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Neues Beben „in den nächsten Tagen“?

Nach dem neuen schweren Erdbeben am Sonntag und einer Serie heftiger Nachbeben hat eine Fluchtbewegung in den betroffenen Regionen Marken und Umbrien eingesetzt. 200 Einwohner der bereits am Mittwoch von einem Beben zerstörten Gemeinde Ussita haben ihren Heimatort verlassen. Als Trost blieb, dass das Beben keine Todesopfer forderte. Laut dem Zivilschutz wird auch niemand vermisst.

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Die Behörden riefen die Menschen auf, die betroffenen Orte zu verlassen und die Nacht in den Notunterkünften zu verbringen. „Woanders hinzugehen heißt nicht, nicht zurückzukehren“, sagte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Viele Menschen suchten Zuflucht bei Angehörigen und Freunden außerhalb des gefährdeten Gebiets. Tausende haben aber die Nacht in Autos oder in Notunterkünften verbracht. Trotz Appellen des Zivilschutzes, in Hotels an der Adria-Küste zu ziehen, verzichteten viele Betroffene darauf, ihre Dörfer zu verlassen. Die Gemeinden organisierten Zelte und Notunterkünfte.

Auch in der Nacht gab es schwere Nachbeben nach dem geologisch schwersten Erdstoß in Italien seit 1980. Das stärkste hatte eine Magnitude von 4,2, es wurde um 2.27 Uhr registriert. Nachbeben am Sonntag erreichten Stärken von mindestens 4,5.

Mehr als 25.000 Obdachlose

Allein in der Region Marken stieg die Zahl der Obdachlosen auf mehr als 25.000. Diese Zahl könne noch variieren, sagte der Präsident der Region, Luca Ceriscioli, am Sonntag. „Es ist eine enorme Zahl von Menschen.“ Hinzu kommen die Obdachlosen in der Region Umbrien, in der bei dem neuen Beben die Stadt Norcia besonders getroffen wurde. Der Bürgermeister der Adria-Stadt Civitanova, Tommasso Corvatta, erwartete eine „epochale Migration“.

Auch Petersdom auf Schäden überprüft

Der gesamten 5.000 Einwohner zählenden Stadt Norcia, die vom Erdbeben am Sonntag am meisten betroffen war, droht der Exodus. Der Stadtkern wurde wegen Einsturzgefahr abgeriegelt. „Ganze Städte sind in Trümmern“, berichteten Zivilschutzsprecher. Gerechnet wird mit Tausenden Obdachlosen. „In diesem schwierigen Moment müssen wir alle Zusammenhalt bewahren“, sagte der italienische Präsident Sergio Mattarella, der den Betroffenen sein Beileid ausdrückte.

Menschen werden in Leonessa in Sicherheit gebracht

Reuters

Die Kleinstadt Leonessa wird evakuiert

In Rom, wo die neuerlichen Erschütterungen stark zu spüren waren, bleiben am Montag die Schulen geschlossen. Zwar habe das Beben „augenscheinlich (...) keine schweren Schäden in Rom angerichtet“, schrieb Bürgermeisterin Virginia Raggi auf ihrer Facebook-Seite. Die Schulen sollten am Montag dennoch von Fachleuten untersucht werden. Auch einige Kirchen und andere öffentliche Gebäude wurden vorübergehend gesperrt. Der Petersdom wurde auf Schäden überprüft, es wurden aber keine festgestellt.

Regierung im Krisenmodus

Die Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi will am Montag in einer Kabinettssitzung über die Lage beraten. Der Premier hatte schnelle Hilfe versprochen.

Staatspräsident Sergio Mattarella drängte auf einen schnellen Wiederaufbau. „In einem weiten Teil unseres Landes haben viele Menschen ihre Häuser verloren, viele haben Angst hineinzugehen“, erklärte er bei einem Israel-Besuch. „Der Beitrag von allen (...) ist nötig, denn so vielen unserer Mitbürger in Schwierigkeiten muss das Recht garantiert werden, in ihren Häusern in Frieden zu leben.“

Beben seit August „geodynamisch verbunden“

Der Seismologe Gianluca Valensise warnt zudem vor weiteren Beben. Der Experte des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie sieht alle Beben seit August durch eine „geodynamische Verbindung“ in Bezug zueinander. Am 24. August starben in und um Amatrice 300 Menschen, erst am vergangenen Mittwoch richtete ein weiterer Erdstoß in der Gegend schwere Verwüstungen an und forderte ein Todesopfer. Zwischen den drei großen Beben gab es unzählige kleinere.

Zerstörung nahe Norcia

APA/AFP/Alberto Pizzoli

Folgen des Bebens nahe Norcia

Der Apennin, der Italien von Ligurien bis nach Sizilien durchzieht, ist von geologischen Verwerfungen von jeweils zehn bis 20 Kilometer Länge durchzogen. „Ein Erdbeben der Stärke sechs oder mehr lässt Druck entstehen, der sich auf angrenzende Verwerfungen verteilt und diese brechen lassen kann“, erklärte Valensise gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Das sei „wohl das, was wir seit August gesehen haben“.

Serie „im Prinzip auf unbestimmte Dauer“

Jedes große Beben schwäche eine korrespondierende Verwerfung, sieht Valensise einen „Dominoeffekt“. Das könne sich „über Hunderte Kilometer hinweg im Prinzip auf unbestimmter Dauer fortsetzen“. Als Beispiele sieht er fünf große Beben in Kalabrien im Jahr 1783 innerhalb von zwei Monaten und drei Beben innerhalb von drei Wochen rund um Assisi im Jahr 1997. Die jetzige Serie sei jedoch von „größerem Maßstab“.

„Wenn der Prozess der Druckverteilung andere Verwerfungen findet, die kurz vor dem Bruch stehen, könnte das in den nächsten Tagen oder Wochen so weit sein“, kann Valensise keine genaueren Angaben machen. In diesem Fall würden die nächsten Beben jedoch nordwestlich oder südöstlich des jetzigen Epizentrums liegen. Auch ohne „Dominoeffekt“ müsse die nun betroffene Gegend „zumindest noch ein paar Wochen lang“ mit Nachbeben rechnen.

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