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„Reine Diskriminierung“

Mit dem eigenen Chef oder Vorgesetzten erfolgreich eine Gehaltserhöhung auszuhandeln ist in Zeiten wie diesen in vielen Branchen schwierig. Besonders hoch sind die Hürden aber - und das unabhängig von der Konjunktur - für Frauen.

Eine häufig vertretene These lautet, Frauen würden nicht mit demselben Nachdruck ihre Forderungen stellen wie ihre Kollegen - was implizit unterstellt, sie seien selbst schuld. Genau diese „zumindest Teilschuldzuweisung an Frauen für Geschlechterunterschiede“ nennen die Studienautoren der Londoner Cass Business School sowie der Universitäten Warwick und Wisconsin als wichtigen Grund, diese Annahme zu hinterfragen. Das Ergebnis der Untersuchung ist eindeutig: Die „Frauen fragen nicht“-These ist als Erklärung für die Gehaltsunterschiede nicht haltbar.

Auch eine in früheren Untersuchungen gern verwendete Erklärung dafür, nämlich dass Frauen zögerlicher seien, weil sie mehr Furcht vor negativen Auswirkungen auf das Arbeitsklima hätten, ist laut der neuen Studie nicht belegbar.

Einzigartige australische Daten

Für diesen Zweck wurden 4.600 Daten von weiblichen und männlichen Angestellten in Australien verglichen. Dort gibt es seit Jahren eine systematische Umfrage, die das Arbeitsumfeld im Detail erhebt - laut Studienautoren die wohl einzige systematische Quelle dieser Art weltweit.

Erfasst wird im jährlichen „Australian Workplace Relations Survey“ insbesondere auch, ob das Gehalt durch Verhandlungen festgelegt wird, ob die Mitarbeiterin seit Eintritt in die Firma erfolgreich eine Erhöhung ausgehandelt hat, ob sie lieber nicht verhandelte, um das Arbeitsklima nicht zu belasten, warum sie sich dafür entschied und wie zufrieden sie generell ist.

25 Prozent Unterschied

Die Studie eliminierte auch die Verzerrung, die sich daraus ergibt, dass bei Frauen der Anteil an Teilzeit viel höher ist als bei Männern. Beim Vergleich Vollzeit arbeitender Frauen und Männer ergab sich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Männer eine Gehaltserhöhung bekommen, wenn sie diese fordern, um 25 Prozent höher ist als bei Frauen.

Aus den Daten ergab sich kein Hinweis darauf, dass der Grund dafür eine stärkere Zurückhaltung von Frauen ist, eine Erhöhung zu fordern - etwa aus Sorge, damit den Chef zu verärgern oder von der empfundenen Vorstellung, wie Mitarbeiterinnen zu agieren haben, abzuweichen.

„Keine stichhaltigen Beweise“

Andrew Oswald von der Universität Warwick, einer der Studienautoren, betonte gegenüber der BBC, er sei vom Ergebnis überrascht gewesen. „Die Ansicht, dass Frauen keine Erhöhung fordern, ist sehr verbreitet. Viele Frauen sagen und glauben das, aber es gibt keine stichhaltigen Beweise dafür.“

Eine mögliche Erklärung ist laut Oswald, dass Männer, deren Forderung abgeschmettert wird, das nicht einräumen, Frauen dagegen offener darüber reden würden. „Aber nach all den Erkenntnissen, müssen wir, glaube ich, einfach sehen, dass es ein Element reiner Diskriminierung gegen Frauen gibt.“ Dass Australien in dieser Hinsicht eine Sonderstellung einnehme, glaubt Oswald jedenfalls nicht. Das sei „unwahrscheinlich“.

Eine Frage des Alters

Auffällige Unterschiede fand die Studie aber, wenn man das Alter der Befragten berücksichtigt. Bei den unter 40-Jährigen war die Rate jener, die eine Gehaltserhöhung erfolgreich aushandelten, gleich hoch. Für Amanda Goodall von der Cass Business School ist das die andere Seite der Medaille: „Die Studie weist möglicherweise auch auf eine positive Entwicklung hin. Junge Frauen sind heute bei Gehaltsverhandlungen erfolgreicher als ältere Frauen - und vielleicht wird sich das fortsetzen, wenn sie älter werden.“

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