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Strategische „Verstärkung“

Der US-Präsident ist wohl einer der am meisten mit Terminen und Treffen eingedeckten Menschen überhaupt. Nicht umsonst zieht sich Barack Obama immer spätabends zurück, um alleine über anstehende Entscheidungen nachzudenken. Auch die Mitarbeiter im Weißen Haus müssen um jede Sekunde Aufmerksamkeit von Obama kämpfen.

Besonders schwer haben es hierbei Frauen, die von Männern häufig unterbrochen werden. Doch Beraterinnen von US-Präsident Barack Obama entwickelten offenbar eine Gegentaktik, um dem „Manterrupting“ Paroli zu bieten. Unter diesem Begriff, der eine Wortkreation aus „Man“ (Mann) und „interrupting“ (unterbrechen) ist, wird im angelsächsischen Raum seit Jahren immer wieder über diese Thema debattiert. Ein weiteres Phänomen in diesem Kontext ist „Mansplaining“ - wenn Männer Frauen etwas erklären, obwohl diese es sowieso wissen.

Besprechung mit US-Präsident Barack Obama

Reuters/White House/Pete Souza

Sicherheitsbriefing zur Lage in der Ukraine vor zwei Jahren, mit der Nationalen Sicherheitsberaterin Susan E. Rice

Mehrere ehemalige Mitarbeiterinnen Obamas erzählten nun der „Washington Post“ über ihre Zeit im Weißen Haus - das ab Jänner möglicherweise erstmals von einer Präsidentin geleitet wird - und über ihre Erfahrungen mit den Kollegen, Sexismen und dem Kampf, zu wichtigen Meetings überhaupt zugelassen zu werden und sich dann auch noch Gehör zu verschaffen.

„Obama hat das bemerkt“

Eine Ex-Mitarbeiterin, die nicht namentlich genannt werden wollte, betonte, die Frauen im Beraterstab hätten irgendwann begonnen, einander in Besprechungen gezielt zu unterstützen. Wenn eine Beraterin etwas aus ihrer Sicht Wichtiges sagte, wiederholte das eine der anderen anwesende Frauen und betonte dabei, dass ihre Kollegin diese Idee zuvor aufgebracht hatte. Das habe die anwesenden Männer dazu gezwungen, den Beitrag wahrzunehmen - und verhinderte, dass sie diese Idee selbst für sich vereinnahmten.

„Wir haben einfach damit angefangen und haben das ganz gezielt gemacht. Das ist jeden Tag passiert“, so die frühere Obama-Beraterin gegenüber der Zeitung. Sie hätten diese Taktik „Verstärkung“ („Amplification“) genannt. Und Obama habe das bemerkt und darauf reagiert, indem er öfter die Frauen und die Jungen unter den Beratern um ihre Meinung gefragt habe.

Testosteron im Westflügel

Macht und Einfluss definiert sich im Weißen Haus noch mehr als in anderen Institutionen über die Nähe zu einer einzigen Person: dem Präsidenten. „Im Raum“ zu sein - ob im Oval Office oder beim Treffen mit dem Stabschef um 7.30 Uhr, bei dem alle wichtigen Themen ausgegeben werden - ist entscheidend.

Zu Beginn von Obamas erster Amtszeit war der Westflügel des Weißen Hauses „voll Testosteron“, wie es die „Washington Post“ ausdrückt. Männer wie der nunmehrige Bürgermeister von Chicago, Rahm Emmanuel, gaben den Ton an. In seiner zweiten Amtszeit änderte sich das grundlegend. Obamas engstes Beraterteam ist zur Hälfte weiblich. Und die Hälfte der Abteilungen im Weißen Haus wird von Frauen geleitet.

„Mehr Östrogen“

„Ich glaube, eine kritische Masse zu erreichen macht einen Unterschied“, so die hochrangige Beraterin im Weißen Haus, Valerie Jarrett. „Es stimmt, dass am Anfang viel Testosteron in der Luft war. Jetzt haben wir etwas mehr Östrogen, was für einen Ausgleich sorgt.“ Die Nationale Sicherheitsberaterin Susan E. Rice sagte, sie habe in früheren Funktionen immer drängen müssen, zu Besprechungen zugelassen zu werden. „Es ist nicht angenehm, einen Mann bitten zu müssen: ‚Nimm mich auch in die Besprechung mit.‘“

„Keineswegs selbstverständlich“

Die eigene Position selbst immer zu wiederholen zeigt in der Regel nur begrenzte Wirkung. Die Position von Frauen insgesamt zu stärken, indem Frauen gezielt die Positionen ihrer Kolleginnen wechselweise unterstützen, ist eine naheliegende Taktik, „aber keineswegs selbstverständlich“, wie etwa das Onlineportal Quartz schreibt.

Dieses sieht darin eine grundsätzliche Verschiebung, die sich laut dem Magazin an Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und deren Buch „Lean In“ festmachen lässt. Sandberg betont, dass früher, als Frauen zu Quotenzwecken bestellt wurden, sie einander oft mehr als Konkurrenz sahen. „Frauen wurden schließlich oft von anderen Frauen ignoriert, deren Position untergraben oder in manchen Fällen richtiggehend sabotiert“, so Sandberg in ihrem vielbeachteten Buch.

Viele Obama-Mitarbeiterinnen, ist das Onlinemagazin überzeugt, hätten wohl das Buch gelesen und ihre Lektion daraus gelernt. „Die Formen der Zusammenarbeit, für die sie die Werbetrommel rühren, verbreiten sich bereits allgemein in der Arbeitswelt“, so das Resümee.

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