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Rechtsbeistand erst bei Urteilsverkündung

Schon Donnerstagfrüh könnte die heute 22-jährige Iranerin Seinab Sekaanwand (alternative Schreibweise: Zeinab Sekaanvand) am Galgen hingerichtet werden. Für einen Mord, den die ehemalige Kinderbraut mit einiger Wahrscheinlichkeit gar nicht begangen hat, wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) betont. Zu den entsprechenden Vorwürfen schweigt der Iran beharrlich.

Seit vier Jahren kämpft Amnesty für Sekaanwand. Damals war sie als Mörderin ihres Ehemannes verurteilt worden, mit dem sie im Alter von 15 Jahren verheiratet worden war. Im Iran gelten Mädchen und Buben ab der Pubertät als volljährig, die von Gerichten bei Mädchen pauschal ab neun Jahren als gegeben angenommen wird. Es geht aber nicht allein um ein Todesurteil gegen eine zum Tatzeitpunkt Minderjährige: Über die Jahre tauchten ständig neue Details zu den Ermittlungen auf, die an Sekaanwands Schuld zweifeln lassen.

Geständnis unter Folter?

Sekaanwands Verurteilung beruhte allein auf einem schriftlichen Geständnis, das sie nach 20 Tagen in Polizeigewahrsam abgegeben hatte. Laut ihren Aussagen wurde die damals 17-Jährige durch Prügel und andere Misshandlungen dazu gezwungen. Sie zog ihr Geständnis im Prozess zurück, was für das Gericht jedoch irrelevant war - ebenso wie ihre Aussage, dass der Bruder des Mannes der Täter sei und sie zu dem Geständnis gedrängt habe.

Laut iranischem Recht können die nächsten Familienmitglieder eines Getöteten die Täterin oder den Täter rechtswirksam begnadigen. Der Bruder des Mannes, der Sekaanwand auch mehrmals vergewaltigt haben soll, versprach ihr laut ihren Angaben eine Begnadigung, wenn sie statt seiner die Tat gesteht. Das Gericht ignorierte diese Angaben und ließ auch ihre Vorwürfe im Hinblick auf Misshandlungen durch die Polizei nicht untersuchen.

Verfahrensfehler, wohin das Auge blickt

Was den Fall noch empörender macht: Das Urteil wäre auch nach iranischem Strafrecht aufzuheben. Wie Amnesty gegenüber der britischen Onlinezeitung Independent sagte, hätte ihr Alter zumindest als Milderungsgrund gewertet werden müssen. Auch hätte das Gericht ein Gutachten zu Sekaanwands Geisteszustand einholen müssen und bei Vorliegen verminderter Schuldfähigkeit höchstens eine Haftstrafe aussprechen dürfen. Laut der britischen BBC leidet sie nachweislich schon lange unter Depressionen.

Vor allem aber hatte Sekaanwand erst am Tag der Verurteilung zum ersten Mal Kontakt zu einem Anwalt. Der vom Staat bereitgestellte Verteidiger unterließ es zudem nachweislich, sie über mögliche Rechtsmittel gegen ihre Verurteilung zu informieren. Ihre Hinrichtung war nur deshalb aufgeschoben worden, weil sie im Gefängnis, wo sie 2015 einen Mitgefangenen heiratete, schwanger geworden war. Das Kind kam letzten Monat tot zur Welt, woraufhin die Justiz den Aufschub ihrer Hinrichtung für beendet erklärte.

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