die Zeiten änderten sich. So dramatisch, dass die Beatles auf dem Höhepunkt der kollektiven Trunkenheit der Beatlemania wie Götter verehrt wurden. Ihre vermeintlich heilende Aura war ein höchst begehrtes Gut. „Ständig wurden Kinder in Rollstühlen direkt vor die Bühne geschoben“, sagte Norman.

Eindrücke vom Beatles Konzert im Candlestick Park, San Francisco

AP

Die Beatles bei ihrer Ankunft in San Francisco

„Dabei hatte John eine krankhafte Angst vor körperlicher Behinderung. Er wurde richtig panisch durch die Rollstühle vor der Bühne. Am Ende wurden diese armen Kids auch noch bis in die Garderobe geschoben, als ob die Beatles sie heilen könnten. Es war schrecklich.“ Lennon sagte selbst später in Interviews, wie sehr er darunter gelitten hatte.

Nur raus hier – die Beatles ziehen sich zurück

Die Beatles hätten genug vom Teenie-Gekreische und zogen sich ins Studio zurück, um ihre komplexer werdenden Ideen verwirklichen zu können. So oder so ähnlich wird das Ende der Beatles als Liveband traditionell gerne zusammengefasst. Doch nur das ohrenbetäubende Gekreische zu kritisieren und somit die Fans als Spielverderber zu brandmarken, wäre zu wenig. Die Popwelt war in Bewegung geraten. Das Albumformat löste die Single ab, und das Studio wurde als Instrument entdeckt. Die Liveära der Beatles endete nicht aus nur einem einzigen Grund.

Immerhin hatte die Band etwas durchgemacht, was vor ihnen noch nie jemand in dieser Intensität erlebte und durchlitt. Die vier waren ausgelaugt. Die Jahre unterwegs hatten Kraft gekostet. Paul McCartney scherzte gern, dass sie während dieser Zeit dreimal so schnell gealtert sind wie normale Menschen. Wenn man Aufnahmen von 1963 mit jenen von 1966 vergleicht, kann man McCartney nur zustimmen.

„Abscheu und Verzweiflung“

Der Begeisterungsstürme überdrüssig, waren die Beatles angezählt. Vor allem John Lennon hatte keine Kraft mehr, sich zu verbiegen und den eloquenten, smarten und putzigen Beatle zu mimen. „Lennon drosch mit seiner Hand auf die Tasten seines Klaviers ein“, erzählte Philip Norman, „aus Abscheu und aus Verzweiflung, weil es ohnehin keiner hören konnte.“ Drogen, Frauen und die Technik besiegelten schließlich die Entwicklung. LSD war gerade angesagt. Älter geworden sehnten sich die Beatles auch nach Zeit für sich und nach Bindungen, die länger hielten als die eine Nacht im Hotel.

Am 9. November 1966 würde John Lennon Yoko Ono kennenlernen, George Harrison hatte gerade erst seine Freundin Patti geheiratet, Ringo Starr fand im Familienleben Ruhe und Paul McCartney zog in ein neues Haus im Bezirk St. John’s Wood. Cavendish Avenue 7 lag unmittelbar neben den Abbey Road Studios. Jahre später gab es Zweifel, ob McCartney 1966 überhaupt noch lebte. Ende der 1960er verbreitete sich plötzlich das Gerücht, McCartney wäre 1966 bei einem Autounfall gestorben. McCartney lebte, aber der Abschied von den Konzertbühnen war ein Puzzlestein des Gesamtgefüges und wurde zum Anfang vom Ende.

Eindrücke vom Beatles Konzert im Candlestick Park, San Francisco

AP/Fred Pardini

Ganz war die Beatlemania noch nicht abgeklungen

Der 29. August 1966

In San Francisco wurde es schlicht „The Stick“ genannt. Die Heimat der lokalen Baseball-Mannschaft der Giants war ein gigantisches Bauwerk. Im Westen der Bucht von San Francisco gelegen, war der Candlestick Park für den stürmischen Wind berüchtigt, der vom Stillen Ozean über Spielfeld und Sitzplätze hinwegfegte.
Als die Beatles im Candlestick Park einliefen, war die Arena bei Weitem nicht ausverkauft - so wie auch die anderen Konzerte der Tournee. Lennon war beim Publikum unten durch, weil er die Beatles mit Jesus verglichen hatte. 25.000 waren gekommen, es wäre Platz für über 42.000 gewesen. Es war die letzte von 19 US-Shows der Band in diesem Jahr und auch sie dauerte kaum 30 Minuten.

Kurz vor 10.00 Uhr abends hallten die letzten Zeilen des Little-Richard-Klassikers „Long Tall Sally“ durch den Park. "Have some fun tonight“ waren Paul McCartneys Abschiedsworte, bevor er noch ein letztes Mal seinen Beatle-Kopf schüttelte. Das war’s. Als nächstes würde die Band „Strawberry Fields Forever“ aufnehmen. Niemandem kam in den Sinn, dass die Beatles nie wieder ein Konzert geben würden. „Man sprach von einer Pause“, so Norman. „Bis zum Ende der Band wurden sie ja immer wieder gefragt, wann sie denn wieder live auftreten würden. Offiziell haben die Beatles nie angekündigt, dass sie nie wieder live spielen würden.“

Der Abspann

2014 wurde der Candlestick Park abgerissen. Längst spielten dort die 49ers und nicht mehr die Giants. Die Abrissbirne stand schon bereit, als noch einmal ein Beatle in den Park zurückkehrte. Paul McCartney, mittlerweile geadelt und 72 Jahre alt, verabschiedete sich im August 2014 offiziell von der Stätte des letzten Konzertes seiner früheren Band. Ein Jahr später war der Candlestick Park Geschichte. An seiner Stelle entsteht gerade ein Shoppingcenter mit Wohnungen.

David Baldinger, für ORF.at

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