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Befragen der eigenen Identität

Literarische Salons im 18. und 19. Jahrhundert waren etwas für die intellektuelle Elite des Landes, die Gastgeberinnen oft gebildete Damen adeliger Herkunft, die in ihren Stuben über Politik, Literatur und Wissenschaft diskutieren ließen. Beim Vienna Humanities Festival am Wochenende wird es wohl hemdsärmeliger zugehen.

Die Vorbilder stammen nicht aus der Romantik, sondern sind zeitgenössisch: 1990 fand in Chicago ein erstes Humanities Festival statt – nun wird die Idee nach Österreich importiert. Importeur ist Matti Bunzl, der das Chicago Humanities Festival als Intendant vier Jahre lang geleitet hat. Seit dem Vorjahr ist Bunzl Direktor des Wien Museums und verpflanzt die Idee nun in den „Vorgarten“ des Museums: An mehreren Orten rund um den Karlsplatz – in der TU Wien, der Theater- und Performancebühne brut, der Karlskirche und dem Wien Museum - heißt die Hauptidee „Dialog“.

„Jeder und jede kann teilhaben“

„Das Festival ist ein politischer und intellektueller Salon, in dem jeder und jede an einem kritischen Dialog mit den Vortragenden und anderen Zuhörern teilhaben kann“, sagt Shalini Randeria, die Rektorin des mitveranstaltenden Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), gegenüber ORF.at.

Die Liste der Teilnehmer ist lang: Sie reicht von Wolfgang Müller-Funk, Agnes Heller und Barbara Coudenhove-Kalergi über den indischen Ethnologen Arjun Appadurai, den deutschen Populismusforscher Jan-Werner Müller bis zum kongolesischen Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila. Rund 40 Vorträge und Diskussionen stehen auf dem Programm, dazu kommt ein „Read-a-thon“, bei dem Autoren und Autorinnen aus Texten von Kollegen vorlesen, die von Flucht und Migration handeln. Der Eintritt ist frei.

Alle Orte tragen Spuren anderer Orte

„Bisher hat es in Wien noch kein Festival gegeben, wo man sich ein Wochenende lang dem Reich der Ideen, die in akademischen Schreibstuben entstehen, hingeben und es lustvoll genießen kann“, so Bunzl gegenüber ORF.at. Der Ablauf der Veranstaltung soll dafür sorgen, dass dieser Genuss nicht im Elfenbeinturm einer Elite verbleibt. „Es sind keine langen Vorträge, sondern Gespräche mit einem Gesprächspartner, und dann kann gleich das Publikum mitdiskutieren“, so die Sozialanthropologin Randeria.

Das Generalthema der Festivalpremiere lautet „Andernorts/Out of Place“ und verweist auf eines der brennendsten Themen der Gegenwart: die Flucht- und Migrationsbewegungen. Der Titel stammt aus dem gleichnamigen Roman von Doron Rabinovici, der auch Gast des Festivals ist. „Der Roman reflektiert sehr profund, worum es uns geht: nämlich um den Gedanken, dass Heimat nie vollständig sein kann, dass alle Orte und Verortungen immer Spuren von anderen Orten beinhalten. Das alles steckt in dem Wort ‚andernorts‘ drinnen, deshalb halte ich es als Titel für unser Festival ideal“, sagt Bunzl gegenüber ORF.at.

Migration stellt Fragen nach Identität

Bunzl ist Anthropologe und somit Vertreter jener Wissenschaftsdisziplinen, die sich im englischen Sprachraum Humanities nennen und die sich im Titel des neuen Festivals wiederfinden. Humanities stehen in erster Linie im Gegensatz zu den „Sciences“, den „harten“ Naturwissenschaften - auf Deutsch sind sie ungefähr so viel wie alles zwischen Literatur- und Politikwissenschaft.

Dass diese Humanities viel zu den Fragen und Ängsten um die Migrationsbewegungen der Gegenwart beitragen könnten, davon ist auch Michael Rothberg überzeugt, Holocaustforscher an der University of California in Los Angeles und Teilnehmer in Wien: „Die Humanities vertreten andere Standpunkte als Politik, Sozialwissenschaft oder Journalismus, und zwar, weil die Kultur, die wir untersuchen, andere Blickwinkel liefert“, so Rothberg gegenüber ORF.at.

„Dinge wie Krieg, Rassismus oder Staatsbürgerschaft haben eine kulturelle Dimension, über die oft nicht gesprochen wird. Migration hat viel mit Identität zu tun, mit Fragen nach Geschichte und Erinnerung, und Migranten fordern solche Fragen heraus. Sich diesen Frage kulturell zu nähern halte ich heute in Europa für absolut essenziell.“

Hoffen auf volle Häuser

Eine solche Annäherung im Dialog kann am Wochenende beim Humanities Festival in Wien unternommen werden. Eine Messlatte des Erfolgs wollen die Organisatoren nicht anlegen. 1990, bei der Premiere des Vorbildes in Chicago, kamen 3.500 Besucher. Heute dauert das dortige Herbstfestival drei Wochen lang (es gibt mittlerweile auch eines im Frühling), und rund 50.000 Menschen besuchen die Veranstaltungen – die mittlerweile auch nicht mehr gratis sind. „Chicago wurde ein Opfer seines Erfolgs“, so Bunzl. „In Wien hoffe ich auf volle Häuser und dass die Wiener nachher sagen: Das ist ein spannendes Format, und ich kann es gar nicht erwarten, was ihr nächstes Jahr macht.“

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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